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Hammelburg
Kirche

Warum der Stadtpfarrer neu laufen lernt

Thomas Eschenbacher hat sich an beiden Beinen Bänderrisse zugezogen. Wann die Herausforderungen für die katholische Pfarrgemeinde wieder enden, ist unklar.
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Pfarrer Thomas Eschenbacher wohnt vorübergehend im Dr.-Maria-Probst-Pflegeheim.  Foto: Wolfgang Dünnebier
Pfarrer Thomas Eschenbacher wohnt vorübergehend im Dr.-Maria-Probst-Pflegeheim. Foto: Wolfgang Dünnebier

Der Freitag vor dem vierten Advent 2019 bleibt ein besonderer Tag im Leben von Pfarrer Thomas Eschenbacher und seiner Gemeinde. Nach dem Gottesdienst in Obererthal stolperte er über die Bordsteinkante und stürzte. "Mir war schnell klar, dass es etwas Schlimmeres ist", erinnert er sich an die Schmerzen. Doch die Diagnose im Bad Kissinger Krankenhaus übertraf alle Befürchtungen.

Längerer Krankenstand

Die Bänder an beiden Knien waren gerissen. Nach der Operation stimmten ihn die Ärzte auf einen längeren Krankenstand ein. Das war vor den Weihnachtsfeiertagen eine Hiobsbotschaft. Für Eschenbacher ganz persönlich, aber auch für Freunde und die Gemeinde. Es galt, kurzfristig das Festtagsprogramm neu zu planen, Vertretungen zu gewinnen und an Perspektiven zu arbeiten.

Zu einem Interview mit dieser Zeitung, wie das alles zu meistern sei, war Eschenbacher unter den frischen Eindrücken damals nicht bereit. "Ich bin erst einmal mit mir selbst beschäftigt und muss das alles verdauen", erklärte er im Dezember seine Gemütslage.

Jetzt, sechs mühsame Wochen nach dem Zwischenfall, ist die Unsicherheit gewichen. Er hat neue Zuversicht gewonnen und freut sich über Besuch am Krankenbett im Dr. Maria-Probst-Altenheim. Seit Ende Dezember hat er dort ein Zimmer. Mit seiner Gehbehinderung kommt das Pfarrhaus aktuell als Quartier nicht in Frage. Seine Wohnung dort liegt im ersten Stock, Büro und Schlafzimmer sogar im zweiten.

Das sind bauliche Hürden, die er schwer überwinden könnte. Denn erst langsam lernt Eschenbacher wieder laufen. Dazu braucht er ein ebenerdiges Umfeld. Auf dem Flur des Probst-Heimes dreht er gemächlich seine Runden. Dazu rollt er ein Gestell, auf dem er seine Unterarme abstützt, um die Beine zu entlasten. Bis zu eineinhalb Stunden ist er auf diese Weise am Tag unterwegs. Dazu kommen etwa drei Stunden am Tag, in denen er liegend mit einem elektrischen Kniebeuger die Beingelenke trainiert. Physiotherapie rundet das Genesungsprogramm ab. "Das ist richtig harte Arbeit", sagt Eschenbacher.

Apropos Arbeit: Die Gemeinde gerät Eschenbacher nach seinen Worten kaum aus dem Sinn. "Ich bin zwar formell krank, bleibe aber Seelsorger." Dank der kurzen Wege in Hammelburg ist Eschenbacher ständig mit seinen Mitarbeitern in Kontakt. Es wird schon mal gemeinsam geplant, organisiert und delegiert. Aber auch so manche Unterschriften hat der Pfarrer am Krankenbett schon geleistet. Gegenwärtig ist das Angebot an Gottesdiensten etwas reduziert. In den sieben Gemeinden der Pfarreiengemeinschaft fällt pro Woche insgesamt ein Gottesdienst am Wochenende und einer unter der Woche weg. Manches Mal findet lediglich ein Wortgottesdienst statt. Aber es gibt auch Fragen zu den Kindergärten, zur Zukunft der Klosterkirche oder zum Wasserschaden im Pfarrzentrum zu klären. Dank seines Teams laufe das prima.

Viel Besuch am Bett

Das Team lässt sich einiges einfallen, um Eschenbacher die Situation erträglich zu machen. Es ermöglichte sogar die Übertragung des Weihnachtsgottesdienstes per Kamera auf das Smartphone am Krankenbett in Bad Kissingen. Der Ton kam über das Festnetz. Das war für den Pfarrer ein kleiner Trost dafür, dass er 2019 keine seiner Kirchen im vollen Weihnachtsschmuck gesehen hat. Ablenkung erfährt er auch von Leuten aus der Gemeinde oder von Freunden, die reichlich zu Besuch kommen. "Manchmal feiern wir dann das Leben", sagt Eschenbacher. Aber den Fasching vermisse er schon. "Ich bin bestens umsorgt", freut er sich über die Pflege durch das Personal im Probst-Heim. Als Stiftungsbeirat der Carl-Von Heß'schen Stiftung lernt er das Haus nun einmal aus Bewohnersicht schätzen. Ein erstes Fazit: "Der Pflegeberuf muss mehr Wertschätzung erfahren", findet er. Dabei gehe es nicht erst einmal ums Geld. "Öfter wäre ein Kollege zusätzlich recht", beschreibt er die Situation.

Ideen für die Senioren

Auch sei ihm mit Blick auf seine Mitbewohner bewusst geworden, wie schnell einem das Dach auf den Kopf fallen kann, wenn man keinen Kontakt zur Außenwelt hätte. Und eine neue Idee hatte er auch Schon: Er denke daran, die Gottesdienste aus der Stadt ins Altenheim zu übertragen. Lieber heute als morgen möchte Pfarrer Eschenbacher ins Pfarrhaus zurück. Aber das wird frühestens Ende Februar der Fall sein. Dann geht es erst einmal auf Reha, und anschließend wird es mit dem Halten von Gottesdiensten auch nicht so einfach sein. "Da muss ich ja meistens stehen", sagt der Geistliche.

"Eigentlich ist es mein Plan, Ostern zusammen mit dem Pfarrzentrum Wiedereröffnung zu feiern", so Eschenbacher. Der Pfarrsaal ist ja seit Monaten nach einem Wasserschaden geschlossen. Nachdem sich beim Pfarrsaal nun noch einmal Schwierigkeiten andeuten, hofft Eschenbacher, dass sich der Zeitplan wenigstens in eigener Sache einhalten lässt.

Der anfängliche Frust des Geistlichen ist also in ein Stück Gelassenheit umgeschlagen. "Für mich heißt es auch, das Ganze als Fingerzeig Gottes zu verstehen und die Botschaft dahinter zu akzeptieren." Was auch bedeute, dem Leben und seinen Herausforderungen mit der gebotenen Demut zu begegnen. Wolfgang Dünnebier

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