Ramsthal
Weinbau

Verheerende Nacht für den Wein

Nach spätem Frost zeichnen sich riesige Ernteausfälle ab. Die dramatischen Konsequenzen der Nacht zum 5. Mai werden immer deutlicher.
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An den Stöcken in den Ramsthaler Weinbergen kräuseln sich die Blätter.  Foto: Wolfgang Dünnebier
An den Stöcken in den Ramsthaler Weinbergen kräuseln sich die Blätter. Foto: Wolfgang Dünnebier

Sorgenvoll schauen Ramsthaler und Wirmsthaler Winzer aktuell auf ihre Stöcke in den Weinbergen. Statt sprießender Triebe sehen sie dort überwiegend braune, sich wellende Blätter. Noch gibt es Hoffnungen, dass die Natur das eine oder andere richtet. Aber die aktuelle Bestandsaufnahme ist niederschmetternd. "Ich gehe von einem Verlust von 80 Prozent aus", sagt Gerald Baldauf auf Nachfrage. Nicht ganz so schlimm trifft es das benachbarte Wirmsthal.

Ausfälle häufen sich

Die Ausfälle ähnlicher Art häufen sich. Seit 2011 gab es viermal Beeinträchtigungen durch Frost, dreimal davon schwer. Besser lässt sich die aktuelle Situation verkraften, weil es 2018 reichlich Trauben gab und die Keller gut gefüllt sind. Dennoch müssen Kunden damit rechnen, dass Nebensorten wie Schwarzriesling, Rieslaner oder Gewürztraminer, 2020 knapp werden. Glück hatten andere Weinorte im Saaletal. Sie sind mit keinen oder geringen Schäden davon gekommen, während einzelne weiter entfernte fränkische Weinbaugebiete ebenfalls litten.

Minus 1,6 Grad Celsius um 6 Uhr früh hat Gerald Baldauf als tiefsten Wert an seiner Wetterstation im Ramsthaler Weinberg ausgelesen. Bodennäher dürfte es noch ein Grad weniger gewesen sein. Infolgedessen habe feuchter Nebel für Eisbildung auf den Stöcken, und später das Verdunsten der Feuchtigkeit in der Sonne für zusätzliche Abkühlung gesorgt.

Jetzt hoffen die Ramsthaler Winzer darauf, dass an den Weinstöcken die Neben-Augen austreiben. Sie versprechen aber nur einen Bruchteil der gewohnten Ernte.

So erwartet Rainer Keller nach seinem jetzigem Eindruck, je nach Lage, einen Verlust von 75 bis 100 Prozent. Noch frisch sind seine Erinnerungen an das Jahr 2011. Damals gab es statt 90 Hektoliter Wein nur 25 pro Hektar. Zeit zum Däumchendrehen gibt es allerdings nicht. Das Beobachten, Ausschneiden und eventuell auch Roden von Flächen bereite jetzt zusätzlichen Aufwand.

Womöglich zwei Lesegänge

"Wegen der guten Ernte 2018 bin ich nicht ganz negativ gestimmt", sagt Lorenz Neder angesichts gut gefüllter Fässer. Bitterer wäre die Frostnacht vor zwölf Monaten gewesen, weil die Bestände 2017 wegen eines Spätfrostes um ein Drittel dezimiert waren. Jetzt stehe erheblicher Mehraufwand an, sagt er auch mit Blick auf seine Flächen im benachbarten Wirmsthal, wo man sich bereits jetzt von 30 bis 50 Prozent der zu erwartenden Ernte verabschieden muss. Weil dort angesichts manch überlebender Triebe und austreibender Neben-Augen zwei Reifegrade zu erwarten seien, kommen wohl zwei Lesegänge auf die Winzer zu.

"Langsam müssen wir uns was einfallen lassen", folgert Baldauf angesichts der Häufung von Frostschäden in den vergangenen Jahren. Für ihn sind sie Ausdruck des Klimawandels. Ungewohnt frühe Wärme lasse die Stöcke Triebe bilden, die dann dem Frost ausgesetzt sind. Ein schwacher Trost ist es, dass die Frostausfallversicherung einspringt. Allerdings erstatte sie nur ein bisschen der geleisteten Arbeit. Ein Ersatz für den wirtschaftlichen Verlust könne das längst nicht sein.

Beheizen ist keine Lösung

Beheizung der Weinberge sei angesichts der Klimadiskussionen der falsche Weg. Lange zurück seien in manchen Weinbergen Stroh verbrannt oder Fässer mit Altöl angezündet worden, berichtet Rainer Keller von Erzählungen. Heute werde anderenorts mit Gas oder Kerzen gearbeitet. Allerdings stehe der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag. Für eine Nacht müsste er 8000 Kerzen anzünden, die dann für vier Stunden brennen. Eine Garantie gegen Frostschäden ist das aber längst nicht.

Eine andere Strategie wäre es, den Rebschnitt hinter die Frostzeit in die Vegetationsperiode zu verschieben. "In Kanada wird das so gemacht", weiß Gerald Baldauf. Allerdings bringe dies den Pflanzen im Wachstum möglicherweise mehr Stress.

Bei aller Betroffenheit neigen die Ramsthaler Winzer zu einer möglichst emotionsfreien Betrachtung. "Wir wollen nicht jammern", verkündet Baldauf. Seine Kollegen kommentieren die Lage ähnlich. Arbeiten mit der Natur berge eben Risiken. Jetzt ruhen die Hoffnungen auch darauf, dass die Stöcke den Frostschock 2019 ohne Spätfolgen im kommenden Jahr wegstecken. dübi

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