Oberelsbach
Natur

Stabiler Bestand,offene Fragen

Kein genaues Ergebnis gab es wegen ungünstiger Witterung bei der Herbst-Zählung des Vogelbestands und vor allem des Birkwilds. Sind die fehlenden Insekten Ursache für Nachwuchsprobleme?
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Fehlen die Insekten: Die Frage, warum es weniger Nachwuchs bei manchen Vogelarten wie dem Birkwild (unser Bild) in der Rhön gibt, bereitet den Verantwortlichen Sorgen.  Foto: Wolfgang Völkl
Fehlen die Insekten: Die Frage, warum es weniger Nachwuchs bei manchen Vogelarten wie dem Birkwild (unser Bild) in der Rhön gibt, bereitet den Verantwortlichen Sorgen. Foto: Wolfgang Völkl

Wie in den Vorjahen, waren auch jetzt wieder zahlreiche Helfer unterwegs, um bei der Herbst-Zählung den Vogelbestand und vor allem das Birkwild im Naturschutzgebiet Lange Rhön zu registrieren. Die Bedingungen waren diesmal allerdings recht ungünstig. Die 55 ehrenamtlichen Zähler aus Jägerschaft, Ornithologen und Naturfreunden erlebten einen stürmischen und regnerischen Morgen. Entsprechend ungenau fiel auch das Ergebnis aus.

Insgesamt wurden nur 45 Vogelarten festgestellt, von denen sieben wie Bekassine, Wiesenpieper oder Raubwürger auf der Roten Liste Bayerns stehen. Und auch die vermutete Anzahl der Birkhühner sahen Beobachter wohl nur sehr unvollständig.

Zehn Hähne und fünf Hennen lautet das offizielle Zählergebnis, bei dem Wildland-Gebietsbetreuer Torsten Kirchner und sein Kollege, Berufsjäger Raphael Blum allerdings sicher wissen, dass es lediglich die Anzahl der erwachsenen Birkhähne repräsentiert. Im Herbst 2018 waren zehn Hähne und sieben Hennen gezählt worden. Von den zahlreicheren Hennen und vor allem denen mit Jungvögeln fehlte am Zählmorgen jede Spur. Dabei war im Vorfeld, sehr zur Freude der Verantwortlichen, der Nachweis von mindestens drei erfolgreichen Bruten in diesem Jahr gelungen.

Zu wenig Insekten?

"Nach den Vorbeobachtungen können wir aktuell von einem Hennenbestand von mindestens 15 Tieren ausgehen, denn ein Teil der Vögel ist besendert und hat das Jahr in der Rhön gut überstanden", sagt Torsten Kirchner. Insgesamt schätzt er den Birkwild-Bestand in der Rhön als stabil ein. Positiv sei, dass man in der Hochrhön überhaupt noch über Birkhühner, Braunkehlchen, Bekassinen und Raubwürger sprechen könne, "denn diese Arten sind in der normalen Kulturlandschaft längst Geschichte."

Natürlich stellt sich die Frage, warum der Bestand der Birkhühner nicht wächst. Für den Stillstand sieht Kirchner verschiedene Gründe. Man wisse mittlerweile, dass für erwachsenes Birkwild, das sich von pflanzlicher Kost ernährt, die Bedingungen offensichtlich besser sind, als für Küken, die in den ersten Lebenswochen ausschließlich Insekten fressen. Und das ist für Kirchner ein Punkt, über den man sich künftig noch mehr Gedanken machen muss.

Denn eine ähnliche Entwicklung zeige sich in der Hochrhön auch bei anderen Arten wie dem Braunkehlchen. Offensichtlich, so Kirchner, passe in der Reproduktion irgendetwas nicht mehr. "Wir beobachten singende Braunkehlchen, aber sehen selten, Futter tragende Vögel, die ihre Jungen versorgen. Sind inzwischen so viel weniger Insekten vorhanden, dass es nicht mehr für die Jungvögel ausreicht, oder stimmt es nicht mit der Synchronisation, dass diese zur falschen Zeit ihr Maximum haben?", fragt sich Kirchner.

Viele Störungen

"Bei diesen Fragen tappen wir doch noch sehr im Dunkeln", sieht der Gebietsbetreuer einigen Forschungsbedarf und fordert, "den Dingen tatsächlich stärker auf den Grund zu gehen". Für ihn wäre das vielleicht ein Thema für das in Bischofsheim geplante Biodiversitätszentrum, das allerdings erst noch im Entstehen ist.

Als weitere Faktoren für die aktuelle Entwicklung sieht Kirchner zum einen, dass es noch immer eine große Zahl natürlicher Feinde des Birkwilds gibt und zum anderen die Störungen im Gebiet. Die Rhön werde an manchen Wochenenden von Besuchern geradezu überrannt. Manche seien dabei ohne Rücksicht auf Verluste unterwegs. Kirchner weiß von Wohnmobilisten, die ihr Gefährt einfach im Naturschutzgebiet abstellen und morgens mit ihrem Hund in Bereichen spazieren gehen, die man eigentlich keinesfalls betreten sollte. Auch die Zahl der E-Biker im Sommer und der Schneeschuhläufer im Winter habe zugenommen. Nicht nur, dass manche sich nicht an die Regeln hielten, sie seien auch zu Zeiten wie dem späten Abend unterwegs, in denen die Natur früher ungestört war.

Letztendlich, so fordert der Fachmann, müsse man an allen Schrauben drehen, um die Lebensbedingungen für Bodenbrüter zu verbessern.

Die kommende Frühjahrszählung, die wegen der intensiven Balz und höherer Zählerbeteiligung dann wesentlich genauer sei, werde vielleicht ein paar Hühner zum Vorschein bringen, die bei der ungünstigen Witterung der Zählung im Herbst unentdeckt geblieben sind.

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