Nüdlingen
Gottesdiensttest

St. Kilian in Nüdlingen: Kirche muss nicht eingestaubt sein

Heute sind wir zu Besuch in der Pfarrei Nüdlingen. Wir erlebten einen Gottesdienst, bei dem die Moderne auf Tradition trifft.
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Die Nüdlinger Kirche Sankt Kilian wirkt von außen wie ein klassisches katholisches Gotteshaus. Das Innenleben bildet jedoch einen deutlichen Kontrast, der gefällt.  Foto: Johannes Schlereth
Die Nüdlinger Kirche Sankt Kilian wirkt von außen wie ein klassisches katholisches Gotteshaus. Das Innenleben bildet jedoch einen deutlichen Kontrast, der gefällt. Foto: Johannes Schlereth

Das Urteil unseres Testers:

Der Gottesdienst in der Nüdlinger Kirche beeindruckt. Dort trifft Moderne auf Tradition - und das nicht nur architektonisch. Dem Pfarrer gelingt es, durch eine kluge Predigt den Kirchenbesuchern einen wichtigen Denkanstoß mitzugeben und gleichermaßen auf eine aktuelle Problematik in der Welt aufmerksam zu machen. Das kommt bei der anwesenden Gemeinde gut an. Zum guten Eindruck trägt außerdem das Verhältnis innerhalb der Kirchenbesucher bei. Der Sitzplatz in einer anderen Kirchenbank ist für viele kein Hindernis, um dem anderen den Frieden zu wünschen.

Die Bewertung im Einzelnen:

1. Einstieg

Ein feierliches Orgelspiel durchbricht die Stille im Kirchenschiff. Im Hintergrund sind die vier Glocken zu hören. Das Klangbild wirkt dadurch voluminös. Schon bei der anschließenden Begrüßung der Gläubigen kommt der Pfarrer Dr. Wilhelm Mahlmeister auf das Thema des Gottesdiensts zu sprechen. In den vergangenen und kommenden Wochen stünden wichtige weltpolitische Entscheidungen an, etwa im Bereich des Klimas. Mahlmeister bat darum, dass der heilige Geist den Entscheidungsträgern dabei beistehen soll. Mahlmeister vertrat Nediljko Kesina, der verhindert war.

2. Musik

Der Organist verstand sich darauf, die Königin der Instrumente zu bedienen. Stets war sein Spiel den liturgischen Gegebenheiten angepasst. Für einen Gänsehautmoment sorgte unter anderem der Kyrieruf. Leise und sanft begleitete der Organist den klaren Gesang einer Vorsängerin. Erst als die Gläubigen in das Kyrie-Eleison einstimmen, kommen von der Orgel noch die Bässe dazu.

3. Lesung

Die Lesung aus dem Buch Amos knüpfte an den Einstieg an. Der Prophet gilt als Sozialkritiker aus dem alten Testament. Die Probleme aus der Zeit des Propheten unterscheiden sich jedoch nicht von den Problemen der heutigen Zeit. Konsum- und Profitgier zu Lasten der Umwelt waren und sind heute nach wie vor ein Thema.

4. Predigt

In der Predigt griff Dr. Mahlmeister das Thema von Einstieg, Evangelium und Lesung erneut auf. Sein Hauptanliegen war der stete Kampf des Guten gegen das Böse zum Beispiel mit Blick auf Profitgier. Aber nicht nur deshalb war die Predigt zeitgemäß. Dr. Mahlmeister zog auch Popkultur mit in seine Predigt hinein - das Musical Tanz der Vampire. "Das Schlusslied im Musical trifft die heutige Situation genau", prangerte er an. Dort besingen die Blutsauger was notwendig ist, um etwas zu erreichen: "Nimm was du kriegst, sonst wird es dir genommen, sei ein Schwein oder man macht dich zur Sau". Das sei nicht der richtige Weg. "Wir sollen nicht zu Handlangern der Ungerechtigkeit werden, sondern für eine gerechtere Welt sorgen", brachte es Dr. Mahlmeister auf den Punkt.

5. Kommunion/ Abendmahl

Die Kommunion stellte den Höhepunkt der Eucharistiefeier dar. Dementsprechend zelebrierten der Pfarrer und die Gemeinde das Ritual. Das getragene Orgelspiel verlieh der Wandelkommunion zusätzliche Würde. Die Gläubigen nahmen die geweihte Hostie vor dem Altar an zwei Stellen in Empfang. Einen reibungslosen Ablauf ermöglichten dabei die Laufwege, die sich aus der Aufteilung der Sitzbänke in drei Blöcken ergab.

6. Segen

Der Segen von Pfarrer Dr. Mahlmeister orientiert sich an der üblichen Form. Das gilt auch für die liturgisch abschließende Entsendung. Anschließend richtete der Geistliche noch einige Worte an die Gläubigen und wünschte einen schönen Sonntag, einen guten Start in die Woche und lud die Gläubigen zu einem sich anschließendem Weißwurstfrühstück ein. Die Nüdlinger scheinen ein von Begegnungen geprägtes Gemeindeleben zu haben. Erst danach stimmt er das Schlusslied an, und verlässt mit den Messdienern die Kirche in Richtung Sakristei.

7. Ambiente

Sankt Kilian und Gefährten ist im Innenraum ein Genuss für das Auge. Das Kirchenschiff ist sauber und lichtdurchflutet. Statt barockem Prunk herrscht hier die Devise "weniger ist mehr". Das zeigt sich am fein geschnitzten Hochaltar, der optisch die Symbolik einer Kreuzigungsgruppe aufnimmt, aber auch an den Heiligenfiguren entlang des Kirchenschiffs. Pastelltöne und dezente Vergoldungen lassen die geschnitzten Figuren modern und nicht verkitscht wirken. Modern sind auch die Anzeigetafeln für die Lieder. Über den beiden Seitenaltären findet sich je eine Tafel. Orange wird dort die Liednummer und grün die Strophe eingeblendet.

8. Kirchenbänke

Die schlichten Bänke fügen sich gut in die moderne Kirche ein. Kalte Füße bekommen die Kirchgänger im Winter wohl nicht. Denn das Gestühl steht auf hölzernen Podesten. Eine Stolperfalle sind sie nicht. Mit einer Höhe von etwa fünf Zentimetern schließen die Podeste an die Wangen der Holzbänke fast bündig an. Außerdem bildet das Holz einen sichtbaren Kontrast zum Steinfußboden.

9. Beleuchtung

Das Gebäude erweckt von außen nicht den Anschein, aber: Das Kirchenschiff ist taghell. Ursache dafür sind die zwölf großen Fenster und die weißen Wände. Die Lampen muss der Küster nicht einschalten, das Morgenlicht reicht, um die Liedtexte und Gebete aus dem Gesangbuch abzulesen. Durch die hohe Decke und das viele Licht ist der Raum klar definiert. Die Lichtverhältnisse in Sankt Kilian und Gefährten sorgen dafür, dass jede Stelle des Innenraums gleichmäßig ausgeleuchtet ist. Der offene helle Raum lädt die Gläubigen zur Meditation ein.

10. Sinne

Der Gottesdienst bietet neben spirituellen auch sinnliche Erfahrungen. Deutlich wird das beim Friedensgruß. Die Kirchenbesucher reichen nicht nur ihren Nachbarn die Hand, um ihnen den Frieden zu wünschen, sondern stehen sogar auf und schütteln die Hände der Gottesdienstbesucher in den anderen Kirchenbank-Blöcken. Belebt wird der Gottesdienst außerdem durch die angenehme Vortragsweise des Pfarrers und das Orgelspiel. Läuten die Glocken, geht durch die gute Akustik des Raumes weder das eine, noch das andere unter.

Warum ein Gottesdiensttest?

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegen gewonnen haben.

Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

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