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Oberleichtersbach
Vorfall

Oberleichtersbach: AfD-Likes & Nazi-Video bei CSU

CSU-Bürgermeisterkandidat Oliver Fell teilte bis zum Sommer Inhalte der AfD auf Facebook. Ein Kandidat seiner Gemeinderatsliste verschickt Hakenkreuze. Der CSU-Kreisverband distanziert sich. Ist Fell als Bürgermeister geeignet?
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Oliver Fell will für die CSU Bürgermeister werden. Im August letzten Jahres postete er noch AfD-Meinungen. Foto: Julia Raab
Oliver Fell will für die CSU Bürgermeister werden. Im August letzten Jahres postete er noch AfD-Meinungen. Foto: Julia Raab
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Oliver Fell will Bürgermeister für die CSU in Oberleichtersbach werden. Beim Blick in sein Facebook-Profil stellt sich die Frage, ob er das wirklich kann. Er teilt dort AfD-Postings, fremdenfeindliche Hetze oder auch Mobbing gegen die Grünen. Er ist aber nicht der einzige der CSU Oberleichtersbach, der braune Inhalte teilt. Ein anderer CSU-Gemeinderatskandidat verschickt ein frauenverachtendes, sexistisches und tiefbraunes Video mit Hakenkreuzen. Das sei , sagt der Kandidat, "ironisch" gemeint.

Den Stein ins Rollen brachte Herbert Aul, er ist für die Wählergemeinschaft Windheim im Wartmannsrother Gemeinderat. Als er Fells Kandidatenportrait der Saale-Zeitung im Internet entdeckte, kommentierte er: "Allein mir fehlt der Glaube, dass jemand, der über Jahre rechte Hetze hier bei Facebook verbreitet hat, plötzlich christlich-soziale Werte vertreten will." In den vergangenen Jahren habe Fell regelmäßig unter anderem Inhalte der AfD geteilt. Dass ausgerechnet dieser Mann als CSU-Bürgermeisterkandidat in Oberleichtersbach antritt, findet er nicht richtig: "Sehr viele Leute sind darüber entsetzt."

Video mit Hakenkreuzen

Doch Auls Vorwürfe gehen noch weiter. Im Dezember habe er einen Kandidaten der CSU-Liste für den Oberleichtersbacher Gemeinderat auf dem Nachrichtendienst Whatsapp kritisch auf Fells Kandidatur angesprochen. Als Antwort versendete der Angesprochene kommentarlos ein Video, das spärlich bekleidete Frauen mit Symbolen des Nationalsozialismus zeigt - etwa im Bikini mit Hakenkreuzen oder nahezu nackt mit Panzerschutzmützen der Wehrmacht. Dazu ertönt ein Lied mit dem Titel "Bist du braun - kriegst du Frauen".

"Ich habe ganz massiv etwas dagegen. Ich habe ein Enkelkind. Das geht gar nicht", sagt Aul. Warum hat er den Verschicker des Videos nicht gleich angezeigt? Er erklärt, dass er in einer lockeren Freundschaft mit ihm stehe. "Ich hatte das Gefühl, dass er gar nicht weiß, was er da weiterschickt." Dieser Eindruck bestätigt sich. Gegenüber der Redaktion gibt der Gemeinderatskandidat zu, das Video geteilt zu haben. Er habe das "ironisch" gemeint. Es wirkt so, als hätte sich der Mann noch nie darüber Gedanken gemacht, dass das Teilen derartiger Inhalte verboten ist.

Herbert Markert, Leiter der Polizeiinspektion Bad Brückenau, macht klar, dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt handelt. Wer verfassungsfeindliche Inhalte verwendet oder verbreitet, macht sich strafbar. Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe seien die Konsequenz.

Abgeordneter bezieht Stellung

Der Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Sandro Kirchner reagiert deutlich, als diese Zeitung ihn damit konfrontiert: "Wir als CSU-Kreisverband, aber natürlich auch die gesamte CSU, distanzieren uns ganz klar von rechtem Gedankengut und rechtsradikalen Sichtweisen." Er selbst nehme "maximal Abstand" zu den im Raum stehenden Vorwürfen. Das Hakenkreuz-Video sei ein No-Go. "Das hat nichts mit der CSU als solcher zu tun, sondern muss von der Person vertreten werden."

Von Vorbehalten gegenüber dem Oberleichtersbacher Bürgermeisterkandidaten hat Kirchner gehört, wenn auch nicht in der beschriebenen Dimension. Da möchte sich der Abgeordnete nun selbst ein Bild machen und das Gespräch mit dem Ortsverband suchen. Dessen Vorsitzende Michaela Fuß sagt: "Ich kann nur versichern, dass ich vor der Nominierung von Oliver Fell viele Gespräche mit ihm geführt habe und keine extreme politische Ausrichtung feststellen konnte."

Die Beiträge auf Facebook sprechen eine andere Sprache. Wer mit Oliver Fell befreundet ist, kann noch immer Aussagen wie diese auf seiner Seite lesen: "Unsere Politiker rennen einer 16 jährigen halbautistischen Rotzgöre und einer verfilzten Bootsführerin hinterher. Wo sind wir nur hingekommen..."; "Wenn Vergewaltiger grinsend aus dem Gerichtssaal gehen, aber GEZ verweigerer und alte Menschen, die nichts zu essen haben und beim klauen erwischt werden, in den Knast gehen. Läuft in dem Land was falsch!!!"; "Könnte es sein, dass die sogenannte CO2-Abgabe nichts weiter ist, als der Versuch das Wort Flüchtlings-Soli zu vermeiden?"

Fell: "Ohne zu Überlegen"

Unter einem flüchtlingskritischen Ausspruch entzündet sich ein Streitgespräch. "... wie würdest du das finden, wenn deine mutter oder schwester getötet oder vergewaltigt wird... ziehst du dann auch noch deine heiligen Sprüche ab", schreibt Oliver Fell am 29. Juli 2019. "Ich habe mich provozieren lassen", nimmt Fell dazu Stellung. Er habe viele Inhalte "emotionsgesteuert" und "ohne zu Überlegen" weiter verbreitet und "Aussagen gemacht, die nicht korrekt sind". Es sei nicht seine Gesinnung, "dass ich irgendwelche Leute, die zu uns ins Land kommen und sich an unsere Gesetze halten, verurteile".

Als Inhaber eines Baggerbetriebs ist der 48-Jährige häufig auf Baustellen unterwegs. "Es ist schwer für die kleinen Leute, die hart arbeiten, zu verstehen, warum es so ist, wie es ist", erklärt er. Dennoch ist für ihn klar: "Es war ein absoluter Fehler, so etwas zu teilen". Mit der AfD sympathisiere er nicht, "eher im Gegenteil. Anhand dessen, was in unserer Geschichte passiert ist, ist Gewalt bestimmt keine Lösung", sagt Fell.

Ende August endet diese Art der verbreiteten Inhalte auf seinem Facebook-Profil. Bilder von Baustellen und später von CSU-Veranstaltungen dominieren. Fell erklärt das mit einem Reifeprozess, den er im Sommer durchlaufen habe. Die Entscheidung, als Bürgermeister zu kandidieren, sei allerdings erst im Oktober gefallen.

Fell kandidiert für den Kreistag

Die Redaktion hat fast 40 Screenshots von Fells Facebook-Seite zugespielt bekommen. Alle sind bis heute für diejenigen lesbar, die mit Fell befreundet sind. "Ich habe an der Seite nichts geändert", sagt Fell. Er habe seine Geschichte nicht verstecken oder sich selbst verstellen wollen. Aul überzeugt das nicht: "Ich nehme ihm nicht ab, dass die ganzen rassistischen Posts auf Facebook nicht seine Meinung widerspiegeln." Dass Fell auf der CSU-Liste für den Kreistag steht (Platz 48), findet Aul "bedenklich".

Inzwischen wird Aul ebenfalls mit Vorwürfen konfrontiert, Bilder mit rechtem Hintergrund per Whatsapp verschickt zu haben. Ein afrikanischer Fußballspieler in einem Trikot mit dem Namen Adolf Hitler (Juni 2018) und ein Lkw mit der Aufschrift "Führerhaus - Fahrer spricht Deutsch" (Dezember 2017) seien von ihm verbreitet worden. Er könne das nicht mehr nachvollziehen, weil er den Verlauf der Unterhaltung inzwischen gelöscht habe, sagt Aul. Vorstellbar sei es allerdings. "Ich bin mir aber sicher, dass ich keine Neo-Nazi-Inhalte geschickt habe", sagt er.

Kommentare

Oliver Fell hat sich als Bürgermeister disqualifiziert, kommentiert Johannes Schlereth.

Wer gedankenlos postet, ist nicht gleich rechtsextrem, findet Ulrike Müller.