Bad Kissingen
Wildschafe

Muffel und Wolf vertragen sich nicht

In der Rhön gibt es Muffelwild, nicht aber im Spessart. Dort wurden aber jetzt zwei Tiere bei Verkehrsunfällen getötet. Stammten diese etwa aus dem Landkreis Bad Kissingen?
Artikel drucken Artikel einbetten
Das Muffelwild im Klaushof: Da stehen sie und recken die Hälse, denn irgendwo am Gatter droht scheinbar Gefahr.  Foto: Isolde Krapf
Das Muffelwild im Klaushof: Da stehen sie und recken die Hälse, denn irgendwo am Gatter droht scheinbar Gefahr. Foto: Isolde Krapf
+1 Bild

Schon mal einen Mufflon in freier Wildbahn gesehen? Die meisten Landkreisbürger werden das verneinen. Und dennoch gehört das zottelige Wildschaf seit gut 80 Jahren zum festen Tierbestand der Drei-Länder-Rhön. Allein 250 dieser Paarhufer leben derzeit irgendwo auf dem 7000 Hektar großen Truppenübungsplatz Wildflecken. Auch in der thüringischen und hessischen Rhön kommen sie in größerer Zahl vor. Der Gesamtbestand des Wildschafs in Deutschland soll mehr als 8000 Tiere umfassen. Doch was passiert mit den Tieren, wenn der Wolf bei uns wieder heimisch wird?

Mufflons im Spessart

Vor ein paar Tagen wurde im Spessart Muffelwild gesichtet. Zwei der Tiere kamen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Jetzt ist das Rätselraten dort groß: Woher stammen die Muffel? Sind sie etwa aus dem Landkreis Bad Kissingen zugewandert? Aus dem Bad Kissinger Tierpark Klaushof ist jedenfalls keines ausgebüxt, sagt Stadtförster Axel Maunz auf Anfrage. Dort können kleine und große Tierfreunde bei ihren Spaziergängen durch das große Gehege zur Zeit sieben Mufflons beobachten. "Vielleicht sind's auch schon mehr, denn sie haben erst Junge gekriegt."

Im Klauswald und im Staatswald rund um die Kurstadt seien bislang keine Wildschafe als Freigänger gesichtet worden, versichert Maunz. Selbst wenn hier welche leben würden, wäre es unwahrscheinlich, dass sie bis in den Spessart auswandern, ist der Stadtförster überzeugt. "Denn sie sind äußerst standorttreu."

Godfried Schwartz, Leiter des Bundesforstamts Reußenberg (Hammelburg) sieht das genauso. Das Muffelwild, das in den 1970er/1980er Jahren auf dem Truppenübungsplatz ausgewildert wurde, verlasse seine Heimatregion eher selten und fühle sich, im Gegenteil, auf den steinigen Böden und im felsigen Areal bei Wildflecken sehr wohl. Die Population nehme stetig zu, sagt Schwartz.

"Es gibt nämlich dort keine Beunruhigung durch den Menschen", sieht der Behördenleiter als guten Grund für das Gedeihen der Tiere an. Denn die sogenannte Impact Area des Truppenübungsplatzes (wo seit Jahrzehnten Geschosse im Boden liegen, die nie entschärft wurden) darf niemand betreten, selbst nicht zu Jagdzwecken. Dennoch werde der Bestand des Muffelwilds beobachtet. "Wir wollen die Population im Griff behalten", sagt Schwartz. Deshalb dürfe es auch bejagt werden.

Wieder eingebürgert

Mufflons wurden im 20. Jahrhundert an verschiedenen Stellen Deutschlands wieder eingebürgert, denn eigentlich kamen sie vorwiegend im Mittelmeerraum (Sardinien und Korsika) vor. Forstbeamte der Lüneburger Heide haben vor einiger Zeit herausgefunden, dass im niedersächsischen Staatsforst Göhrde das älteste Muffelwild-Vorkommen Deutschlands lebte. Dort wurden angeblich bereits im Jahr 1903 die ersten Tiere ausgesetzt. Auch im Harz und im hessischen Mittelgebirge Kellerwald gibt es heute Mufflons.

1935 sollen an der Hohen Asch (Wartburg-Kreis) die ersten Tiere in die freie Wildbahn entlassen worden sein. In der Thüringer Verwaltungsstelle des Unesco-Biosphärenreservats Rhön fand man vor Jahren heraus, dass der Mufflon durchaus kein Fremdling in der Rhön ist. Schon während der Eiszeit soll er hier heimisch gewesen sein. Später sei er verschwunden. Ein Grund für die Wiederansiedlung des Wildschafs sei die Jagd gewesen, heißt es in einer Broschüre der Verwaltungsstelle Zella. "Schließlich ist das Fleisch schmackhaft und das Gehörn imposant."

Auf dem einstigen US-Truppenübungsplatz Wildflecken hatte der damalige Kommandant, ein gewisser Colonel Wayne Moe, 1958 genau aus diesem Grund versucht, eine Herde Wildschafe anzusiedeln. Das Aussetzen des Muffelwilds sei jedoch "ein Schlag ins Wasser" gewesen, hielt der spätere Leiter des Bundesforstamts, Richard Schute, in seinen Aufzeichnungen fest.

Die Tiere seien nach und nach erlegt worden, unter anderem auch, weil Landwirte Infektionen ihrer Kühe befürchteten, denn die Muffler hätten deren Tiere offenbar "beleckt". Schute selbst versuchte 1978 erneut, sieben Mufflons auf dem Platz in einem Gehege anzusiedeln. Zuvor hatten jedoch die Länder Hessen und Bayern ihre Zustimmung erteilen müssen. Nach und nach wurden die Tiere ausgewildert, was zu einem "vollen Erfolg" führte, so Schute in seinem Bericht.

Sein heutiger Nachfolger in der Behörde Reußenberg bestätigt, dass sich diese Population hier optimal eingewöhnte. Gelegentlich würden die Tiere an der Rinde von Bäumen knabbern, sagt Schwartz. Die Schäl-Schäden durchs Rotwild seien jedoch ungleich größer.

Experten einig

Doch Experten sind sich einig: Wenn der Wolf kommt, verschwindet das Muffelwild. So geschehen in der Lüneburger Heide. Einst gab es im Naturschutzgebiet Göhrde rund 300 Tiere. Aktuell sind alle verschwunden, wie jüngst berichtet wurde. Die letzten seien im Herbst 2017 gesehen worden. Ursache sei ein "merkwürdiges Fluchtverhalten" der Tiere. Wenn sich ein Wolf anschleicht, machen die Mufflons zunächst einen kurzen Sprint, bleiben dann aber stehen, schauen sich um - und werden somit eine leichte Beute.

Beispiel Sachsen: Nach der Wiedervereinigung hatte sich das erste Wolfsrudel in der Lausitz angesiedelt. In der Muskauer Heide wurden 2000 erste Wolfswelpen geboren - Mufflons gibt es heute dort nicht mehr.

Wenn sich in hiesigen Gefilden Wolfsrudel ansiedeln, werden die Beutezügler die Mufflons fressen, ist auch Bundesforstamtsleiter Schwartz überzeugt. Vor Kurzem sei ein Wolf am Truppenübungsplatz entlang gewandert. Eine Foto-Falle habe ihn überführt. Dass er den Mufflons zu nahe kam, sei nicht bekannt. Die Tatsache, dass sich auch hier demnächst Wolfsrudel ansiedeln könnten, sieht Schwartz pragmatisch: Dass der Wolf Mufflons frisst, sei eben auch ein Stück Natur.

Isolde Krapf

Hintergrund

Die Mufflons gehören zu den 53 Säugetier-Arten in der Rhön. Ein Tier ist etwa 90 Zentimeter groß (Schulterhöhe) und wiegt bis zu 55 Kilogramm. Es kann gut und gern 20 Jahre alt werden. Eigentlich kamen diese Wildschafe früher nur in den steinigen Gebirgslandschaften Mitteleuropas vor, heute sind sie auch in Laub- und Mischwäldern anzutreffen. Die Pflanzenfresser paaren sich von Oktober bis Dezember (eins bis zwei Lämmer). Einst kannte man Mufflons nur von Korsika und Sardinien her. Heute kommen die Tiere auch in Frankreich, Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Kroatien und Bulgarien vor. Am Schneckenhorn auf dem Kopf erkennt man den Schafbock. Weibliche Mufflons haben, wenn überhaupt, nur kurze Hörner. Quelle: Infozentrum Biosphärenreservat Rhön

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren