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Schweinfurt
Kirche

Miteinander für Leib und Seele

Mittagspause in der Kirche? Bis zum 9. Februar gibt es dieses Angebot in der Vesperkirche in St. Johannis in Schweinfurt. Warum es um viel mehr als Essen und Trinken geht.
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Freundlicher Gastgeber: Dieser junge Mann serviert ein Mittagessen.  Foto: Martina Müller
Freundlicher Gastgeber: Dieser junge Mann serviert ein Mittagessen. Foto: Martina Müller

Das Bild prägt sich ein: Mitten in der Johanniskirche in Schweinfurt, wenige Meter vor dem Altar, steht eine Bronzeskulptur, ein Torso, ein geschundener Körper, kopflos, hilfesuchend zwei Hände mit dürren Fingern nach oben gestreckt. Rund herum die gedeckten Tische für die Besucher der Vesperkirche, dazu der eindrucksvolle Altarraum.

Was für ein beeindruckendes Ensemble: Von moderner Kunst im sakralen Raum umgeben treffen sich die Jungen und die Alten, die Armen und die Reichen gemeinsam zum Mittagstisch in der Schweinfurter Vesperkirche.

Geschaffen hat die Skulptur der Bildhauer Dietrich Klinge, sie ist noch bis Anfang März mit weiteren Werken in der Kirche, der Kunsthalle und der Sparkassengalerie zu sehen. Durchaus ein Sinnbild für das, wofür die Vesperkirche mit ihren vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern steht. Christliche Nächstenliebe "in Zeiten, in denen Hunderttausende um die Welt auf der Suche nach einem Ort der Geborgenheit laufen, in denen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht, öffnen wir, Kirche und Diakonie, gemeinsam die Türen und laden alle ein, sich zu begegnen", brachte es Dekan Oliver Bruckmann auf den Punkt.

Keine Unterschiede

Zur Eröffnung der sechsten Vesperkirche seit 2015 in Schweinfurt predigte Regionalbischöfin Gisela Bornowski aus Ansbach. Sie betonte das "Miteinander für Leib und Seele" in der Vesperkirche, in der keine Unterschiede zwischen den Menschen gemacht werden. Ganz wie in der Apostelgeschichte aus dem Lukas-Evangelium bei der Begegnung von Petrus mit dem römischen Hauptmann Kornelius, in der Petrus die Erkenntnis gewann, dass Gott keinen Unterschied macht, dass vor ihm alle Menschen gleich sind. "Es kommt auf meine Haltung an, nicht auf meine Herkunft", so Bornowski.

Eine zugewandte, weltoffene Haltung, eine Haltung, bei der Menschen nicht Mauern bauen, sondern überwinden; eine Haltung, bei der man miteinander und nicht übereinander redet. Aber auch eine Haltung, bei der man dann Grenzen zieht, wenn sie dringend notwendig sind - auch im privaten Umfeld. Nämlich dann, wenn es gilt, "gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Hass vorzugehen", so die Regionalbischöfin.

"In der Vesperkirche", so Bornowski, "können Sie das ausprobieren. Sie können sich auf Gespräche einlassen, sich verändern lassen". So wie sich Petrus auf den römischen Hauptmann eingelassen hat. So wie es schon Tausende Schweinfurter in den vergangenen Jahren getan haben und immer wieder von bereichernden, berührenden Begegnungen bei der Vesperkirche erzählen.

Dass es die Vesperkirche in Schweinfurt auch im Jahr 2020 gibt, war im Übrigen nicht selbstverständlich, da das Defizit, das Kirche und Diakonie zu tragen haben, immer größer wurde. Im Herbst hatte das Evangelisch-Lutherische Dekanat Schweinfurt erklärt, man benötige zwischen 30 000 und 40 000 Euro, um alles zu finanzieren. Dekan Oliver Bruckmann ist für alle Spenden dankbar, 15 000 Euro sind schon eingegangen. 5000 Euro kamen übrigens von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der den mit 10 000 Euro dotierten Oswald-von-Nell-Breuning-Preis erhalten hat. Jeweils 5000 Euro gingen an die Vesperkirchen Schweinfurt und Nürnberg.

Bei der Vesperkirche geht es natürlich um mehr als Essen und Trinken, das sieht man am Rahmenprogramm - Rentenberatung, Haareschneiden, Handysprechstunde, Blutdruckmessung, Energieberatung sowie eine medizinische Sprechstunde oder Schuldnerberatung. Diakonie und Kirche wollen auch konkrete Lebenshilfe leisten. Ebenfalls wieder aufgestellt wird die Fotobox, die im vergangenen Jahr sehr beliebt war.

Jeden Tag gibt es um 13 Uhr von der Kanzel einen dreiminütigen spirituellen Impuls. Katholische und evangelische Pfarrer und Seelsorger sorgen für einen Moment des Nachdenkens und des Innehaltens.

Ob Kirche so weltoffen und zugewandt sein muss, ist sicher eine Frage der Betrachtungsweise. Dass die evangelische Kirche in Schweinfurt aber seit sechs Jahren die Vesperkirche anbietet in Zeiten, in denen zumindest gefühlt der gesellschaftliche Zusammenhalt auch in einer Stadt wie Schweinfurt aus den Fugen zu geraten scheint, ist dennoch ein ermutigendes Zeichen. Oliver Schikora

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