Maßbach

Maßbach: Viel Spannung um ein höllisches Gesöff

"Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch" um die Zerstörung der Welt ist heute so aktuell wie vor 30 Jahren. Michael Ende hatte das Stück für Kinder geschrieben.
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Tonya Fechter, Georg Schmiechen (hinten) und Benjamin Jorns in "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch". Sebastian Worch
Tonya Fechter, Georg Schmiechen (hinten) und Benjamin Jorns in "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch". Sebastian Worch

Man muss ja schon schmunzeln, bevor das Stück beginnt. Oder anders gesagt: Man muss entweder stocknüchtern sein oder die ganze Brühe ausgetrunken haben, um den Titel einigermaßen fehlerfrei sagen zu können: "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch". Und man sieht ihn vor sich, den verzweifelt aufseufzenden Theaterbesucher, der an der Kasse gefragt wird: "Für welches Stück wollten Sie Karten kaufen?"

Aber glücklicherweise hat Michael Ende vor 30 Jahren seinen "Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch" zu allererst für die Kinder - natürlich wie immer jeden Alters - geschrieben. Und die kennen da wenig Bedenklichkeiten - zumal sie ja auch in den seltensten Fällen die Karten selber kaufen müssen. Sie können sich ganz einfach hinsetzen und in ihre Fantasiewelt eintauchen. Owohl: Ganz so einfach ist das wohl nicht mit: zu allererst für die Kinder. Denn der Text ist so raffiniert mit Themen, Strukturen und Bildern bestückt, dass man ihn auch als Erwachsenentheater inszenieren könnte. Das ist ein Spagat, an dem schon so manche Regisseure und Regisseurinnen gescheitert sind, weil sie manches einfach ausgeblendet haben.

Die Geschichte ist allerdings auch nicht ganz einfach in ihren Verknüpfungen: Da ist zum einen Prof. Dr. Beelzebub Irrwitzer, Zauberrat der Chemie (Benjamin Jorns), der kurz vor Silvester sein vorgeschriebenes Kontingent an weltverderbenden Taten noch nicht erfüllt hat und der von der höllischen Made Maledictus (Tonja Fechter) darauf hingewiesen wird, dass andernfalls seine Karriere zu Ende wäre, weil er vom Gerichtsvollzieher geholt werden würde. Zum Glück taucht seine Tante Tyrannia Vamperl (Tonja Fechter), seine reiche Stieftante und gehässige Hexe auf. Sie finden eine Lösung: den Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch, der dafür sorgt, dass jeder Wunsch, der geäußert wird, sich ins Gegenteil verkehrt. Sie können also in aller Öffentlichkeit der Welt nur das Allerbeste wünschen und sie damit zum Teufel jagen. Sie haben nur ein Problem: Jeder von beiden hat nur eine Hälfte des Rezepts. Natürlich gibts Probleme, aber am Ende einigen sich beide, weil sie es müssen, und brauen den Punsch.

Da sind auf der anderen Seite Maurizia di Maura, eine bürgerlich fette Katze (Anna Schindlbeck) und der Rabe Jakob Krakel (Georg Schmiechen), heftig von Leben und Wind zerzaust, die die beiden Weltzerstörer aufhalten wollen, aber erst einmal damit klarkommen müssen, dass sie selbst natürliche Feinde sind. Logisch, dass sie das schaffen - als sie am Ende auseinandergehen, versprechen sie sich, Freunde bleiben zu wollen. Und nach panischen Überlegungen, denn nicht nur Irrwitzer, sondern auch ihnen läuft die Zeit davon, finden sie auch eine Lösung zur Rettung: Sie klettern auf den Dom und bitten St. Silvester (Benjamin Jorns), schon zwei Stunden vor dem Jahreswechsel die Neujahrsglocken zu läuten, damit der Pusch seine Kraft verliert. Das kann der Heilige nicht, da er aus Stein ist. Aber er schenkt ihnen einen Glockenton, mit dem sie das höllische Gesöff unschädlich machen können, ohne dass die beiden Weltverderber es merken. Wenn die dann der Welt alles Gute wünschen, sitzen sie einem gewaltigen Irrtum auf.

Da steckt ein riesiges Problempotenzial drin, und Christian Schidlowsky hat in seiner penibel genauen Struktur- und Personenregie nichts unter den Tisch fallen lassen oder inszenatorisch vernuschelt. Es ist nicht nur die Art der Bewegungen, der Mimik und der Sprache, mit der die vierköpfige Truppe die sechs Rollen verkörpert und charakterisiert. Die muss sich nicht in übertriebene Karikaturen retten, weil sie in der Lage ist, ihre Rollen schauspielerisch zu füllen. Es ist auch die Spannung, die Christian Schidlowsky aufbaut (auch wenn man das Stück schon kennt), weil er den Handlungsdruck ständig erhöht - und das in einer als aussichtslos gezeigten Situation. Erhöht wird die Spannung noch dadurch, dass jede Stunde eine Ansage das Verrinnen der Zeit deutlich macht. Schon bei der zweiten Zeitansage sprechen die Kinder mit.

Es ist beklemmend, wie aktuell Michael Endes Umgang mit dem Thema der Weltzerstörung heute noch ist. Und es ist ein Verdienst der Inszenierung, dass das allen deutlich werden kann. Natürlich sind die Kleinsten mit der Problematik überfordert, aber sie halten sich an die Bilder, die nichts Gutes verheißen Die etwas Älteren, die begonnen haben, die Welt um sich herum in ihrer Zwiespältigkeit wahrzunehmen, werden mit ihren Beobachtungen und Erfahrungen anschließend die Erwachsenen mit ihren Warums belagern . Die noch Älteren werden versuchen, sich ihre Fragen selbst zu beantworten. Und die Erwachsenen werden mit einem gewissen Erschrecken feststellen, dass sich trotz aller bunten Bilder seit Michael Ende nichts zum Besseren gewandelt hat.

Peter Picciani hat ein satanarchäolügeniales Bühnenbild entwickelt, das auf den ersten Blick absolut enttäuscht, weil es die Erwartungen an die Zauberwelt überhaupt nicht bedient, sondern mit dem Charme eines Bartresens in einem sozialistischen Fünf-Hammer-und-Sichel-Hotel nach der Sperrstunde rot auf der Bühne kauert. Aber weit gefehlt! Es spielt von Anfang an höchst raffiniert mit, schafft mit seiner erstaunlichen Mobilität, mit seinen vielen Klappen und einzelnen Teilen nicht unbedingt neue Räume, sondern ständig neue Situationen und Bilder. Und es wäre erstaunlich gewesen, wenn Jutta Reinhard und ihr Team bei den Kostümen nicht in die Vollen gegriffen und der Phantasie Steilvorlagen geliefert hätten.

Das Stück geht jetzt erst einmal auf Tournee, kommt aber am Freitag, 20. Dezember, um 15 Uhr zurück in die Lauertalhalle. Kleiner Tipp: Nicht verpassen!

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