Maßbach
Premiere

Frühschicht statt Frühstück bei Tiffany

Die Boulevardkomödie feiert mit unkonventionellen Mitteln und geistreichen Dialogen ihre Wiederauferstehung im Theater Schloss Maßbach.
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Silvia Steger und Marc Marchand in der Komödie "Frühschicht bei Tiffany" von Kerry Renard. Sebastian Worch
Silvia Steger und Marc Marchand in der Komödie "Frühschicht bei Tiffany" von Kerry Renard. Sebastian Worch
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Es beginnt mit einem Irrtum: Nein, das neue Stück der Maßbacher im Intimen Theater heißt nicht "Frühstück bei Tiffany". Das meint man nur, wenn man flüchtig hinschaut. Sondern "Frühschicht bei Tiffany". Das Gehirn spielt einem ja gerne einen Streich, wenn es auf vermeintlich Bekanntes trifft. Das ist ein Wortspiel, das die Kanadierin Kerry Renard schon bei ihrem Originaltext verwendet hat: Statt "Breakfast at Tiffany"s" nannte sie es "Breakdown" - obwohl auch das Frühstück in dem Stück eine gewisse Rolle spielt, wie auch die Frühschicht.

"Frühschicht bei Tiffany" ist eine ziemlich seltsame Komödie, ein verklemmtes Kammerspiel für drei Personen. Das ist kein Wunder, wenn man schon das Bühnenbild (Robert Pflanz) sieht: ein Hinterhof in einem New Yorker Kiez, der von der Fläche her tatsächlich nicht größer ist als die Bühne des Intimen Theaters. Da hängen an den Außenwänden im gefühlten 5. Stock drei Balkone (der vierte Balkon ist sozusagen der Zuschauerraum), die so klein sind, dass man einen Stuhl über den Kopf heben muss, wenn man an ihm vorbeigehen will. Da ist kein Platz für Raumgreifendes, für wütendes Auf-und-Abtigern, für haareraufende Abgänge und überall schlagende Türen. Da ist jeder mit seinen Emotionen eingeklemmt und letztlich auch verklemmt.

Und jeder der drei hat sich einen "Ersatzpartner" geschaffen - für einen leibhaftigen Menschen wären schon die Balkone zu klein. Da muss man sich gar nicht erst Gedanken über Bindungsunfähigkeiten machen, obwohl die sich natürlich immer wieder einschleichen. Und jeder hat etwas, mit dem er seine Umgebung fürchterlich nerven kann. Zwei der drei Leute, die in der Komödie aneinandergeraten, sind zu Beginn schon da: (sozusagen von rechts nach links): der Versicherungsvertreter Bob (Marc Marchand), bei dem man nicht sagen kann, ob er sich für seinen Beruf überhaupt interessiert. Sein wahres Interesse gilt seinen Balkonblumen, denen er Namen gegeben hat und mit ihnen spricht, und der panischen Angst vor Handystrahlung. Wenn er seinen viereckigen Schutzhut aus Kupferblech aufsetzt, der aussieht wie ein Lampenschirm aus einer geschmacklos eingerichteten Sportgaststätte der 60-er Jahre, sieht er besonders dämlich aus. Und wenn er seinen Kassettenrekorder aufdreht mit Liedern der "Country-Röhre" Dolly Parton, versteht man, dass seine Umgebung hysterisch wird.

Der andere ist Chris (Lukas Redemann), ein junger Schriftsteller mit Schreibhemmung. Seine Frau hatte ihn nach dreijähriger Ehe verlassen, weil er seinem mühsam entstehenden Romanerstling mehr Beachtung schenkte als ihr. Dann hielt er sich mit dem Verfassen von Gebrauchsanweisungen über Wasser, litt und leidet aber darunter, dass er da nie als Autor gefeiert wird. Jetzt ist er in einer komplizierten Situation: Einerseits flieht er vor der Realität in den Schlaf, rennt sogar tagsüber mit seinen Augenklappen auf den Balkon und hält das Tageslicht höchstens mit Sonnenbrille aus. Andererseits weiß er, dass sein Roman irgendwann einmal fertig werden muss. Dann hockt er anfallartig auf seinem Balkon und hämmert zum Leidwesen der Nachbarn wie ein Besessener in die Tasten seiner Uraltschreibmaschine.

Und dann zieht Amy (Silvia Steger) ein, Verkäuferin in der Frühschicht bei Tiffany: überraschend gutlaunig und freundlich und auch pragmatisch. Sie hat einen Partner: Brad Pitt. Natürlich sind die beiden Herren eifersüchtig, als sie das hören - bis sie ihn gesehen haben: Natürlich ist es nicht der Hollywood-Schönling, sondern eine kleine Plastikroboterfigur, so eine Art Michelin-Männchen mit innerer Festplatte, Lautsprecher und bunt blinkenden Augen, die sie immer auf ihren Balkon stellt. Solange er, unverkennbar mit der Stimme von Christian Schidlowsky, seine Altklugheiten nur an Amy richtet, gehts ja. Aber als er auch die beiden Herren provoziert, wird er unerträglich.

Vollkommen problematisch wird die Situation aber in der persönlichen Begegnung Amys mit ihren beiden Nachbarn. Bob, ganz alter Charmeur, der sich Hoffnungen gemacht hatte, lässt sie gleich abblitzen - spätestens, als sie ihn mit seiner dämlichen Strahlenschutzkappe gesehen hat. Bei Chris ist das schwieriger, weil das genau der Mann ist, den sie vor einiger Zeit wegen seiner Missachtung verlassen hat...

Das Stück macht aus mehreren Gründen großen Spaß. Zum einen, weil hier die gute alte Boulevardkomödie mal mit unkonventionellen Mitteln und geistreichen Dialogen ihre Wiederauferstehung feiert. Zum anderen, weil Augustinus von Loë die enorme Herausforderung auf engstem Raum ausgezeichnet angenommen hat. Er hat ja keine Möglichkeiten der Ablenkung in irgendwelchen Choreographien, sondern muss die Spannung dieses Dialogstücks sozusagen aus dem Stand erzeugen, aus einer interessierenden Personenregie. Er fand ein gutes Verhältnis aus Tempo und Entfaltung der Intensität, ließ allen dreien ihren ganz persönlichen Charakter. Und er würzte die Gespräche mit gut dosierten Aktionen, die sich aber fast immer begleitend im Hintergrund hielten, und mit mancher überraschender, origineller Lösung. So waren in diesem eigentlich textlastigen Stück die Augen immer angenehm beschäftigt. Und schließlich machte es dem Mimentrio sichtlich Spaß, die persönlichen Charaktere ihrer Rollen auch höchst hintergründig zu zelebrieren. Ein vergnüglicher Abend, der so endete, wie es besser nicht sein könnte: offen.

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