Bad Kissingen
Interview

Energie-Revolution in zehn Jahren

Der Energieexperte Hans-Josef Fell wird in Hongkong ausgezeichnet. Im Gespräch berichtet er unter anderem über seine Millionen-Auszeichnung aus China.
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Hans-Josef Fell aus Hammelburg beim Besuch der größten arabischen Photovoltaik-Anlage in Dubai. Anlässlich der Vollversammlung der Internationalen Regierungsorganisation für Erneuerbare Energien (IRENA) reiste er nach Abu Dhabi, das ebenfalls zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zählt.  Foto: Tomasz Sluzarzs
Hans-Josef Fell aus Hammelburg beim Besuch der größten arabischen Photovoltaik-Anlage in Dubai. Anlässlich der Vollversammlung der Internationalen Regierungsorganisation für Erneuerbare Energien (IRENA) reiste er nach Abu Dhabi, das ebenfalls zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zählt. Foto: Tomasz Sluzarzs

Bei einer Gala mit erwarteten 1000 Gästen wird der Grünen-Politiker Hans-Josef Fell aus Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen) am 3. Oktober in Hongkong gewürdigt. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete erhält den mit 2,2 Millionen Euro dotierten Lui-Che-Woo-Preis für Weltzivilisation. Zum Festakt werden voraussichtlich auch Minister aus Peking anwesend sein. Zur Jury der Preisverleihung gehören auch Condoleezza Rice, ehemalige Außenministerin von US-Präsident George W. Bush, sowie James David Wolfensohn, ehemals Präsident der Weltbank. Erster Preisträger 2016 war der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter. Ist der Preis eine Überraschung für Sie? Hans-Josef Fell: Ja. Dass ich ihn bekomme, aber auch schon, dass ich nominiert wurde. Für diesen Preis, den in Deutschland kaum jemand kennt, gibt es weltweit 1000 Personen, die mögliche Preisträger benennen können. Einer davon ist Eicke Weber, ein guter Freund von mir, mit dem ich schon seit Jahren im Sektor erneuerbare Energien zusammenarbeite. Er hat mich nominiert, ohne mich zu fragen. Weber, früher Direktor des Fraunhofer-Institutes für Solare Energietechnik in Freiburg, hat mir das erst später eröffnet. Er stammt übrigens aus Münnerstadt. Ich dachte, dass ich bei wohl Tausenden von Mitbewerbern keine Chance habe. Wo haben Sie von dem Preis erfahren? Ich habe es erfahren, just als ich Mitte August mit der Präsidentin von Taiwan zusammensaß. Über den Anruf aus Hongkong habe ich mich gewundert und erst später per Mail reagiert. Per Eilpost kam dann aus Hongkong das Formular, über das ich erklärt habe, den Preis anzunehmen. Das Ganze hat den Charakter wie beim Nobelpreis. Die Dotierung ist sogar höher. Kennen Sie den Stifter des Preises? Nein. Es handelt sich um einen Geschäftsmann, der mit einem Firmengeflecht, das ich nicht kenne, sehr viel Geld verdient hat. Er gilt als der zweitreichste Mann in Hongkong. In den letzten Jahren hat der 89-Jährige erklärt, er wolle der Welt etwas zurückgeben. Dazu sucht er weltweit nach Menschen, die etwas dafür tun, um die Welt besser zu machen. Stört es Sie nicht, dass Sie den Stifter nicht kennen? Erst einmal nicht. Ich werde ihn ja noch kennenlernen. Ich weiß, dass er sein Geld hauptsächlich mit Glücksspiel verdient hat. Das ist sicher nicht die moralischste Art, Geld zu verdienen. Aber sicher weniger problematisch als mit Dynamit, womit Alfred Nobel, der Stifter des Nobelpreises, sein Geld verdiente. Es gab drei Kategorien. Sie haben in der zur Nachhaltigkeit gewonnen. Das ist die Würdigung meiner Arbeit um die erneuerbaren Energien und ihre Bedeutung für Wirtschaftsentwicklung und Armutsbekämpfung, Frieden und Klimaschutz. Davon ist ja in Deutschland keine Rede mehr. Wegen der Diffamierung durch die fossile und atomare Wirtschaft reden wir ja nur noch über die Kosten. Aber man kann nicht die Welt retten mit Dingen, die nur billig sind. Die Erkenntnis, dass erneuerbare Energien für die Rettung des Planeten unverzichtbar sind, stellt der gewonnene Preis in den Mittelpunkt. Hat man in China Ihren Kampf für erneuerbare Energien besonders vor Augen? China ist seit 2010 auf einem extrem steilen Ausbaupfad. Es hat unsere Gesetze zur kostendeckenden Vergütung von regenerativen Energien übernommen und diese Technik entwickelt. Das dient der Entwicklung auf dem Land und ist ein wesentlicher Beitrag gegen die Luftverschmutzung. China ist die Weltregion, wo am meisten in erneuerbare Energien investiert wird. Seit zwei Jahren ist auch Indien dabei. Wie kommt das? Ich habe in China sehr viel Politik gemacht. 2001 habe ich eine große chinesische Delegation beraten, die uns intern im Bundestag über die Grundlagen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) befragt hat. Dann war ich im Vorstand der deutsch-chinesischen Parlamentariergruppe und dadurch mehrfach in China in Gesprächen mit dem Umweltminister und der Parteiführung. 2010 kam dort der Durchbruch mit den entsprechenden Gesetzgebungen. Und in Deutschland? Bis etwa 2010 war Deutschland bei den regenerativen Energien führend in der Welt. Durch die Gesetzgebungen unter Kanzlerin Angela Merkel ist das aber massiv zurückgedrängt worden. Wir haben alleine in der Solarindustrie seit 2011 rund 80 000 Arbeitsplätze verloren, die Neuinstallation von Windenenergieanlagen ist im ersten Halbjahr 2018 um 43 Prozent eingebrochen, und beim Biogas und der Wasserkraft findet eh nichts mehr statt. Wie sehen Sie unsere Perspektiven? Die sind durchwachsen. Die neue Große Koalition hat zwar erkannt, dass es eine Verbesserung geben muss. Aber es tut sich nichts. In Bayern findet auch fast nichts mehr statt. Allenfalls bei der Solarenergie durch Privatleute. Das hat für Bayern schlimme Folgen, weil es ja Ersatz braucht für die Kernkraftwerke, die in den kommenden Jahren vom Netz gehen. Seit der Abschaltung von Grafenrheinfeld gibt es kaum mehr Investitionen in erneuerbare Energien. Heute schon wird in Bayern weniger Strom erzeugt, als dort verbraucht wird. Wenn der Atomstrom durch Erdgaskraftwerke ersetzt werden soll, dann gibt es keinen Klimaschutz. Die Kohlendioxid-Emissionen steigen auch in Bayern wieder. Und wo sehen Sie Hoffnungen? Anderseits haben wir in Deutschland viele Leute und Start-ups, die unterhalb einer nicht tauglichen Gesetzgebung, etwa in Genossenschaften, vorankommen wollen. Das ist möglich, weil die erneuerbaren Energien durch das EEG billiger geworden sind, als die konventionellen. Das fördert weltweit einen Aufschwung und macht mir Hoffnung. Wofür werden Sie das Preisgeldverwenden? Ich werde es in die gesellschaftliche Überzeugungsarbeit stecken. Dafür habe ich schon vor Jahren die Energy Watch Group in Berlin ins Leben gerufen. Obwohl sie mit mir und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin ganz, ganz klein ist, wird sie in der Welt groß wahrgenommen. Es gibt nur eine Grundfinanzierung durch zwei Stiftungen. Das reicht bei weitem nicht. Das Preisgeld setzt mich in die Lage, die Group strukturell größer auszubauen. Mit welchem Ziel? Als Beispiel möchte ich die Zusammenarbeit mit der Universität Lappeenranta in Finnland nennen. Das ist die einzige Universität in der Welt, die ein umfassendes Computermodell entwickelt hat, das technische und ökonomische Faktoren für eine Umstellung auf hundert Prozent erneuerbare Energien simulieren kann. Nicht nur finanziell. Nein, auch stundengenau. Bisher kommt ja immer die Frage nach der Dunkelflaute (wenn wegen Flaute und Dunkelheit wenig oder keine erneuerbare Energie erzeugt wird (Anm. d. Red.).

In dem neuen Modell sind alle Speicher eingerechnet und die Verteilung. Die Studie für eine globale 100-Prozent-Ökostromversorgung haben wir letztes Jahr bei der Weltklimakonferenz in Bonn vorgestellt. Ziel ist es, die fertige neue Studie im Dezember auf der Nachfolgekonferenz in Polen vorzustellen. Sie simuliert die ganze Welt in allen Energiesektoren. Das hat bisher noch niemand geschafft und wird große Aufmerksamkeit erregen. Das klingt noch recht abstrakt ... Jetzt gehen wir auch in politische Länderberatungen. Ich habe jetzt eine Anfrage aus Taiwan. Die Präsidentin möchte einen Plan dafür haben, wie eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien gelingen kann. Das ist die richtige Herangehensweise, weil viele, wie die deutsche Regierung, immer nur Teilschritte angehen. Die Konsequenzen sieht man jetzt. Die Bundesregierung hatte vor dem aktuellen Koalitionsvertrag ein Stromausbauziel von 55 Prozent erneuerbarer Energien bis 2030. An diesem Ziel hat die Bundesnetzagentur die Pläne für den Leitungsbau orientiert. Da steht dann drin, wo die Leitungen laufen müssen, auch um die alten Kohlekraftwerke und so weiter zu bedienen. Das hat mit Südlink auch für unsere Region Bedeutung. Jetzt hat die Regierung aber im Koalitionsvertrag festgestellt, dass der Ausbau zu langsam ist, und man 65 Prozent erreichen müsse. Als Folge ist die Bundesnetzagentur in heller Aufregung, weil die Riesenplanung neu gemacht werden muss. In ein paar Jahren wird das Klimaschutzabkommen von Paris vielleicht diktieren, dass wir 2030 möglicherweise 80 oder 100 Prozent erneuerbare Energien brauchen. Dann ist die Netzplanung schon wieder Makulatur. Ob es dann Südlink noch braucht, steht wieder zur Debatte. Teilschritte machen da einfach keinen Sinn. Es braucht 100-prozentige Vollszenarien. Solche Länderplanungen können wir machen. Was trägt die Energy Watch Group dazu bei? Die finnische Universität untersucht das Technisch-Ökonomische, wir beschreiben die politischen Instrumente, die in den Ländern erforderlich sind. Zum Beispiel, welche Gesetzgebung es braucht. Dazu sind wir ja auch in Bayern aktiv. Wir haben jetzt das Volksbegehren "Klimaschutz in die Verfassung". Da fließt Wissen von uns mit hinein. Wir arbeiten an noch viel mehr, aber das sprengt den Rahmen dieses Interviews.

Wo steht Deutschland aktuell? Mit dem Ziel von 80 Prozent an erneuerbaren Energien bis 2050 ist Deutschland schon weit abgeschlagen. Rund 50 Länder streben bis 2050 schon eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien an, darunter auch Industrienationen wie Dänemark und Schweden. Extreme Anstrengungen und Erfolge, die gar nicht so wahrgenommen werden, gibt es aktuell in Südamerika und in den USA auf der Ebene von Bundesstaaten. In Kalifornien und Massachusetts wird gerade an Gesetzen gearbeitet, um die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien vorzuschreiben. Was wir in Deutschland angestoßen haben, findet jetzt in weiten Teilen der Welt statt. Leider nicht überall. In Russland natürlich auch noch nicht, durch die Dominanz des Erdöles dort, aber eben auch nicht in Deutschland. Wann sehen Sie die Welt zu 100 Prozent regenerativ versorgt? Da kann ich keine Prognosen machen. Das hängt sehr stark vom politischen Willen ab. Wenn der vorhanden wäre, dann wäre das in zehn Jahren durch. Das ist genauso eine technische Revolution, wie wir sie gesehen haben beim Personal Computer, beim Mobilfunk oder beim Smartphone. Mit 66 Jahren denken viele eher an Rente. Ich bin so erfasst vom Erfolg meiner Arbeit, die jetzt auch durch den Preis bestätigt ist. Da kann und will ich nicht loslassen.

Das Gespräch führte

Wolfgang Dünnebier

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