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Bad Kissingen
Lesetipp

Ein sympathischer Antiheld ist dem Übel auf der Schliche

Der "zweitbeste Privatdetektiv" muss im Auftrag eines Ehepaars deren geistesschwache Tochter Birdie kontaktieren, die seit sechs Monaten auf einem Bauernhof außerhalb Londons verheiratet ist.
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Mick Finlay: "Arrowood - Die Mördergrube", Verlag Harper Collins, Taschenbuch, 432 Seiten, Preis: 10,99 Euro, ISBN 978-3959672931. Foto: Verlag Harper Collins
Mick Finlay: "Arrowood - Die Mördergrube", Verlag Harper Collins, Taschenbuch, 432 Seiten, Preis: 10,99 Euro, ISBN 978-3959672931. Foto: Verlag Harper Collins

"Arrowood - Die Mördergrube" ist bereits der zweite Band in der Reihe historischer Krimis des britischen Schriftstellers Mick Finley. Wieder begleiten wir im viktorianischen London des Jahres 1896 seinen Protagonisten William Arrowood, den leider nur zweitbesten Privatdetektiv nach Sherlock Holmes, und seinen Assistenten Norman Barnett bei der Aufklärung eines überaus mysteriösen Kriminalfalles.

Der Reiz dieser Reihe ergibt sich einerseits aus dem seelischen Konflikt Arrowoods mit dem in der Londoner Öffentlichkeit gefeierten Holmes. Während der "beste Privatdetektiv der Welt" als aristokratisch wirkende Erscheinung in seinem luxuriösen Apartment in der Baker Street wohnt und dank seines eloquenten Intellekts beim virtuosen Geigenspiel ganz locker die schwierigsten Fälle löst, muss der fettleibige Arrowood mit seiner Schwester Ettie in einer Arbeitersiedlung zur Untermiete wohnen.

Verdient Holmes beim Auffinden eines vermissten Adelssprosses in nur zwei Tagen 6000 Pfund, muss sich Arrowood mit 20 Shilling pro Tag begnügen, nicht selten dafür auch noch verprügeln lassen. Dabei fühlt er sich nach Lektüre einiger Bände psychologischer und medizinischer Fachliteratur dem berühmten Holmes intellektuell durchaus ebenbürtig, und jede Lobeshymne auf Holmes in den Zeitungen lässt den gefühlsbetonten Arrowood vor Zorn erzittern.

Von einer Katastrophe in die nächste

Diesmal erhält dieser "zweitbeste Privatdetektiv" vom Ehepaar Barclay den Auftrag, ihre geistesschwache Tochter Birdie zu kontaktieren, die seit sechs Monaten auf einem Bauernhof außerhalb Londons verheiratet ist. Jeglicher Kontaktversuch mit der Tochter war den Barclays von der Farmerfamilie bisher verweigert worden. Arrowoods Assistent Norman Barnett, der uns vergleichbar zu Holmes''Assistent Dr. Watson an der Ermittlungsarbeit und den Missgeschicken seines Arbeitgebers teilhaben lässt, erzählt nun, wie Arrowood in strapaziösen Schritten üblen Machenschaften und einem Korruptionsfall auf die Schliche kommt, dabei aber, von Gefühlen allzu sehr geleitet und in seinen Maßnahmen oft recht tolpatschig, von einer Katastrophe in die nächste stolpert.

Umgang mit Schwachsinnigen und Menschen mit Downsyndrom

Hauptthema ist der Umgang der damaligen Gesellschaft mit Schwachsinnigen und Menschen mit Downsyndrom, damals noch Mongoloide genannt, und der unwürdige Zustand in Armenhäusern und Nervenheilanstalten, die damals noch als Irrenhäuser bezeichnet wurden.

Der stark übergewichtige, verfressene und versoffene Privatdetektiv William Arrowood ist nicht nur als Privatermittler, sondern auch als Mensch nicht perfekt. Doch trotz allem lässt ihn Autor Mick Finley auf uns durchaus sympathisch wirken: Wir freuen uns über die seltenen Erfolge des Privatdetektivs, leiden aber umso öfter bei Arrowoods Misserfolgen.

"Arrowood - Die Mördergrube" ist wieder ein recht unterhaltsamer und in seiner Art auch spannender Krimi. Stellenweise schwächelt der Roman wegen mancher Länge oder unnötig überzogener Situationsbeschreibung. Dennoch dürfte auch dieser viktorianische Krimi allen Freunden des Genres Freude machen. Auf den dritten Band müssen deutsche Leser noch warten: "Arrowood and the Thames Corpses" ist in englischsprachigem Original für den Frühsommer angekündigt.

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