Bad Kissingen
Mode

"Ein neuer Lebensabschnitt"

Seit 1984 in der Kurstadt: Herrenausstatter Heimansberg schließt im Dezember sein Geschäft.
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Ende gut, alles gut: Jochen Heimansberg ist mit sich im Reinen, wenn er im Dezember sein Geschäft Am Kurgarten endgültig schließt. Foto: Isolde Krapf
Ende gut, alles gut: Jochen Heimansberg ist mit sich im Reinen, wenn er im Dezember sein Geschäft Am Kurgarten endgültig schließt. Foto: Isolde Krapf
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1984 eröffnete Jochen Heimansberg auf 160 Quadratmetern ein Geschäft in der Prinzregentenstraße. Später zog er mehrfach um und erweiterte sein Sortiment. Zusammen mit seiner Frau Gertrud führte er schließlich 1994 am Kurgarten ein Kaufhaus für Damen- und Herrenmoden auf einer Ladenfläche, die sich fast verdreifacht hatte. Doch dann kam die Gesundheitsreform - und damit der Einbruch im Kurwesen, der auch an der Geschäftswelt nicht spurlos vorüberging. Heimansberg verkleinerte sein Kaufhaus wieder. Die Kunden blieben ihm aber bis heute treu. Doch jetzt ist für ihn klar: "Mit nahezu 70 Jahren muss man aufhören."
Bevor der gebürtige Mönchengladbacher vor 33 Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit wagte, hatte er bereits Karriere gemacht. Bei C & A war er mit 15 Jahren in die Lehre gegangen und hatte anschließend an der Fachschule in Nagold Textil-Betriebswirt studiert, bevor er sich beruflich in Hertie-Häusern in Berlin, München und Frankfurt hocharbeitete. Zuletzt war er Chef-Einkäufer des renommierten KaDeWe in Berlin gewesen.
Doch auch mit 35 Jahren hat man noch Träume. Heimansberg, inzwischen verheiratet, wollte noch einmal etwas ganz Neues wagen. Er und seine Frau Gertrud schauten sich etliche Läden an, die zur Übernahme anstanden, unter anderem auch in der Lüneburger Heide.  "Aber da waren die Ablösesummen riesig", sagt Heimansberg. In einem Fachblatt sahen sie die Anzeige des Bad Kissinger Damenmodengeschäfts Brigitte. "Wir schauten erst mal im Shell-Atlas nach, wo das überhaupt liegt." Seine Frau stammt aus dem Bayerischen Wald und sei gleich von der bayerischen Kurstadt angetan gewesen.
Dann lief alles vorschriftsmäßig ab: Der angehende Jungunternehmer lotete in Bad Kissingen die Chancen für ein neues Geschäft aus, bevor er mit seiner Bank in Verhandlung trat. Das erhoffte Existenzgründer-Darlehen wurde gewährt. Die Kleinstadt an der fränkischen Saale fanden die Heimansbergs eigentlich "ganz reizend". Doch aller Anfang ist schwer. Die Umstellung von Berlin nach Bad Kissingen, von einem großen Kaufhaus, in dem man Chef-Einkäufer ist, hin zu einem kleinen Geschäft für Damen- und Herrenmoden, für das man selbst die Verantwortung trägt, war damals "sehr mühsam", gibt der 68-Jährige unumwunden zu.
Doch Heimansberg war guten Mutes: "Ich hatte Erfahrung und Kontakte, denn die Fabrikanten kannten mich ja bereits." Das Geschäft lief an. Die Kunden kamen. Der Umsatz stieg. 1992 eröffneten die Heimansbergs zusätzlich eine Filiale am Kurgarten, in welche die Damenabteilung umzog. 1998 wurde am Kurgarten ein weiteres Haus frei, so dass die Heimansbergs Herren- und Damenmoden dort wieder vereinen konnten und den Laden in der Prinzregentenstraße aufgaben.
Das Kaufhaus auf 410 Quadratmetern Ladefläche florierte. Einheimische, aber vor allem auch Kurgäste, liebten es, sich regelmäßig bei bei Heimansberg umzusehen. In dem großen Modegeschäft arbeiteten damals elf feste Mitarbeiter und drei Schneiderinnen. "Da denkt man, man ist angekommen", sagt Heimansberg rückblickend.


1996: ein Einschnitt

Doch als 1996 die Gesundheitsreform Knall auf Fall durchgedrückt wurde, wirkte sich das auch auf die Kurstädte aus. Die Übernachtungszahlen gingen von einem Jahr auf das andere rapide zurück - mit fatalen Folgen für Gastronomie und Gewerbetreibende. "Eine Zeit lang hat uns das damals richtig Sorgen gemacht. Die Kunden blieben aus, die Umsätze gingen immer mehr zurück. Andererseits blieben die Mieten aber gleich", erinnert sich der Geschäftsmann an die plötzliche Flaute. "Zeitweise hatten wir 60 Prozent auswärtige Kunden, später waren das nur noch 40 Prozent." Heimansberg erkannte, dass er sich den Gegebenheiten anpassen muss. 2007 gab er eines der beiden Häuser am Kurgarten, die Damenabteilung, auf. Das Herrenmoden-Geschäft führte er bis heute weiter. "Es hat noch zehn Jahre gehalten", sagt er und es klingt fast ein bisschen erstaunt. Dabei ist relativ klar, was die Kunden all die Jahre in seinem Geschäft hielt und hält: Heimansberg ist noch ein "Herrenausstatter" von altem Schrot und Korn - einer, der weiß, was Kunden wünschen. Wer über seine Ladenschwelle tritt, will freundlich begrüßt, höflich angesprochen und unaufdringlich bedient werden. So ganz leicht hat es ein Verkäufer bei den Herren der Schöpfung sowieso nicht, weiß Heimansberg aus Erfahrung. "Deswegen sage ich auch immer, ich habe in all den Jahren versucht, den Männern die Mode nahezubringen."


Zeit, aufzuhören

Der Mietvertrag für sein Geschäft lief bis 2015. Zwei Jahre hat er ihn damals verlängert. Er hatte einfach noch Lust weiterzumachen, sagt er. Doch jetzt sei es für ihn Zeit aufzuhören: "Denn jetzt, mit knapp 70 Jahren, beginnt nochmals ein neuer Lebensabschnitt."

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