Bad Kissingen
Nachruf

Ein Mensch, der drei Leben führte: Dr. Reiner Jesse ist tot

Er war im ersten Leben Arzt, im zweiten Maler und im dritten Schriftsteller. Dr. Reiner Jesse ist im Alter von 77 Jahren gestorben.
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Nach der Zeit als Arzt in Bad Kissingen trat Reiner Jesse als Maler und Autor in Erscheinung. Anfang Oktober ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.  Foto: Andreas Sietz
Nach der Zeit als Arzt in Bad Kissingen trat Reiner Jesse als Maler und Autor in Erscheinung. Anfang Oktober ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. Foto: Andreas Sietz

Reiner Jesse hatte viele Talente. Als er sich einmal kurz selbst beschreiben sollte, berichtete er von drei Leben. Das erste, als Arzt, hatte er der Kardiologie gewidmet, sein zweites der Malerei und sein drittes dem Schreiben von Romanen und Erzählungen. Geboren wurde Jesse am 15. Dezember 1941 in Oberhof. Gestorben ist er am 1. Oktober in Suhl. Seinen Namen machte er sich in den Jahren dazwischen auf dem Gebiet der medizinischen Wissenschaft an der Universitätsklinik in Würzburg und danach als niedergelassener Arzt in Bad Kissingen.

Ihn den Kissingern in Erinnerung zu rufen, ist ein großes Anliegen von Prof Dr. Dr. Peter Deeg. Jesse habe die moderne Kardiologie durch seine Arbeit an der Universität Würzburg in den frühen Siebzigerjahren und danach in seiner Praxis in Bad Kissingen entscheidend mit vorangebracht. Auf diese Weise habe er "einen wichtigen Beitrag dafür geleistet, dass Bad Kissingen als moderner Gesundheitsstandort innerhalb der Kurorte Deutschlands" wahrgenommen werde.

Aus Thüringen nach Bad Kissingen gebracht hat die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg Jesses Mutter, die aus der Kurstadt stammte. Jesse selbst besuchte hier das Gymnasium, legte 1962 das Abitur ab, studierte in Würzburg Medizin und trat nach Examen und Promotion 1970 dort auch als Assistent in die Medizinische Universitätsklinik ein. An der Universität, berichtet Deeg, habe Jesse wichtige wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Herz-Kreislauf-Forschung geleistet.

Erweitert habe Jesse seine Kenntnisse unter anderem durch einen Forschungsaufenthalt in London. Nach Würzburg zurückgekehrt habe er dann zusammen mit Kollegen der kardiologischen Abteilung "erstmals in Deutschland und wahrscheinlich auch in Europa den Prozess der ambulanten Koronargraphie" entwickelt. Seine Forschungsergebnisse habe er in zahlreichen wichtigen Arbeiten zur Endomyokardbiopsie und zur Herzkatheteruntersuchung veröffentlicht, erinnert sich Deeg weiter.

1976 habe Jesse die Universität verlassen und in Bad Kissingen eine Praxis für Innere Medizin und Kardiologie eröffnet. Dort habe er "als Erster in Deutschland in einer Kassenarztpraxis" ambulant Herzkatheteruntersuchungen vorgenommen und dadurch die "Türen für neue Versorgungskonzepte geöffnet". Anfangs sei sein Vorgehen von Fachgesellschaften und Hochschulen kritisiert worden. Doch heute sei dieses Versorgungskonzept längst etabliert.

In den Achtzigerjahren übernahm Jesse das Sanatorium Dr. Ungemach in der Jean-Paul-Straße am Staffelsberg und verband dort die klassische Kur mit der modernen Kardiologie. Insgesamt war er drei Jahrzehnte als niedergelassener Arzt in Bad Kissingen tätig. 2007 verabschiedete er sich vom Beruf des Arztes und übergab seine Praxis.

Sein zweites Leben, das er der Malerei widmete, hatte er schon während des ersten Lebens begonnen. Jesse war Schüler von Heinz Kistler, dem Maler der Rhön, entwickelte einen individuellen Stil und trat mit Ausstellungen als eigenständiger Künstler in Erscheinung. Vielfach verließ er als Maler Kistlers figuratives Vorbild Richtung Abstraktion. Er zählte auch zu den Gründungsmitgliedern des Kunstvereins Bad Neustadt. Als drittes Leben kam schließlich, ebenfalls mit ausgeprägter Schaffenskraft, das Schreiben hinzu. Ab 2009 veröffentlichte Jesse zahlreiche Werke. Insgesamt stehen mehr als 20 Titel auf der Liste von Jesses Werken: Romane, Erzählungen, Unterhaltsames, Künstlerbiografien, auch autobiografisch Gefärbtes.

Nach seiner Kissinger Zeit kehrte der in Thüringen geborene Jesse nach Thüringen zurück. Diesmal in die Nähe von Suhl. Er lebte im Schleusinger Ortsteil Hirschbach und war dort in zweiter Ehe verheiratet. far

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