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Diakonie Schweinfurt: Showdown in der Altenpflege befürchtet

Renditeversprechen in der stationären Altenpflege sieht Diakonie-Vorstand Jochen Keßler-Rosa kritisch. Gemeinnützige Träger hätten in wenigen Jahren das Nachsehen.
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Diakonie Schweinfurt: Pfarrer und Vorstand Jochen Keßler-Rosa befürchtet einen dramatischen Verdrängungswettbewerb im Bereich Altenpflege. Andreas Lösch
Diakonie Schweinfurt: Pfarrer und Vorstand Jochen Keßler-Rosa befürchtet einen dramatischen Verdrängungswettbewerb im Bereich Altenpflege. Andreas Lösch

Konkurrenz belebt das Geschäft, lautet ein Sprichwort. Sie kann aber auch ziemlich viel kaputt machen, wie Pfarrer Jochen Keßler-Rosa am Dienstag zerknirscht feststellte. Insbesondere, wenn mit ungleichen Waffen gekämpft wird, wie es aus seiner Sicht im Bereich Altenpflege aktuell der Fall ist.

Der Vorstand der Diakonie Schweinfurt hatte zum Jahrespressegespräch des gemeinnützigen Vereins ins Wilhelm-Löhe-Haus eingeladen, um über "brennende Themen in der Sozialarbeit und Sozialpolitik" zu sprechen und das tat der Pfarrer dann auch, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Es drohe "ein Showdown in der Altenpflege", sagte er. "Das hört sich ein bisschen dramatisch an und es ist aus meiner Sicht auch dramatisch." Im Kern seiner Kritik ging es um die ungleiche Ausgangslage der Marktteilnehmer im Bereich Altenpflege, nämlich auf der einen Seite die renditeorientierten "gewerblichen Anbieter mit internationalem Kapital" im Rücken und auf der anderen Seite gemeinnützige Träger, die einen gesellschaftlich-sozialen Auftrag erfüllen, zu denen etwa die Diakonie gehört oder auch die Caritas, beides kirchliche Verbände. "Es wird in den nächsten zehn Jahren zu einem Verdrängungswettbewerb kommen", sagte Keßler-Rosa.

Viele Plätze, wenig Personal

Und stellte klar: "Mit der Pflege von sterbenden Menschen eine Rendite zu erwirtschaften, finde ich nicht in Ordnung." Gemeinnützige Träger dürften keinen Gewinn ausschütten, das Geld, das sie durch ihre Pflegeangebote einnehmen, wird laut Keßler-Rosa im Fall der Diakonie Schweinfurt zum größten Teil für Personalkosten (80 Prozent) sowie Materialbeschaffung, Miete und Instandhaltung (20 Prozent) aufgewendet. Überschüsse, die erzielt werden, "die bleiben im Haus", werden also reinvestiert in die jeweilige Einrichtung.

Durch den sich rasant entwickelten Wettbewerb im Bereich Altenpflege geht der Schweinfurter Pfarrer davon aus, dass einige Einrichtungen "das nicht durchhalten" werden. "Gemeinnützige Träger können Verluste nicht lange aushalten", gewerbliche Anbieter dagegen könnten die Verluste mit Gewinnen verrechnen. Derzeit gebe es einen regelrechten Bauboom im Bereich Altenpflege, ein "übertriebenes Bauverhalten". Insbesondere im Raum Schweinfurt seien bereits mehr Plätze im Angebot als durch Personal betreut werden könnte. Viele Neubauten entstünden, weil Geldanleger diese Investition aufgrund der demografischen Entwicklung für sinnvoll halten.

"Manche Anbieter versprechen sechs bis acht Prozent Rendite", sagte Keßler-Rosa, aber "auf wessen Kosten?" Pflegepersonal und Pflegebedürftige könnten die Leidtragenden sein. Bei der Diakonie sehe das anders aus: "Bei uns bleibt jeder Euro in der Einrichtung" und komme damit "Bewohnern und Mitarbeitenden zugute". Zudem sei man tarifgebunden, "das Thema Mindestlohn ist für uns völlig irrelevant, weil niemand bei uns in der Nähe des Mindestlohns arbeitet".

Keßler-Rosas Fazit lautet: Altenpflege müsse gemeinnützig geleistet werden, nicht profitorientiert. "Was zählt, ist der Mensch, die Menschlichkeit, die Begegnung von Mensch zu Mensch."

Die Diakonie Schweinfurt

Organisation Das Diakonische Werk Schweinfurt ist als Teil der evangelischen Kirche gemeinnützig organisiert. Als eingetragener Verein darf die Diakonie Schweinfurt keine Gewinne ausschütten, ist aber nicht zuletzt wegen ihrer Größe wie ein Unternehmen aufgestellt.

Aufbau Die Diakonie hat folgende Organisation: Mitgliederversammlung, Verwaltungsrat, Vorstand - unter diesem Dach befinden sich die Geschäftsbereiche "Stationäre Altenhilfe", "Ambulante Altenhilfe", "Finanzen und Zentrale Dienste" sowie weiterhin "Soziale Dienste 1 und 2", die alle in Unterbereiche untergliedert sind. Zudem sind dem Vorstand die Stabstellen "Strategisches Controlling, Zentraleinkauf" sowie "Marketing und PR" zugeordnet.

Mitarbeiter Im Jahr 2018 beschäftigte die Diakonie Schweinfurt 664 hauptamtliche Mitarbeiter. Mit Blick auf die Partner mit Geschäftfsbesorgungsvertrag (unter anderem die Diakonischen Werke Kitzingen, Bad Neustadt und Haßberge, die Lebenshilfe Bad Kissingen sowie weitere Vereine und Stiftungen) waren es im Jahr 2018 insgesamt 1530 Mitarbeitende.

Umsatz Die Diakonie Schweinfurt weist für 2018 einen Jahresumsatz von rund 29,3 Millionen Euro aus, die Bilanzsumme beträgt 27,8 Millionen Euro. Mit den Umsätze der Partner-Organisationen ergibt sich für die Diakonie Schweinfurt ein zu verwaltendes Geschäftsvolumen in Höhe von 65,5 Millionen Euro. Quelle: Jahresbericht 2018 Diakonie Schweinfurt

Andreas Lösch

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