Bad Kissingen
Kunst

Bismarck-Waage geht fremd

Im Kitzinger Fastnachtmuseum ist für einige Zeit die öffentliche Waage, auf der sich Bismarck täglich wiegen ließ.
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So hat das öffentliche Waagehäuschen damals ausgesehen. Der Service kostete 15 Pfennige.  Foto: Ralf Dieter
So hat das öffentliche Waagehäuschen damals ausgesehen. Der Service kostete 15 Pfennige. Foto: Ralf Dieter
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Man stelle sich das vor: Angela Merkel steigt täglich auf eine Waage im Berliner Regierungsviertel, beobachtet von hunderten Schaulustigen. Oder Horst Seehofer, der am Münchner Viktualienmarkt regelmäßig eine mögliche Gewichtszunahme öffentlich überprüft. Klingt seltsam. Ist es auch. Vor 130 Jahren war dieses Prozedere allerdings ganz normal. Die entsprechende Waage ist jetzt im Kitzinger Fastnachtmuseum zu bewundern.

Otto Fürst von Bismarck galt zwar als der "Eiserne Kanzler", beim Thema Gewichtszunahme hielt er sich allerdings nicht immer so eisern an die Vorgaben der Ärzte. Von 1874 bis 1896 hielt er sich fünfzehn Mal in Bad Kissingen zur Kur auf. Übergewichtig war er und von Magen-Darm-Problemen geplagt. Mit seiner Familie residierte er in der Oberen Saline. Dort steht heute ein Museum, in dem sich die Gäste in die Zeit von damals zurückversetzen lassen können. Ein Prunkstück der Ausstellung ist die öffentliche Waage, auf der sich Bismarck täglich wiegen ließ - unter Anteilnahme der Bevölkerung.

"Sein Gewicht war Tagesgespräch", sagt Daniela Sandner, Leiterin des Kitzinger Fastnachtmuseums. Dort, im angenehm kühlen Keller, steht seit einigen Tagen die berühmte Bismarck-Waage. Als Leihstück. Ein landkreisübergreifendes Projekt macht es möglich.

Vierzehn unterfränkische Museen tauschen bereits zum achten Mal Kunstobjekte untereinander aus. Das Fastnachtmuseum ist zum dritten Mal dabei. Sandner ist begeistert von dem deutschlandweit einzigartigen Projekt, das unter dem Motto "Kunst geht fremd" firmiert. Zum einen erhalten die Besucher einen Einblick in eine ganz andere Themenwelt. Zum anderen wird beinahe beiläufig ein wichtiges Netzwerk aufgebaut. "Wir Museumsleiter treffen uns drei Mal im Jahr", erzählt Sandner. "Und tauschen dabei unser Wissen und unsere Erfahrungen aus."

Jedes Jahr ein anderes Motto

Jedes Jahr steht die Aktion unter einem anderen Motto. In diesem Jahr heißt es: "Kunst sieht rot." Sandner hat schon ein Prinzen- und ein Tanzpaar in die Partner-Museen geschickt; in diesem Jahr ist ein Aquarell ins Heimatmuseum von Ebern versandt worden. "Ein Karnevalsumzug mit vielen roten Figuren ist darauf zu sehen", erklärt Sandner. Die Kollegen in Ebern schicken ihr Exemplar wiederum an ein anderes Museum. "Es ist wie ein Dreiecksgeschäft", sagt Sandner und lacht.

Hat sie in den letzten Jahren eine Keltische Fibel aus Oberschwappach und eine versteinerte Schnecke aus Euerdorf in Empfang nehmen können, ist es dieses Mal die mit rotem Samt ausgelegte Bismarck-Waage. "Die passt gut hier rein", freut sich Sandner, auch wenn sie zugibt, dass es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick war. "Bismarck und Karneval passen eigentlich gar nicht zusammen", informiert sie. In den Archiven hat Sandner intensiv nach einem Bezug geforscht - mit ernüchterndem Ergebnis. "Der Eiserne Kanzler hat sich überhaupt nicht über Fasching geäußert. Noch nicht mal abfällig."

Lesung mit Hans Driesel

Dennoch hat die pfiffige Museumsleiterin einen Bezug zwischen Waage, Bismarck und Fasching hergestellt. Schlemmen und Trinken gehören nun mal zur Faschingszeit dazu und die leitet ja bekanntlich die Fastenzeit ein.

Entsprechend ist denn auch das Begleitprogramm zum Ausstellungsstück thematisiert. Hans Driesel wird Ende September und Mitte Oktober je eine Lesung in den beteiligten Museen in Ebern, Bad Kissingen und Kitzingen anbieten. Thema: Die Farbe Rot. Ende Oktober ist im Fastnachtmuseum außerdem ein Museumsgespräch zum Themenbereich Abnehmen und Zunehmen geplant.

Bis zum 4. November wird die Bismarck-Waage in Kitzingen zu sehen sein. Dazu gibt es eine Tafel mit teils skurrilen Informationen. Im öffentlichen Waagehäuschen waren beispielsweise zwei Frauen angestellt, die das Gewicht der Kurgäste akkurat überprüften. Für 15 Pfennige war dieser Service zu haben.

Im Fastnachtmuseum können sich alle Besucher kostenlos wiegen. Allerdings geht das nicht auf der altehrwürdigen Bismarck-Waage. "Die ist dann doch zu wertvoll und zu alt", sagt Sandner.

Sie hat eine kleine Personenwaage für diese Zwecke bereitgestellt. Wer möchte, kann sein Gewicht in ein Buch eintragen. Mit neugierigen Menschenmengen wie anno dazumal muss niemand rechnen. Foto: Ralf Dieter



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