Bad Kissingen
80. Jahrestag

Bedrückende und lebendige Erinnerung im Landkreis Bad Kissingen

Das Gedenken an die Pogromnächte ist auch im Landkreis Bad Kissingen für viele selbstverständlich. Manch einer sieht inzwischen politische Parallelen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Kunststudent Otto Kraus hielt den Abriss der Kissinger Synagoge im Frühjahr 1939 heimlich fest. Zum Malen hatte er sich im Gebüsch versteckt.  Foto: Stadtarchiv Bad Kissingen
Der Kunststudent Otto Kraus hielt den Abriss der Kissinger Synagoge im Frühjahr 1939 heimlich fest. Zum Malen hatte er sich im Gebüsch versteckt. Foto: Stadtarchiv Bad Kissingen

Der November-Pogrome zu gedenken, ist keine leichte Sache. Und doch sind jedes Jahr zahlreiche Menschen dazu bereit, sich mit den grausamen Fakten jener Nächte vor 80 Jahren zu beschäftigen, in denen die Diskriminierung der Juden durch die Nazis eine neue, gewalttätige Dimension annahm.

1400 Synagogen und Betstuben, sowie Tausende von Wohnungen wurden damals zerstört und teilweise angezündet. Auch im Landkreis Bad Kissingen waren überall SA-Trupps unterwegs. In Maßbach zum Beispiel stürmten die Nazis zwei Tage lang die Häuser der Juden und zerrten Mobiliar und Kleidung auf die Straße. In Bad Kissingen das Gleiche. Hier und in Bad Brückenau standen am 9. November 1938 die Synagogen in Flammen. Einen Tag später wurde das jüdische Gebetshaus in Hammelburg in Brand gesteckt. 30.000 Juden wurden danach in Deutschland deportiert.

Wichtiger denn je

An all das zu erinnern, fällt schwer. Und doch sind viele Menschen überzeugt, dass es gerade jetzt wichtiger ist denn je, sich gegen Rassendiskriminierung einzusetzen - weil bereits Flüchtlingsunterkünfte brannten, weil Juden hie und da auf den Straßen nicht mehr sicher sind. "Es ist unsere Geschichte, die können wir nicht ad acta legen", sagt Klaus Bub, der sich mit dem Leben der Juden in seinem Heimatort Maßbach ausführlich auseinandersetzte. "Wir sind heute in der Verantwortung, dass sich so etwas nicht wiederholt", sagt er. Denn sonst müsse man sich später von den Kindern vielleicht auch fragen lassen: ,Welche Partei habt ihr damals gewählt? Wart ihr damals auch dabei?‘

Man muss aktuellen negativen Entwicklungen entgegentreten, sagt Gymnasiallehrer Hans-Jürgen Beck, der ein Buch über das jüdische Leben in der Kurstadt schrieb. "Und das geht nur, wenn man die Vergangenheit anschaut." Man müsse sich mit der Vernichtung der Juden durch die Nazis auseinandersetzen, aber nicht indem man Schuldgefühle vermittelt. "Wir sind es den Opfern schuldig, uns mit dieser Thematik zu befassen", ist Beck überzeugt. Auch 80 Jahre nach den Pogrom-Nächten und der darauffolgenden Vernichtung der Juden durch die Nazis lebe das Leid in manchen jüdischen Familien nämlich noch heute weiter. "Denn es wurden ganze Familien ausgemerzt. Das wirkt bis heute nach."

Lange verdrängt

Nach 1945 wurde die Zeit des Nationalsozialismus zwei Jahrzehnte lang großenteils verdrängt. Eine Aufarbeitung der Geschehnisse fand kaum statt. Wenn Kinder ihre Eltern über die damalige Zeit befragten, ernteten sie oft Schweigen. Selbst als Klaus Bub vor etlichen Jahren mit seinen Recherchen zur Nazi-Zeit anfing und Zeitzeugen befragte, sagten noch viele zu ihm: "Musst du denn das alte Zeug wieder rauskramen, das ist doch vorbei." Denn freilich wussten die Leute ja, so Bub, dass auch Maßbacher selbst an jenen nächtlichen Aktionen im November 1938 beteiligt waren.

Auch in Bad Kissingen tat man sich nach Kriegsende schwer, zur Vergangenheit zu stehen, so Beck. Hierzu trug sicher das Ergebnis eines Prozesses bei, der 1949 vor dem Schweinfurter Landgericht gegen 14 Männer eröffnet worden war, die an den Ausschreitungen in Bad Kissingen beteiligt waren. Lediglich einer wurde wegen des Anstiftens zur Brandstiftung zu einer Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, während man zwölf von ihnen mangels Beweisen freisprach. Ein Verfahren wurde ganz eingestellt.

Weit unter Wert entschädigt

Ein paar Jahre später meldete die Jewish Restitution Successor Organisation (JRSO), die die Rechte der Shoah-Überlebenden vertrat, auch in Bad Kissingen Rückerstattungsansprüche an. Der Stadtrat tat sich schwer, recherchierte Beck. Nach langen Verhandlungen entschloss man sich 1951, der JRSO die Summe von 165.000 Mark für die zerstörte Bad Kissinger Synagoge zu zahlen, was laut Beck weit unter dem Wert des Gebäudes lag. In ihrem Antrag an das Landesentschädigungsamts hatte die JRSO den Wert der zerstörten jüdischen Gebäude und Ritualien mit rund 1,3 Millionen Mark angegeben.

Bemerkenswert für Geschichtsforscher Beck: "Eigentlich fand bis heute keine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld statt." Zwar wurde am Gebäude, das heute am Platz der einstigen Synagoge steht, im Jahr 1967 vom damaligen Oberbürgermeister Hans Weiß eine Gedenktafel angebracht, die an die Zerstörung erinnert. Doch auf der Inschrift wurden "damalige Machthaber" verantwortlich gemacht.

Zum 100. Gedenktag der Synagoge wurde 2002 unweit weg eine neue Gedenktafel aufgestellt. Aber auch dort ist nicht von Ortsansässigen die Rede, die unter den Brandstiftern waren. Kennt man die Geschichte des Nationalsozialismus, so sieht man die "aktuellen Parallelen", die es inzwischen weltweit gibt, sagt Beck.

Seiner Ansicht nach haben Leute, die den Hitlergruß zeigen oder eine israelische Flagge verbrennen, oft eine geringe Kenntnis von deutscher Geschichte. Das gelte auch für Politiker, sagt Beck, und nennt als Beispiel den AfD-Sprecher Alexander Gauland, der Hitler und die Nazis als "Vogelschiss" in der Geschichte bezeichnete.

"Die Erosion der politischen Kultur und der gesellschaftlichen Werte wird immer größer", bedauert Beck. Ist es an der Zeit, sich aufzulehnen? "Wir dürfen nicht wegsehen, müssen uns einmischen, bei Freunden, in der Arbeit oder in der Schule", sagt Beck. Dennoch bleibe ein Stück Unbehagen, weil man als einzelner nichts steuern könne.

Dass Juden in Berlin, bloß weil sie öffentlich die Kippa tragen, von Rechten angegriffen werden, ist für Klaus Bub "eine ganz schlimme Sache". Man könne Menschen nicht wegen ihres Glaubens wie Verbrecher behandeln. Auch für den Maßbacher Chronisten ist es wichtig, Flagge zu zeigen, vielleicht gerade auch im Kleinen. Für Bub beginnt das schon damit, dass er in Maßbach auf dem Gehsteig vor der jüdischen Synagoge stets die kleine Litfaßsäule aufstellt, die er als Wegweiser eigens anfertigen ließ, damit Passanten auf die Ausstellung im Haus aufmerksam werden. "Es gibt tatsächlich Leute, die das allein schon mutig finden.

Isolde Krapf

Gedenkveranstaltungen

Bad Kissingen: Vortrag von Hans-Jürgen Beck am 8. November um 19 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses. Beck beleuchtet die zeitgeschichtlichen Hintergründe der Pogromnacht, sowie konkret die Ausschreitungen in Bad Kissingen. Gedenkfeier mit Kranzniederlegung am 9. November um 10 Uhr am Jüdischen Gemeindehaus in der Promenadestraße 2.

Maßbach: Rundgang durch den Ort und zu den Stolpersteinen am 9. November mit Museumsleiter Klaus Bub. Anschließend Besuch in der Synagoge, wo Interessierte den Bericht der Jüdin Inge Heidelberger anhören können ("Die letzten Tage in Maßbach"). Treffpunkt zum Rundgang um 18.30 Uhr vor der Synagoge (Poppenlaurer Straße).

Hammelburg: Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht, am 9. November ab 19 Uhr auf dem Seelhausplatz an der Oberen Stadtmauer.

Bad Brückenau: Gedenkfeier am 9. November um 18.30 Uhr am Alten Rathaus (Rathausplatz 1).

Jüdische Friedhöfe in der Rhön; Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und das Kulturamt der Stadt Fulda haben eine Ausstellung im Kanzlerpalais der Stadt Fulda eröffnet. Unter dem Titel "Haus des ewigen Lebens. Jüdische Friedhöfe in der Rhön, Bayern und Thüringen" präsentiert Gerhild Birmann-Dähne Fotografien mit Erläuterungen und meditativen Texten. Die Ausstellung ist bis 11. November zu sehen, werktags von 16 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 16 Uhr.

ikr

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren