Gemünden am Main
Geschichte

Auf der Spur der "Strecke 46"

Was Bayerns längstes Denkmal bieten kann, die "Strecke 46": Scheinbar sinnlos errichtete Bauwerke verteilen sich über das Sinntal bis fast nach Gössenheim.
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Etliche Wasserdurchlässe wie dieser bei Seifriedsburg, mit Burgsinner und Miltenberger Sandstein verblendet, finden sich in den Wäldern um Gemünden und Bad Brückenau. Über sie hätte die "Strecke 46” verlaufen sollen.  Fotos: Michael Fillies
Etliche Wasserdurchlässe wie dieser bei Seifriedsburg, mit Burgsinner und Miltenberger Sandstein verblendet, finden sich in den Wäldern um Gemünden und Bad Brückenau. Über sie hätte die "Strecke 46” verlaufen sollen. Fotos: Michael Fillies
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Wäre das beschauliche 420-Einwohner-Dorf Seifriedsburg heute von Fabrikanlagen, Lagerhallen und Schornsteinen umgeben? Wie sähen Karsbach und Gössenheim unter der Homburg aus? Welche Folgen fürs Sinntal hätte ein längs verlaufender bis zu 15 Meter hoher Damm gehabt? Solche Überlegungen stellen sich zwangsläufig ein, wenn man sich einer Führung zu den Resten dernie fertiggestellten Autobahn "Strecke 46" anschließt.

Einer der zurzeit 20 Führer ist Gemündens Bürgermeister Jürgen Lippert; er unternahm mit einigen Stadträten und Kulturamtsleiterin Jasna Blaic einen kurzen Ausflug zu den Autobahnresten und in die Geschichte. Denn die "Inwertsetzung", die touristische Vermarktung von Bayerns längstem Denkmal läuft an. Betrieben vom Regionalmanagement am Landratsamt Main-Spessart hat sich nach den Kommunen Burgsinn, Gräfendorf, Zeitlofs auch Gemünden beteiligt, dazu Grundeigentümer, das Regionalmanagement des Landkreises Bad Kissingen und die Arbeitsgemeinschaft Autobahngeschichte. Ausgaben, zum Beispiel für Informationstafeln und Faltblätter (Fremdenverkehrsbüros bzw. Rathäuser), bezuschusst das Bayerische Heimatministerium mit 90 Prozent.

Abenteuer im Wald

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Als Seifriedsburger kennt Lippert den seltsamen, fast mannshohen Wasserdurchlass im Wald nahe dem Dorf seit Kindheitstagen. Ein rund 50 Meter langes, betoniertes Rohr mit akkurat gemauertem Abschluss aus Sandsteinen liegt da scheinbar sinnfrei im Wald, bemoost und ziemlich eingewachsen zwischen vielleicht 30 Jahre alten Bäumen - ein richtiger Abenteuerspielplatz. Heute weiß Lippert: Es handelt sich um eines von 47 Relikten des zwei Jahre währenden und dann eingestellten Autobahnbaus vor 80 Jahren.

Die Strecke 46 sollte von Bad Hersfeld nach Würzburg führen und dabei den "Autowanderern" unter anderem beste Sicht auf die bedeutende Homburg-Ruine bieten. Während auf nördlichen Streckenabschnitten 1939 bei Einstellung der Bauarbeiten nur noch die Fahrbahndecke fehlte, blieb es zwischen Zeitlofs-Eckarts und Seifriedsburg bei vorbereitenden Einzelmaßnahmen: Baugruben, Fundamente, Wasserdurchlässe, Brückenstücke, Unterführungen und - hierorts am bekanntesten - der freistehende Brückenpfeiler bei Schonderfeld.

Erklären und auffindbar machen

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Jürgen Lippert unterstützt das Tourismusprojekt nicht nur als Bürgermeister, sondern auch wie sein Zeitlofser Amtskollege Wilhelm Friedrich als einer von 20 speziell geschulten sogenannten Gästeführern, von denen es insgesamt vier in Seifriedsburg gibt. An markanten Punkten der Strecke, deren Verlauf aus der Luft bis heute am unterschiedlichen Bewuchs deutlich zu sehen ist, sind Informationstafeln aufgestellt worden. Weitere Schritte wären die Ausweisung von (Rund-)Wanderwegen und, was Lippert besonders am Herzen liegt, die Ausweisung einer Mountainbike-Strecke entlang der 69 Kilometer langen Trasse. Die angrenzenden Orte sollen jeweils ins touristische Konzept einbezogen werden.

Einen schönen Rastplatz mit Blick auf Seifriedsburg hat der Obst- und Gartenbauverein an der Informationstafel am sogenannten Bombenloch angelegt. Der Name sei irreführend, klärt Lippert auf. Wenn Seifriedsburg auch schwer kriegszerstört gewesen sei, so rühre doch der Tümpel nicht von einem Einschlag her - es handelt sich vielmehr um eine Baugrube des Autobahnbaus, von Hand ausgehoben für eine Feldweg-Unterführung.

An der Seifriedsburger Baustelle kam es auch zu einem Todesfall, als ein Gerüst einstürzte und zwei Arbeiter aus dem Dorf herabfielen. Es habe sich um Sabotage gehandelt, besagt ein Gerücht, erzählt Lippert. Und er hat noch einige überraschende Details mehr aus der Ortsgeschichte zu erzählen. So sollte auf dem alten Sportplatz eines der genormten Lager für 216 Arbeiter entstehen. Die Fundamente der (nicht mehr errichteten) Baracken sind noch vorhanden und nur knapp mit Erde überdeckt. Einen genaueren Blick wert sind dort auch die Pfosten der Umzäunung: Es handelt sich um die Gleise für die Lorenbahn, mit der die Baumaterialien transportiert wurden. Diese Loren, von Männern geschoben oder Pferden gezogen, waren das wichtigste Transportmittel auf den Autobahn-Großbaustellen. So eine Bahn als Ausstellungsstück in Seifriedsburg zu zeigen, wäre noch ein Wunsch des Bürgermeisters. Michael Fillies



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