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Bad Kissingen
Flüchtlinge

Marathon ohne Ziel

Landrat Thomas Bold spricht über die Herausforderungen für den Landkreis durch den Zustrom an Flüchtlingen.
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Zu Besuch in der Notunterkunft: Mitglieder des Kreisausschusses zusammen mit Landrat Thomas Bold (Vierter von links). Foto: Isolde Krapf
Zu Besuch in der Notunterkunft: Mitglieder des Kreisausschusses zusammen mit Landrat Thomas Bold (Vierter von links). Foto: Isolde Krapf
Kaum ein Thema wird momentan intensiver diskutiert als der Zuzug der Flüchtlinge nach Deutschland und insbesondere nach Bayern. Wie verkraftet der Landkreis die Ankunft all dieser Menschen aus den Krisengebieten der Welt? Kann man sie auf lange Sicht bei uns integrieren? Bringen die Neuankömmlinge vielleicht gar künftiges Wirtschaftspotenzial mit? Zu diesem Thema sprachen wir mit Landrat Thomas Bold.

Wieviele Flüchtlinge hat der Landkreis
inzwischen aufgenommen? Wie viele davon sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge?
Bold: Aktuell sind 1213 Flüchtlinge im Landkreis untergebracht, wenn man die 316 Menschen in der Notunterkunft mit einrechnet. Davon sind 62 minderjährig und ohne Eltern da.

Hat der Kreis auf lange Sicht weitere Kapazitäten für die Aufnahme zur Verfügung oder ist bald das Ende der Fahnenstange erreicht?
Im Moment haben wir noch Möglichkeiten, die Menschen dezentral unterzubringen. Doch damit ist es nicht getan, denn sie müssen auch betreut werden. Die Caritas tut sich schwer, neues Personal zu finden, denn der Markt ist leergefegt. Die Sache hat für uns eine Dynamik angenommen, die auf lange Sicht schwer verkraftbar ist. Es ist für alle eine Art Marathon ohne Zieleinlauf, weil die Überbelastung kein Ende nimmt.

Sie vertraten für den Landkreis bereits zu Beginn der Zuwanderung eine sehr offensive Haltung, im Gegensatz zu manch anderem Landkreis, wo sich die politisch Verantwortlichen bewusst abwartend verhielten. War das im Rückblick gesehen richtig?
Ja, weil es absehbar war, dass weiterhin Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten Vorderasiens und Afrikas zu uns kommen werden. Darauf muss man vorbereitet sein, damit man die Situation bewältigt. Mit Stefan Seufert die Stelle des Koordinators für Flüchtlingsangelegenheiten zu besetzen, war wichtig, denn so konnten wir Strukturen schaffen.

Wie hat die Verwaltung im Landratsamt die zusätzlichen Aufgaben verkraftet? Wurde neues Personal eingestellt oder wurde umstrukturiert?
In Spitzenzeiten merken die Mitarbeiter, dass sie ans Limit kommen. Froh bin ich, dass der Kreistag bereits im vergangenen Jahr zustimmte, dass neues Personal eingestellt wird. Was den Themenkomplex Flüchtlinge angeht, werden für 2015 und 2016 insgesamt 13,5 Stellen neu geschaffen, beziehungsweise auf den Bedarf hin umstrukturiert. Davon werden 9,5 mit Kreispersonal besetzt, der Rest durch staatliche Zuweisungen. Im Wesentlichen betrifft das das Sozialamt, das Ausländeramt, das Jugendamt und die Liegenschaftsverwaltung.

Es gibt derzeit, auch aus Reihen der CDU/CSU, viel Kritik an der Haltung der Bundeskanzlerin, Flüchtlinge in Deutschland uneingeschränkt willkommen zu heißen. Teilen Sie diese Haltung?
Meiner Ansicht nach führte die Haltung der Bundeskanzlerin zu einer neuen Dynamik in der Flüchtlingsbewegung. Das wiederum hat die Situation verschärft. Jetzt ist es absolut wichtig, auf Bundes- und EU-Ebene zu klaren Regelungen zu kommen. Man muss fragen, was ist leistbar? Und wie macht man es am besten? Denn Städte und Kommunen stoßen allmählich an ihre Grenzen. Meine Erwartung an den Bund ist zudem, dass alle Flüchtlinge, die aus sicheren Drittstaaten kommen, gleich wieder zurückgeschickt werden. Auch die Überlegung, ob und wie man die Konflikte beispielsweise in Syrien mit befrieden kann, muss mit einfließen.

Glauben Sie, dass Deutschland den Zuzug von Flüchtlingen, die zahlenmäßig gegen Ende des Jahres rund einem Prozent der Bevölkerung entsprechen werden, langfristig verkraften kann oder müssen beispielsweise Rentner um ihr Geld bangen?
Momentan sind ein Prozent mehr Menschen kein Problem. Aber man muss zusehen, dass nicht jedes Jahr ein Prozent dazu kommt. Denn das Thema ist nicht damit erledigt, dass man Wohnungen für diese Menschen sucht. Dann beginnt ja erst die Integration. Das bedeutet, auch Kindergärten und Schulen müssen aufstocken. Alle müssen Deutsch lernen. Sie brauchen Arbeitsplätze. Das System muss insgesamt den Zugang von so vielen Flüchtlingen bewältigen. Und wenn die Integration gelingt, tragen die Menschen ja auch wieder etwas zu unserem Sozialgefüge bei. Was die Renten angeht, wird es keine Einschränkungen geben, das sagt auch die Bundesregierung.

Welches Potenzial bringen die Flüchtlinge für den Landkreis mit? Wie stehen Verantwortliche aus Industrie und Handwerk zu dieser Thematik?
Beispielsweise in der Pflege haben wir in der Region einen hohen Bedarf an Arbeitskräften. Freilich ist dafür nicht jeder geeignet. Andererseits sind etliche Unternehmer des Handwerks begeistert über die potenziellen neuen Arbeitskräfte. Man muss es auch so sehen: Etliche der jetzt Zugereisten gehen vermutlich wieder in ihre Heimat zurück, wenn sich dort die Lage bessert. Dann ist es doch gut, wenn sie Qualifikationen mitnehmen und dort ihr Land wieder aufbauen können.

Was oft gefragt wird: Warum kommen neben Familien eigentlich so viele junge Männer, oft noch minderjährig, alleine nach Deutschland?
Es gibt mehrere Gründe. Zum einen kratzen Familien oft ihr ganzes Geld zusammen, um wenigstens ein Kind auf die Reise schicken zu können. Oft sind das dann junge Männer, die, würden sie zu Hause bleiben, zum Militärdienst müssten. Aber es gibt auch etliche Fälle, in denen Jugendliche unterwegs ihre Eltern aus den Augen verloren.

Was würden Sie einem Bürger sagen, der gegen Flüchtlinge eingestellt ist und Ihnen bei einer Versammlung Hetzparolen entgegenschleudert?
Da gibt es keine Musterantwort. Es kommt auf die Situation an. Vielleicht würde ich ihm sagen, dass er dankbar sein sollte, dass er selbst in einem Land wie Deutschland lebt und den Krieg nicht erleben muss. Ich würde so etwas auf jeden Fall zurückweisen. Das kann man nicht akzeptieren. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, hier eine Lösung zu finden.

Wenn Sie Bilder aus Kriegsgebieten sehen: Was denken Sie, wie Sie sich verhalten würden, wären Sie dort geboren? Würden Sie auch aus dieser Heimat fliehen? Welches Zielland würden Sie sich aussuchen?
Wir tun uns schwer, uns das vorzustellen. Aber wenn die Situation ausweglos ist, ist es nachvollziehbar, dass man sich eine neue Perspektive woanders sucht. Ich kann es mir aus heutiger Sicht heraus nur vorstellen, dass ich unter solchen Umständen vorübergehend wegginge. Ich würde die Hoffnung nicht verlieren, dass sich alles wieder entspannt und ich in mein Heimatland zurückkehren kann.

Das Gespräch führte Isolde Krapf

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