Hanau
Automatensprengerprozess

Jüngerer Angeklagter will Verletzungen nicht bemerkt haben

Zäh verlief der zweite Tag im Wiederaufnahmeverfahren des Schlüchterner Automatensprengerprozesses.
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Symbolbild: FT
Symbolbild: FT
Die Rekonstruktion der Strecke, die die Schlüchterner mit dem verletzten oder gar toten Komplizen nach der Automatensprengung zurückgelegt haben und die Gutachten standen im Fokus am zweiten Tag im Wiederaufnahmeverfahren, der zäh verlief.


Schnell weg vom Tatort

"Ich kann gar nicht sagen, wie leid mir das tut, dass mein Freund gestorben ist, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke": Diese Beteuerung lässt der 37-jährige Angeklagte, der auch der Revisionsführer ist, von Rechtsanwältin Michaela Roth verlesen.

Ja, man wollte schnell weg vom Tatort, das sei mit dem später Getöteten so vereinbart gewesen. Gerade der hätte nicht entdeckt werden dürfen, weil er unter Bewährung stand. Die Verteidigerin betont mehrfach: "Primäres Ziel war es, den Freund zu retten." Das sei wichtiger gewesen als nicht erwischt zu werden. Viel ist anschließend aus dem 37-Jährigen, der wie sein Komplize laut psychiatrischem Gutachten zur Tatzeit nicht steuerungsunfähig war, nicht herauszukriegen.


Tunnelblick am Steuer

Auf der Fahrt habe es kaum eine Unterhaltung gegeben, er habe im Schock einen Tunnelblick am Steuer gehabt und eine Zigarette nach der anderen geraucht. "Ich bin einfach den blauen Schildern Richtung Autobahn nachgefahren", beteuert der Mann. Orientiert habe er sich an der Beschilderung gen Fulda. Nur: Polizeifotos dokumentieren, dass bis zum Langenselbolder Dreieck die Stadt gar nicht ausgeschildert ist. Stattdessen fuhren die Schlüchterner an einem Dutzend Raststätten und -plätzen vorbei. Einmal hätten sie anhalten wollen, um nach dem Verletzten zu sehen, aber auf der Raststätte sei es zu eng gewesen, sagt der Jüngere. Ziel sei immer das Krankenhaus Salmünster gewesen. Auf die Idee, nach Würzburg oder Aschaffenburg zu fahren, seien sie nicht gekommen, und die Klinik in Gelnhausen hätten sie doch erst suchen müssen. Auf Nachfrage von Staatsanwalt Oliver Piechaczek räumt der 37-Jährige ein, dass ein Verbandskasten im Auto Pflicht sei, wisse er. Warum sie den nicht benutzt hätten, schließlich habe er es ja auch geschafft, ein Auto zu fahren? "Weil wir weg wollten", antwortet der Angeklagte darauf.


Blutlache um Auto

Der Mercedes C-Klasse des Toten ist noch einmal Gegenstand der Verhandlung: Beim Anblick jener Blutlache, die beide Angeklagte nicht gesehen haben wollen, sei sie erschrocken, sagt eine Gelnhausener Kripobeamtin aus. "Die hatte wohl einen Durchmesser von 25 Zentimetern. Das war eine Schicht wie bei einem Pudding", beschreibt sie. Und noch am Tag darauf habe die Maske, die der Zeitlofser wohl getragen hatte, von Blut getrieft. "Zu der Zeit haben wir noch in alle Richtungen ermittelt", so die Beamtin. Drogenmilieu, Rockerkriminalität oder ein Schwarzarbeiter - all das sei denkbar gewesen.


Verhalten der Anklagten moniert

Zu diesen Unklarheiten hätten die Angeklagten mit ihrem Verhalten wesentlich beigetragen. Dieses beschreibt sie als "planmäßig, konspirativ, rational und aktiv, um von der Straftat abzulenken. Dem jüngeren Angeklagten will sie eines bis heute nicht abnehmen: Dass er das Auto des Toten am Bahnhof abgestellt hat und dann fünf oder sechs Kilometer nach Hause gelaufen ist.Zweifel daran, dass der Zeitlofser in Salmünster noch lebte, hat der Notarzt, der damals im Einsatz war.

"Das ist nichts Alltägliches - auch für einen Notarzt nicht", erinnert er sich.Wie er weiß auch der Sanitäter, der zuerst am Fundort war, nicht mehr, ob der Leblose den Pullover über den Kopf gezogen hatte. In den Einsatzprotokollen ist das so vermerkt. Bei Nachfragen zum Blut ist sich der Arzt sicher: "Das war nicht frisch." Das deckt sich mit dem medizinischen Gutachten. Warum 2.15 Uhr als Todeszeitpunkt bei der ersten Verhandlung festgelegt worden sei, könne er nicht nachvollziehen, sagt der Rechtsmediziner, der nur einen Zeitrahmen nennen will.


Zeitrahmen für Todeszeitpunkt

Zwischen 1.19 Uhr und 2.55 Uhr oder 3.05 Uhr legt er in seinen Berechnungen dar. Demnach könnte der Zeitlofser an den Folgen des schweren Schädel-Hirn-Traumas schon gestorben sein, als die Zündung des Gasgemischs mit einer Wunderkerze schief ging. Andreas Ungermann
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