Bad Kissingen
Sonderkonzert

Für alle eine schwere Kost

Diees Mal spielte der Kultgeiger David Garrett mit seinem Klavierpartner Julien Quentin alle Violinsonaten von Johannes Brahms. Das Publikum war ein bisschen verunsichert, kam am Ende aber doch auf seine Kosten.
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David Garrett und Julien Quentin im Großen Saal. Foto: Ahnert
David Garrett und Julien Quentin im Großen Saal. Foto: Ahnert
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Natürlich waren schon lange alle Karten weg, auch für die eingestellten Stühle, auch für den Grünen Saal. Natürlich gab es rund um den Regentenbau schon am Nachmittag keinen einzigen legalen und illegalen Parkplatz mehr - und die auswärtigen Kennzeichen waren deutlich in der Überzahl. Es ist ganz einfach so: Wenn David Garrett kommt, sind die Massen elektrisiert, da strömen sie herbei, da gibt's Enttäuschung, wenn an der Kasse das Schild "Ausverkauft" hängt. Da muss nicht einmal Kissinger Sommer sein - auch wenn Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger den Kultgeiger zur Eröffnung des Festivals begrüßt.

David Garrett weiß natürlich um seine magnetisierende Wirkung. Er nutzt sie aus, und das ist gut so. Er holt Menschen in den Konzertsaal, die noch nie im Großen Saal des Regentenbaus waren, für die Klassik etwas Fernes, vielleicht sogar Unverständliches ist. Man merkt die fehlende Konzertgeherübung allein schon daran, dass viele im Publikum nach jedem Satz klatschen. Das war zu Brahms' Zeiten noch absolut üblich, und das stört auch David Garrett nicht.

Denn er ist nicht nur Musiker, sondern auch Kommunikator, der das Publikum entkrampfen kann, der keine Weihestimmung braucht wie mancher Pianist, der zum Handmikrophon greift, ein paar Sätze sagt. Er holt die Leute auf Augenhöhe, ist mit ihnen per Du: "Wer von euch hat schon mal ein Stück von Brahms gehört?" Und er wünscht sogar: "Viel Spaß!"

Freie Auswahl beim Programm

David Garrett hat natürlich einen großen Vorteil: Die Leute kommen vor allem wegen ihm, weniger wegen der Musik. Das heißt: Er kann eigentlich spielen, was er will - auch Zumutungen. Denn das ist ein lexikalischer Überblick über alles, was Johannes Brahms für Violine und Klavier komponiert hat - also drei Sonaten und einen Satz - durchaus. Und das Publikum leidet auch ein bisschen darunter, auch wenn viele hochkonzentriert zuhören. Der Applaus ist verhalten. Man würde ja gerne vor Begeisterung aufspringen wie sonst, Bravo rufen, seinen Liebling feiern. Aber nach relativ leiser Kammermusik, und nach Brahms?

Bravos erst bei den Zugaben

Bei den Zugaben, die David Garrett relativ zügig und reichlich gibt, weil er um die Hemmungen natürlich weiß, ist die Welt wieder in Ordnung: Fritz Kreislers "Caprice viennois" und "Tempo di Minuetto", Brahms' (jawohl!) Ungarischer Tanz Nr. 5 und Stephen Fosters "Jeanie With The Light Brown Hair" in einer Bearbeitung von Jascha Heifetz sind Shownummern, bei denen man mit Effekten zaubern und sein Publikum bezaubern kann. Und plötzlich - oder endlich - sind sie da, die Bravos, das aufspringende Publikum, das seinem Star zujubelt, da ist die Welt in Ordnung, da ist der Brahms schon längst verziehen. "Was waren die Zugaben doch schön", ist hinterher zu hören.

Und vorher? Natürlich ist man skeptisch gekommen. Denn die Rückkehr des rockenden Crossover-Geigers in die Klassik, die David Garrett vor fünf bis sechs Jahren angetreten hat, ist ein steiniger Weg, auch wenn er ein verdammt guter Geiger ist. Das hat sich bei den Konzerten der letzten Jahre im Regentenbau gezeigt. Da hat er keine schlechte Ware abgeliefert, aber da war er Orchestersolist, da hatte er breite Rückendeckung.
Bei der Kammermusik ist das halt ganz anders. Da gibt es keine Rückzugsmöglichkeiten, kein vorübergehendes Abtauchen. Da muss man ununterbrochen Flagge zeigen. "Kammermusik halte ich für die persönlichste und intimste Art, eine Geschichte zu erzählen", sagt David Garrett. Aber ob ihm das wirklich gelingt?

Ja, aber nicht gleich. Natürlich ist der Einstieg in die A-dur-Sonate op. 100 für die Violine etwas undankbar, weil sie Fragmente spielt, als hätte sie den Faden verloren und suche den Anschluss ans Klavier. Aber so ganz verflüchtigt sich der Gedanke nicht. Denn der französische Pianist Julien Quentin ist sichtlich unbeeindruckt von der Aura seines Partners und ist der Herr auf dem Podium. Er ist der Führende, er macht das Tempo, die Dynamik, die Agogik. Und David Garrett braucht etwas Zeit, um sich da anzuhängen. Für ein erzählendes Spiel bleibt da keine Luft. Und auch bei der d-moll-Sonate op. 108 bleibt der Eindruck, dass er vor allem damit beschäftigt ist, den Notentext auf die Saiten zu bringen - das allerdings zunehmend makelloser.

Auf einmal wird erzählt

Aber dann ist da eben auch noch der zweite Teil. Die G-dur-Sonate op. 78, die "Regenliedsonate", das ist seine Sache. Da hat er einen intimen Zugang, den er auch zeigt, da wird der Ton sehr persönlich und wunderbar substanziell, da spielt er außerhalb technischer Erwägungen, da tritt er wirklich in Kontakt mit dem Klavier. Und da erzählt er plötzlich - durchaus auch von sich. Die spröde Musik von Brahms ist auf einmal interessant. Vielleicht ist sein Spiel immer noch ein bisschen behutsam, bewegt sich nicht oft aus der dynamischen Mittellage heraus, emotional noch zu stark kontrolliert. Auch wenn das dem sehr schön gesungenen Adagio wirklich gut tut - bei den Ecksätzen ist noch Luft. Wer so bei sich ist, sich unbeobachtet glaubt, tritt auch schon mal aus Übermut gegen eine scheppernde Mülltonne.

Gegen die tritt David Garrett dann doch noch: im Scherzo der sogenannten FAE-Sonate, das Brahms zu dem Gemeinschaftswerk mit Robert Schumann und Albert Dietrich beigesteuert hat. Da sind die Rollen plötzlich vertaucht. Da langt er hin, da darf auch der hässliche Ton kreativ wirken, da sieht sich Julien Quentin plötzlich in der Rolle des Gejagten.

Naja, und dann kommen auch noch die Zugaben.

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