Interview

300 Jahre Streck-Bräu in Ostheim: Der Chef Axel Kochinki im Gespräch

Noch immer ist die Streck-Bräu in Ostheim in Familienbesitz: Axel Kochinki spricht unter anderem über die Zukunft der Biere und Brauereien.
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Die neunte, zehnte und elfte Generation der Familie (von links): Ferdinand, Anna, Rainer, Christine, Julius und Axel Kochinki.  Foto: Rene Jaschke
Die neunte, zehnte und elfte Generation der Familie (von links): Ferdinand, Anna, Rainer, Christine, Julius und Axel Kochinki. Foto: Rene Jaschke

Ein 300. Jubiläum ist nicht jeder Firma vergönnt. So lange wird aber in Ostheim Bier gebraut, und zwar in Familienhand. Ein Gespräch mit dem jetzigen Chef Axel Kochinki über Biertrends, angebliche Krisen und Geschichten von Mitmenschlichkeit in schwierigen Jahren. Herr Kochinki, nicht jeder hat das Glück, in eine Familie hineingeboren zu sein, die man viele, viele Generationen zurückverfolgen kann. Das heißt, ist es überhaupt ein Glück? Oder doch eine Bürde? Axel Kochinki: Ja, für mich ist es ganz klar Glück, in diese Familie hineingeboren worden zu sein. Als Mensch, der von seinen Eltern und Großeltern immer geliebt und unterstützt wurde und täglich wird, lassen sich die Verpflichtungen, gerne, gut und fröhlich tragen. Ich bin ein absoluter Familienmensch und als Vater von drei gesunden Kindern freue ich mich, eben diese Familientradition und -geschichte auch an die nächste Generation weitergeben zu dürfen. War es von Kindesbeinen an klar, dass auch Sie einmal in die familiäre Brauer-Tradition eintreten würden? Da ich noch drei Geschwister habe, war dies nicht von Anfang an klar. Was sehr bald klar war, war meine Freude und Faszination für Bier, sowohl die Herstellung als auch der Geschmack (zunächst natürlich der unseres Malzbieres). Schon als Kind habe ich den Geruch der Brauerei eingesogen und den Erwachsenen über die Schulter geschaut. Für mich gibt es kein besseres Getränk.Unser Vater hat alle drei Geschwister der Reihe nach gefragt, ob sie sich vorstellen können, den Betrieb einmal zu übernehmen. (Anmerkung der Redaktion: Axel Kochinki ist das jüngste Kind von Dr. Rainer und Christine Kochinki). Nachdem meine Geschwister sich für einen anderen beruflichen Weg entschieden hatten, war es aufgrund meiner Liebe zum Bier für mich ein Leichtes, "Ja" zu sagen, als mein Vater mich fragte. 16 Jahre war ich damals alt. Meine Geschwister haben mich immer unterstützt und standen mir zur Seite, wenn ich sie brauchte, wofür ich ihnen von ganzem Herzen danke. Welche Gefühle bewegen Sie im Jubiläumsjahr, zurück- und vorausblickend? Im Rückblick tiefe Dankbarkeit gegenüber allen, die dieses Jubiläum durch ihre langjährige Treue und Unterstützung möglich gemacht haben: Da ist zuerst meine Familie zu nennen, von der ich die Brauerei vor mittlerweile 20 Jahren übernehmen durfte, dicht gefolgt von allen Mitarbeitern von Strecks Brauhaus. Und da sind all unsere Kunden, die sich immer wieder freuen, unseren '...fröhlichen Schluck' zu genießen und für die wir unsere Arbeit hier in Ostheim vor der Rhön verrichten. Bier ist, gerade bei den sommerlichen Grillabenden, ein Gesprächsthema. Trotzdem wird, glaubt man den Statistiken, immer weniger Bier getrunken. Gibt es eine Brauerei-Krise? Das ist eine sehr spannende Frage. Fakt ist, es gibt ganz viel Wandel. Unsere Aufgabe ist es, uns ständig weiterzuentwickeln, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren. Alleine die letzten Jahre der Craft-Biere haben gezeigt, wie dynamisch ein Markt sein kann. Es gibt wieder mehr kleine Brauereien (also kein Sterben) und das Bewusstsein für Bier als ein hochwertiges, wertvolles Lebens- und Genussmittel ist deutlich gestiegen. Nein, es gibt keine Krise. Sie haben den Trend nach handwerklichen Craft-Bieren und regionaler Herkunft angesprochen. Profitiert Strecks Brauhaus davon? Ganz klar Ja. Wir haben mit unserem 1718 Jubiläumsbier und unserem naturtrüben, veganen Zwickel-Bier zwei neue Kreationen auf den Markt gebracht, die diesem Trend ganz klar entsprechen. Auch alle anderen unserer Biere sind handwerklich gebraut, was Craft-Bier ja im eigentlichen Sinn bedeutet. Daher kommt uns diese Entwicklung sehr gelegen und wir profitieren davon. Das Handwerk beklagt allerorten Nachwuchsmangel. Muss Strecks Brauhaus in das Klagelied einstimmen? Ich kann mit Stolz behaupten, wir haben keinen Grund zur Klage. Schon seit Generationen bilden wir hier in Strecks Brauhaus immer selbst aus. In den letzten 100 Jahren wurden bei Streck über 80 junge Menschen von uns sehr erfolgreich auf das Berufsleben vorbereitet. Das hat sich in der Brauwelt herumgesprochen und wir finden immer wieder gute Auszubildende. Zurzeit haben wir drei Lehrlinge im Betrieb. Es lohnt sich, kontinuierlich in Nachwuchs zu investieren. Wenn Sie auf die Geschichte von Strecks Brauhaus in Ostheim zurückblicken, welche zwei, drei Episoden finden Sie besonders bemerkenswert? Die Historiker Dr. Kai Lehmann und Georg Sailer haben so viel ans Tageslicht befördert, da fällt es beinahe schwer, eine Wahl zu treffen. Ich kann jedem, der sich für Heimatgeschichte interessiert, unser Buch 'Strecks Brauhaus aus Ostheim vor der Rhön - 300 Jahre Bier-, Familien- und Ortsgeschichte', empfehlen, das im September auf den Markt kommt. Als besonders eindrucksvoll empfinde ich den Umgang mit Albert Cordier, der für Strecks Brauhaus als Kriegsgefangener arbeiten musste. Die hier gelebte Menschlichkeit, und das in solch einer dunklen Zeit, finde ich ganz außergewöhnlich. Blicken wir am Schluss in die Zukunft: Was ist Ihr unerfüllter Traum für die Brauerei? Eine Biersorte, die es noch nicht gab? Oder ist es doch die elfte Generation, auf die sie sich freuen? Da ich zu den glücklichen Menschen gehöre, die viel träumen, kann ich Ihnen verraten, dass ich jede Menge Ideen und Wünsche für die Brauerei habe. Wir denken natürlich über Biere und Getränke nach, die unser Sortiment erweitern. Es macht sehr viel Freude in dieser Richtung zu experimentieren und wir freuen uns darauf, in absehbarer Zukunft einen neuen '...fröhlichen Schluck' auf den Markt zu bringen. Es bleibt also spannend in Strecks Brauhaus! Natürlich freue ich mich bereits heute über die elfte Generation. Diese darf jetzt aber erst mal langsam wachsen, und dann sehen wir weiter...

Das Gespräch führte Gerhard Fischer

                  



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