Kothen

Nur fast vergessen: Werberg lebt auf

Wenn sich alte Freunde begegnen und Geschichten von früher erzählen, dann bekommt Werberg wieder Leben eingehaucht.
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Verschollen ist der Korpus des Hohmann-Kreuzes sowie viele Bildstöcke aus dem ehemaligen Werberger Ortsbereich.  Fotos: Stephanie Elm
Verschollen ist der Korpus des Hohmann-Kreuzes sowie viele Bildstöcke aus dem ehemaligen Werberger Ortsbereich. Fotos: Stephanie Elm
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Einmal im Jahr ist Werberg für die Öffentlichkeit zugänglich - ab diesem Jahr regelmäßig jeden vorletzten Samstag im Juli. Aus dem Dornröschenschlaf erwachte das kleine Rhöndorf am Rand des Wildfleckener Truppenübungsplatzes zum Werberger Treffen, das seit 1973 ununterbrochen stattfindet. Auch mehr als 50 Jahre nach der letzten Absiedlung 1966 hat Werberg "nichts von seinem Zauber verloren", sagte Isabell Geck von der Interessengemeinschaft (IG) ehemalige Werberger.

Er sei ein "mystischer Zauberort, der von uns wiederentdeckt werden möchte". 150 Besucher wandelten auf den meist unwegsamen Wegen, um Werbergs Geheimnisse zu entdecken. Für den einen ist es "Schlittenfahren auf dem Weißen Weg und kaum den Berg wieder raufkommen", für den anderen "das beste Obst meines Lebens". Werberg war zwar nicht mit fruchtbarem Ackerboden, dafür aber mit Obstbäumen gesegnet, von denen sich die ehemaligen Bewohner auch nach der Absiedlung noch bedienten. Viele Früchte blieben also nicht hängen, sehr wohl aber Erinnerungen an eine entbehrungsreiche, aber dennoch gute Zeit in Werberg.

Ehemalige Bewohner trafen alte Schulkameraden oder Bekannte wieder. Jedes Werberger Geheimnis kennt Klaus Penner, der Werberg als 12-Jähriger mit seinen Eltern verlassen musste. Er erzählte vom Trompetensignal, das von der alten Burganlage ertönte und zur Feuerwehrübung rief und vom Schulweg, der "den Schwarzen Weg rauf und nach dem Unterricht auf der Schiefertafel rutschend wieder runter" führte.

Persönliche Anekdoten ergänzte Matthias Elm mit historischen Begebenheiten: Die Burganlage war ursprünglich zur Grenzsicherung zwischen dem fuldischen und würzburgischen Gebiet errichtet worden. An den Bauplänen für die eigene Kirche, die 1853 fertiggestellt wurde, war sogar König Maximilian II. beteiligt gewesen. Obwohl sie sich ein eigenes Gotteshaus lang und innig wünschten, war es in Werberg bis dahin "nicht üblich gewesen, in die Kirche zu gehen", berichtete Elm.

Der Fußweg zur zuständigen Kirche auf dem Volkersberg war wohl zu beschwerlich. Bevor es in Werberg einen eigenen Friedhof gab, beerdigten die Werberger ihre Verstorbenen in Kothen. Aufgrund eines Kirchstreits durften die Werberger jedoch die Kothener Kirche nicht betreten, was die Errichtung des eigenen Friedhofs 1859 beschleunigte. Der wurde auf dem Areal mit dem Flurnamen "Ruhroth" angelegt. Vermutlich hatte sich dort bereits der Friedhof der Burganlage befunden.

Jugend an der Front

Eine Häufung von Hausbränden sorgte zwischen 1926 und 1936 dafür, dass Werberg den Spottnamen "Neubrandenburg" erhielt. Vom Hohmann-Kreuz im ehemaligen Dorfmittelpunkt ist der Korpus zwischen 1938 und Kriegsende 1945 verschollen, ebenso wie viele Bildstöcke im Ortsbereich. Von 1942 an war Werberg ein "Wehrertüchtigungslager". Nach vier Wochen "Grundausbildung" wurden die Jugendlichen an die Front geschickt - auch nach Russland. Zeitzeugen-Berichten zufolge hatten "die Russen Mitleid mit den Minderjährigen und haben sie zurück nach Hause geschickt", weiß Matthias Elm.

Filmreife Schlägereien

Noch im Jahr der Absiedlung 1938 errichtete die Wehrmacht, die ihre Soldaten in den Häusern der ehemaligen Bewohner unterbrachte, ein Badehaus. Ab 1946 diente dieses als Wohnung für Heimatvertriebene. 1955 eröffneten Emma und Franz Gräf dort das Gasthaus "Zum Egerländer", das in den Orten der Umgebung bekannt war. Es gab regelmäßige Musikveranstaltungen, aber auch filmreife Schlägereien mit US-Soldaten. "Lustig und deftig", so die einhellige Meinung der Besucher, ging es dort zu. Bei dem Treffen begegneten sich nicht nur alte Freunde. Es lernten sich sogar Verwandte kennen, die bis heute nichts voneinander wussten.

Für seine jahrelangen Verdienste um die Werberger Treffen ehrte Isabell Geck, stellvertretend für die ehemaligen Werberger, Ewald Kleinhenz. "Von Anfang an hat er die Werberger Treffen organisiert, stand immer im Hintergrund, war aber immer präsent", sagt Isabell Geck. Ewald Kleinhenz war mehr als überrascht und wünschte sich, "dass das Werberger Treffen Bestand hat". Mottens Erster Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) freute sich, "dass die Tradition aufrechterhalten wird". Diakon Wilfried Beck hielt auf dem neu angelegten Werberger Friedhof, der seit 1976 Gedenkstätte ist, Andacht und Totengedenken. Der Diakon finde es "schön, wenn man sich immer wieder zu seinen Wurzeln zurückerinnert".

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