Bad Kissingen
Konzert

Musikalische Einstimmung auf das Fest

Um einen Chor aus dem Nichts zu zaubern, rief Kantor KMD Jörg Wöltche Chorsänger auf, sich zu einem Projektchor zusammenzuschließen.
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Jörg Wöltche mit seinen wackeren Mitstreitern in Sachen Weihnachtsoratorium in der Erlöserkirche beim Schlussapplaus: Im Hintergrund der Projektchor, davor die Bläsergäste und das Kammerorchester der Erlöserkirche, im Vordergrund links neben ihm die Sängersolisten  Eric Fergusson (Bass), Cora Bethge (Sopran) und rechts von ihm Katrin Edelmann (Alt) und Alexander Ernst Osthelder (Tenor). Foto: Gerhild Ahnert
Jörg Wöltche mit seinen wackeren Mitstreitern in Sachen Weihnachtsoratorium in der Erlöserkirche beim Schlussapplaus: Im Hintergrund der Projektchor, davor die Bläsergäste und das Kammerorchester der Erlöserkirche, im Vordergrund links neben ihm die Sängersolisten Eric Fergusson (Bass), Cora Bethge (Sopran) und rechts von ihm Katrin Edelmann (Alt) und Alexander Ernst Osthelder (Tenor). Foto: Gerhild Ahnert
Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ist für viele Menschen in der Vorweihnachtszeit eine wichtige und willkommene Einstimmung auf das Fest. So war es erfreulich, dass Kantor KMD Jörg Wöltche nach 31 Jahren ohne dieses Hauptwerk des evangelischen Weihnachtsfestes mal wieder zur Aufführung der ersten drei Kantaten in die Erlöserkirche in Bad Kissingen einlud. Der heftige Schneefall in Bad Kissingen steuerte weihnachtliche Stimmung bei, doch haben sich die Aufführungsbedingungen an der Kirche seit 1986 fast umgekehrt. Damals hatte Kantor Lochner noch einen Kirchenchor, mit dem er das Werk über einen langen Zeitraum einstudieren konnte; einen solche gibt es an der Erlöserkirche seit vielen Jahren nicht mehr. Dafür kann er heute auf ein Kammerorchester zurückgreifen, mit dem er schon sehr viele Konzerte veranstaltet hat und das es von Kirchenkantaten gewohnt ist, mit Bläsern von außerhalb und Gesangssolisten zusammenzuarbeiten. Um einen Chor aus dem Nichts zu zaubern, rief Wöltche Chorsänger, die das Werk schon anderweitig gesungen hatten, auf, sich zu einem Projektchor für das Weihnachtsoratorium zusammenzuschließen. Auch das ist in der Vorweihnachtszeit nicht so ganz einfach, denn an vielen Kirchen sind die Sänger durch Proben und Aufführungen an ihren eigenen Ort gebunden. Wie Wöltche in seiner kleinen Begrüßung sagte, war auch die winterliche Pracht für einige weitere allzu hinderlich, so dass letztendlich 31 Sängerinnen und Sänger (darunter drei Kissinger) das kleine Podest in der Kirche füllten.
Die drei Kantaten für die ersten drei Weihnachtstage, auf die sich die Aufführung beschränkte, beginnen mit der durch Trompeten, Pauken, Holzbläser und volles Orchester zu feierlichem Jubel aufgetürmten wohl berühmtesten Komposition des Oratoriums, "Jauchzet, frohlocket", das nach erstaunlich mächtigem Beginn nur im exponierten Mittelteil die trotz großen Engagements der einzelnen Sänger etwas dünne Chorbesetzung zeigte, was sich in Konzentrationsmangel in der Chorfuge "Ehre sei Gott" und den Eckchorälen der 3. Kantate zeigen sollte, wo vor allem gegen Ende die Überstrapazierung der Stimmen ihren Tribut forderte. Die vielen Choräle, die Bach in die Komposition aufgenommen hat, wurden von dem kleinen Ad-hoc-Chor dagegen insgesamt intonationssicher und textverständlich interpretiert, verbanden auf staunenswerte Weise ein zügiges Tempo mit der dennoch spürbaren Haltung der Besonnenheit.
Bei den vier Gesangssolisten der Aufführung konnte Wöltche auf bekannte Kräfte zurückgreifen. Im Falle des Tenors bezieht sich das allerdings eher auf die Person als das Stimmfach. Alexander Ernst Osthelder hat sich in der Erlöserkirche schon häufiger als Countertenor bewährt; als Tenor steht er noch in der Ausbildung, was sich an seiner nicht wirklich runden Stimme bei seiner einzigen Arie, "Frohe Hirten" zeigte, bei der die Geläufigkeit er Textwiedergabe in den Koloraturen recht staunenswert war, die Intonation dagegen etwas zu wünschen übrig ließ und eine Stütze nicht erkennbar war. Die Rezitative des Evangelisten sang er mit wenig Timbre, einiges erinnerte an Sprechgesang, da ist noch einiges zu tun auf dem Weg zum Tenor. Cora Bethge mit ihrem mächtigen und tonsicheren Sopran war trotz Zusatzaufgaben als Engel und Rezitativ etwas unterfordert in diesen drei Kantaten, doch im Duett "Herr, dein Mitleid" zeigte sie im Verein mit Eric Fergusson, wieviel Feuer sie in diese sehr flott genommene, keineswegs weinerlich, sondern auftrumpfend optimistisch Trost verkündende Komposition legen konnte. Eric Fergusson singt mit imposant durchdringendem Bass und legt dabei angenehm großen Wert auf eine natürliche Gestaltung, was ihn nicht nur bei der berühmten wuchtigen Bassarie "Großer Herr und starker König" so richtig auftrumpfen, sondern auch sein winziges Rezitativ "So recht, ihr Engel, jauchzt und singet, dass es uns heut so schön gelinget" mit verschmitzter Ironie angesichts der Bachschen Selbstreflexion interpretieren ließ. Im Mittelpunkt der ersten drei Kantaten stehen schon aufgrund ihrer schieren Dauer die drei großen Arien für Alt, "Bereite dich Zion", "Schlafe, mein Liebster" und "Schließe, mein Herze". Mit Katrin Edelmann hatte Wöltche eine exzellent vorbereitete Sängerin im Quartett, die intonationssicher und mit sorgfältig austariertem Rhythmus und dabei äußerst textbezogen und mit staunenswerter innerer Ruhe gestaltete.
Auch beim - um Blech- und Holzbläser und dem in der Städtischen Musikschule tätigen Percussionisten Thomas Friedrich an den Pauken - erweiterten Kammerorchester der Erlöserkirche machte das Zuhören fast durchgängig Spaß. Wunderschön die strahlenden Trompeten im Eingangschor und bei der Bassarie, die solistische Oboe d'amore von Christiane Feig bei der Tenorarie und mit allen Holzbläsern beim Duett Sopran-Bass. Die Secco-Rezitative begleitete Wöltche selbst am Cembalo. Leider nur sporadisch hörbar, unterstützte Rudolf Schreiter an einer elektrischen Orgel die Continuogruppe aus Jan Jancalek (Cello) und Thomas Ahnert (Kontrabass), die bei den Arien durchgängig wohlüberlegt und mit viel Spiellaune konzentriert mitgestalteten. Wöltches ureigenes Streichorchester zeigte sich trotz einiger kleiner Unschärfen etwa in der Sinfonia als meist konzentriert zupackendes und sensibel interpretierendes Ensemble, was ihn wohl sicher von der Berechtigung seines gewagten Experimentes überzeugte. Auch die Zuhörer zeigten sich überaus zufrieden mit der Gesamtleistung und spendeten kräftigen Applaus, der durch die Wiederholung des diesmal durchgängig gelungenen Eingangschores belohnt wurde.
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