Maßbach
Theater

Zeitlos und mitreißend inszeniert

Das Stück "Barfuß im Park" ist eine der besten Boulevardkomödien, die die Szene zu bieten hat. Nun ist es am Theater Maßbach zu sehen.
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Szene aus dem Stück "Barfuß im Park" mit Anna Schindlbeck und Benjamin Jorns. Foto: Sebastian Worch
Szene aus dem Stück "Barfuß im Park" mit Anna Schindlbeck und Benjamin Jorns. Foto: Sebastian Worch

Am 23. Oktober 1963 hatte am Biltmore Theatre am New Yorker Broadway das Stück eines noch relativ unbekannten Autors seine Uraufführung: "Barefoot in the Park". Es wurde zu einem echten Kassenschlager - 1530 Vorstellungen in vier Jahren und machte den New Yorker Neil Simon zu einem der erfolgreichsten Komödienautoren. 1967 wurde es prominent besetzt - mit Robert Redford und Jane Fonda in den Hauptrollen - von Gene Saks verfilmt. Erstaunlicherweise blieb dem Streifen die höchste Ehre versagt: Bei den Oscars reichte es nur für ein paar Nominierungen. Aber der Triumphzug dieser Boulevardkomödie über die Bühnen in aller Welt war dadurch nicht aufzuhalten.

Die Maßbacher hatten Simons "Barfuß im Park" schon einmal auf dem Spielplan. Das könnte 1994 gewesen sein. Und es ist wirklich gut, dass sie es jetzt wieder aus dem Textbuchregal geholt haben. Denn das Stück ist auch 56 Jahre nach seiner Uraufführung eine der besten Boulevardkomödien, die die Szene zu bieten hat. Sie hat eine kompakte, absolut plausible Handlung für fünf Schauspieler in einem Bühnenbild, sie hat höchst intelligente, witzige, nachdenkliche, gemeine Dialoge (Übersetzung: Gina Kaus), und sie bietet keine Möglichkeit, Leerlauf zu produzieren - auch wenn es Regisseure gibt, die das schaffen. Sie kann den Zuschauer genüsslich atemlos machen - wie die Schauspieler, die allerdings mit 12 bis 14 Treppen - je nach Sichtweise und Wohnung zu kämpfen haben.

Verliebt und frisch verheiratet

Und die Komödie ist deshalb so gut, weil sie zeitlos ist, weil sie Grundbefindlichkeiten verhandelt, und das in einem ziemlich skurrilen Rahmen. Corie und Paul Bratter sind seit sechs Tagen verheiratet und bis über die Ohren ineinander verliebt. Die ersten Tage haben sie im Hotel gewohnt. Jetzt hat Corie eine Wohnung gefunden: im sechsten Stock eines Hauses ohne Aufzug, eigentlich ein Atelier mit einem großen, schrägen Dachfenster - natürlich ist eine der Wabenscheiben kaputt - mit einer Kochnische, einem viel zu kleinen Bad und einem Schlafzimmer, dessen Türe man nicht mehr ganz öffnen kann, wenn das schmale Bett drin steht. Und das Ganze in einem heruntergekommenen Zustand und zu einem total überhöhten Preis. Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Der erste Streit gipfelt in dem Wunsch der beiden, sich sofort wieder scheiden zu lassen. Und das wird natürlich auch nicht besser, als Cories Mutter Ethel Banks auftaucht, die schon deshalb für verstörende Verwirrung sorgt, weil ihr die Wohnung gefällt, und als Victor Velasco, der sogar noch über den beiden, also im Spitzgiebel, wohnt, plötzlich im Zimmer steht, weil er sich ausgesperrt hat und durch das Schlafzimmer der Bratters aufs Dach und am Atelierfenster vorbei in seine Behausung klettern will. Man kann sich schon denken, wie sich die Beziehungen entwickeln. Wäre alles normal, wär's keine Komödie.

Und trotzdem ist sie spannend bis zum letzten Satz. Denn Susanne Pfeiffer hat mit ihrer Truppe eine absolut mitreißende Inszenierung erarbeitet. Sie hat dieses ohnehin schon dichte Stück in einer behutsam gekürzten Fassung noch weiter verdichtet. Sie hat mit einer absolut akribischen Personenregie die für die handelnden Personen überraschenden Handlungsweisen und Reaktionen für die Zuschauer immer plausibel gehalten. Sie zeigt, dass die sich auftürmenden und aus dem Ruder laufenden gegenseitigen Verletzungen von niemandem wirklich gewollt waren, sie zeigt das Erschrecken und auch eine gewisse Hilflosigkeit bei der Rückkehr zu normalen Verhältnissen. Sie legt aber auch ein großes Augenmerk auf den Bereich hinter den Dialogen.

Kleine Stücke im Stück

Es sind schon kleine Stücke im Stück, wenn Corie nebenbei die endlich eingetroffenen Möbel in der Bleibe verteilt, wenn sich der Junganwalt Paul einen Arbeitsplatz in der leeren Wohnung sucht oder Victor wortreich die von ihm zubereiteten Knischies (oder schriebt man das anders?) serviert. Aber andererseits ist Übertreibung auch nicht nötig. Natürlich ist der elende Treppenanstieg ein Superangebot an Schauspieler, Atemlosigkeit und Erschöpfung darzustellen, und das nutzt die Truppe auch aus - aber abnehmend; das wird nicht zum Running Gag. Man merkt durchaus, dass die Kondition im Laufe des Stückes zunimmt.

Die Gestaltung der Charaktere ist absolut tiefgründig. Anna Schindlbeck spielt eine impulsgesteuerte und -getriebene, dem Augenblick lebende Corie, die unter Volldampf alles durch die Brille der Verliebtheit sieht und die geradezu die Fassung verliert, als sie merkt, was Scheidung in der Wirklichkeit bedeutet, aber auch weiß, wie sie da wieder rauskommen soll.

Benjamin Jorns ist als Paul das genaue Gegenteil: absolut planend und berechnend, wenn auch nicht humorlos, vollkommen unspontan, der erst dann die Kontrolle verliert, wenn er sturzbetrunken ist. Nüchtern geht er als Anwalt sofort auf Cories Scheidungsabsicht ein - nicht, weil er sie will, sondern um ihr den Unsinn klarzumachen.

Die beiden Älteren wirken da geradezu vernünftig: Sandra Lava als Cories Mutter Ethel, die auf dem Absprung zur etwas bigotten alten Jungfer ist, bis ihr ein albanisches Abendessen einen Strich durch die Rechnung macht. Und Ingo Pfeiffer ... Für den schließt sich mit dem Stück ein Kreis. Denn "Barfuß im Park" war - vermutlich - sein Maßbacher Debüt, damals allerdings nicht als Victor Velasco, sondern als Paul Bratter. Jetzt gibt er den ungemein charmanten und ebenso undurchsichtigen, aber absichtsvollen etwas älteren Lebemann, bei dem man nicht weiß, ob er in Wirklichkeit nicht nur ein raffinierter Hochstapler ist. Ja, und dann noch Georg Schmiechen als Telefonmann Harry Pepper, ein lebenskluger Handwerker, der die Situation sofort durchschaut, aber als Underdog seiner Lebensklugheit misstraut: "Ich mache nur einen Scherz", sagt er nach jedem Satz. Und als Sechster im Bunde das Bühnenbild: Patrick Schmid hat einen armseligen Wohnraum geschaffen, dessen muffige Feuchtigkeit man bis in den Zuschauerraum riechen kann. Kein Wunder, dass in so einer Umgebung das Spielen zum Überlebenskampf wird.

Die Maßbacher haben mit ihrer Inszenierung Neil Simons fesselndem Text noch eins draufgesetzt.

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