Maßbach
Premiere

Wenn sich in Maßbach Realität und Virtualität begegnen

Das Theater Schloss Maßbach präsentiert bei "Die Netzwelt" ein Stück, das nicht nicht nur schauspielerisch ausgezeichnet schlüssig gelungen ist, sondern auch ein Nachdenken über die Fragen zum Realen und Virtuellen in Gang setzt.
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Iris (Tonia Fechter) und  Geschäftsmann Sims (Ingo Pfeiffer) werden von   Ermittler Woodnut (Georg Schmiechen, im Hintergrund) beobachtet. Foto: Sebastian Worch
Iris (Tonia Fechter) und Geschäftsmann Sims (Ingo Pfeiffer) werden von Ermittler Woodnut (Georg Schmiechen, im Hintergrund) beobachtet. Foto: Sebastian Worch
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Irgendwie passt das genau, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und seine Digitalkollegin Dorothee Bär in diesen Tagen - bis zum 1. April ist es freilich noch etwas hin - ein elektrisch betriebenes Lufttaxi, also eine Drohne mit vier Sitzen, der Öffentlichkeit vorstellen wollen, eine technische Entwicklung, auf die die Menschheit sehnsüchtig gewartet hat. Eine Entwicklung, mit der man endlich wieder einmal den Digitalisierungsstandort Deutschland öffentlichkeitswirksam feiern kann. Und ein gutes Fluchtmittel: Wenn man die Probleme auf dem Boden nicht lösen kann, dann geht man in den nach oben offenen Luftraum, wo die Freiheit - im Gegensatz zum Geist - bekanntlich grenzenlos ist. Kann ein Andreas Scheuer denn überhaupt sagen, was für Konsequenzen diese Entwicklung letztlich hat - und zwar nicht nur, wenn sich vor Wolke sechs die ersten Staus bilden.

Natürlich ist Digitalisierung im Moment ein großes Thema - wenn auch nicht das wichtigste. Und wir sind ja auch schon ziemlich weit gekommen, was man nicht unbedingt mit Fortschritt gleichsetzen muss. Wir können uns ja schon frei in digitalen Welten bewegen, wenn wir eine etwas größere Spezialbrille aufsetzen und das Anschlusskabel in die Buchse eines hochgefahrenen Rechners stecken. Wir können uns da schon, wenn wir uns nicht mit fertigen Programmen zufrieden geben wollen, unsere eigene Welt nach unseren ganz eigene Vorstellungen und Wünschen zusammenbasteln. Denn wir bewegen uns in einem absolut rechtsfreien und auch moralfreien Raum, der ohne jede Konsequenz und Verantwortung wieder verlassen werden kann. Wir können zumindest virtuell unsere geheimsten Wünsche ausleben, ohne dass unsere Umgebung etwas davon erfährt, wir können reihenweise unsere fliehenden Feinde abknallen, ohne unsere Schuldgefühle zu aktivieren. Und wenn wir den Stecker ziehen, kehren wir bruchlos zurück in die Realität. Aber da müssen wir dann wieder selber den Müll raustragen, Vokabeln lernen oder uns in den Stau stellen. Was ist uns lieber?

Digitalbrille überflüssig

Die Amerikanerin Jennifer Haley hat 2012 in ihrem Science-Fiction-Krimi "The Nether", in der deutschen Übersetzung von Michael Duszat "Die Netzwelt", konsequent weitergetrieben, was zurzeit noch in den Kinderschuhen steckt. Bei ihr ist die Digitalbrille überflüssig geworden, bei ihr ist die Entwicklung so weit getrieben, dass Realität und Virtualität aufeinanderprallen. Das stellt natürlich Anforderungen an die Fantasie des Betrachters, aber es gab ja auch Zeiten, in denen die Vorstellung vom Internet, wie es heute ist, noch nicht denkbar war. Aber es stellen sich spannende, höchst diskussionswürdige Fragen.

Die Geschichte, wäre sie nur in der Realität angesiedelt, könnte ganz einfach sein. Der reale Geschäftsmann Sims (Ingo Pfeiffer) hat in seiner Jugend ein Mädchen kennengelernt und nicht vergewaltigt (darf man das schon sagen, denn das kommt eigentlich erst am Ende?). Als Kompensation erschafft er sich an seinem Computer ein virtuelles Mädchen. Die Sache funktioniert: Er macht sie zum einträglichen Geschäftsmodell, zum elektronischen Puff. Refugium heißt bezeichnenderweise der Raum, den seine Kunden besuchen können. Und sie müssen die Wirklichkeit absolut draußen lassen. Die Mädchen aus dem Fundus der Kinderpornographie sehen alle mehr oder weniger gleich aus, heißen Iris (Tonia Fechter), werden ins "Internat" (nicht "Internet") abgeschoben, wenn sie sich gegen die Regeln Gefühle erlauben. Und wenn die Kunden Schwierigkeiten haben, sich von ihnen zu lösen, dürfen sie sie auch mit einer Axt erschlagen. Macht ja nix, ist ja nur virtuell, kommt ja wieder, Neustart.

Am liebsten ganz im Netz verschwunden

Da ist Doyle (Marc Marchand), ein hochdekorierter Naturwissenschaftler, der sich über eine Online-Professur im Netz verfangen hat, und der sich so sehr in Iris verstrickt hat, dass er nicht nur ihre Führung übernehmen durfte, sondern dass er, immer mehr an der Realität leidend, am liebsten ganz im Netz verschwunden wäre. Auf dem Boden der Realität bleibt dagegen die Ermittlerin Morris (Silvia Steger). Und sie bewegt sich auf dünnem Eis. Sie will - das ist das Ergebnis eines Referendums in der Netzwelt - das Refugium dicht machen. Aber dazu müsste sie Sims' Server lahmlegen, und sie weiß nicht einmal, wo er ist. Und Sims lässt die immer wieder auflaufen, weil er genau weiß, dass sie nichts Gerichtsverwertbares gegen ihn in der Hand hat. Denn der Missbrauch richtet sich ja nicht gegen reale Kinder. In ihrer Beweisnot schickt sie ihren Avatar, den verdeckten Ermittler Woodnut (Georg Schmiechen). Der liefert Morris seine Beobachtungen, aber er begeht auch einen Fehler, den ein Avatar eigentlich gar nicht machen kann: Er verliebt sich in Iris, obwohl er doch eigentlich gar keine Gefühle haben kann. Aber mehr wird nicht verraten.

Relativ nüchterne und konzentrierte Fassung

Sandra Lava hat mit ihrem Team und einer außerordentlich präzisen Regie eine relativ nüchterne, konzentrierte Fassung erarbeitet, die nicht nur schauspielerisch ausgezeichnet schlüssig gelungen ist (darf oder kann man Avatare loben?), sondern die die auch die Zuschauer zur Aufmerksamkeit zwingt, weil sie die Fragen, die das Stück stellt, wirklich deutlich macht. Weil sie ein Nachdenken in Gang setzt. Natürlich tun wir uns heute schwer mit der Vorstellung einer konkreten Begegnung von realer und virtueller Welt. Aber das heißt ja nicht, dass sie nicht eines Tages doch möglich sein wird. Auch wenn wir uns das schon im Sinne der Selbstbestimmung vielleicht gar nicht wünschen.

Zum Schluss doch noch ein tröstlicher Hinweis: Das Bier danach ist immer noch analog.

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