Maßbach
Kultur

Welt der Auflösungen mit einer Art Happy End

Mit "Nachtblind" zeigt das Theater Schloss Maßbach ein Stück, das von Gewalt in verschiedensten Ausprägungen handelt. Die Spannung hält bis zum Schluss.
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Szene aus dem Stück "Nachtblind" im Theater Schloss Maßbach mit Anna-Maria Bednarzik als Leyla und Lukas Redemann als Moe. Foto: Sebastian Worch
Szene aus dem Stück "Nachtblind" im Theater Schloss Maßbach mit Anna-Maria Bednarzik als Leyla und Lukas Redemann als Moe. Foto: Sebastian Worch

Schon beim Reinkommen ist alles anders. Der Innenraum ist in nachtblaues Dunkel getaucht, und es dauert etwas, bis man sich orientieren kann. Denn in der Mitte des Raumes ist ein großer übermannshoher Gitterkäfig aufgebaut, zentral sozusagen, und die Sitzreihen sind nicht frontal, sondern rechts und links des Käfigs. Und darin, kaum zu erkennen, drei Schauspieler. "Nachtblind", der Titel des neuen Stückes, erscheint sofort logisch.

Es war ihr dramatischer Erstling, den die Schweizerin Darja Stocker 2006 in Zürich herausbrachte - und er erwies sich als Volltreffer. Verhandelt wird hier das Thema Gewalt in verschiedenen Ausprägungen: Es ist eine Welt der Auflösungen. Da ist die junge Leyla (Anna-Maria Bednarzik), die mit ihrem Freund um die Häuser zieht und auf die Gerüste klettert, um auch an den schwierigsten und gefährlichsten Stellen Graffiti anzubringen. Dieser Freund ist das große Problem, auch wenn er als Person auf der Bühne überhaupt nicht auftaucht. Er hat auch keinen Namen, heißt nur: der Große. Er schafft es nicht, zwischen Liebe und Gewalt zu unterscheiden, schlägt Leyla immer wieder grün und blau, um dann wieder angewinselt zu kommen. Leyla müsste sich von ihm trennen, aber sie schafft es alleine nicht, und ihre Mutter (Eva Marianne Schulz) ist ihr da auch keine Hilfe, denn die beiden haben sich vollkommen entfremdet.

Auch die Mutter hat Gewalt erfahren, hat sich in ihrer Opferrolle eingerichtet, denn ihr Mann hat sich eine Jüngere gesucht. Sie versinkt in einem Akt der Selbstfesselung hinter dem Schutzschild der lethargischen Melancholie. Nur einmal bricht sie aus, um wie besessen ihre Umfänge zu messen, ob sie noch die Idealfigur hat, um letztlich damit ihren Mann ins Unrecht zu setzen. Und da ist der junge Moe (Lukas Redemann). Er erfährt keine physische Gewalt, sondern er ist hoffnungslos gefangen in den Erwartungen seiner Eltern. Denn obwohl er hochbegabt ist und eigentlich Physik studieren könnte, wird er Automechaniker. Und er weiß nicht so recht, wie er an Leyla herankommen soll, denn zwischen ihnen steht der Große. Die Lage ist aussichtslos.

Julika Kren, die Theaterpädagogin der Maßbacher, hat dieses Stück mit gnadenloser Genauigkeit inszeniert und eine Spannung erzeugt, die bis zum letzten Satz hält. Obwohl sich der Eindruck zunächst nicht aufdrängt. Denn zum Einstieg greift die Mutter zum Mikrofon und erklärt anhand von Beispielen, dass die Sexualisierung der Frau in der Gesellschaft vor allem den Männern dazu dient, die Kontrolle über sie zu behalten. Das klingt nach Lehrstück, und man lehnt sich schon etwas bequemer zurück. Aber dann beginnt das Spiel, und man findet sich auf der Stuhlkante wieder.

Es ist nicht nur das ohne jede Selbstschonung intensive Spiel von Anna-Maria Bednarzik, Eva Marianne Schulz und Lukas Redemann, das ohne jede Zäsur, ohne jedes Innehalten in dem Käfig abläuft, der mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem kleinen Standgerüst auskommt - mehr braucht es nicht, keinerlei emotionalen Ankerpunkt, denn die Handlung macht sich nicht an konkreten Sachen fest (Bühnenbild: Peter Picciani). Es ist nicht nur die enorme Konzentration und Kondition, mit der die drei spielen. Es ist auch, weil es Julika Kren gelungen ist, die Gewalt in ihren Phänomenen stets latent mitschwingen zu lassen. Sie muss sie nicht zeigen, sondern verdeutlicht sie in den Reaktionen ihrer Leute - und zwar durchaus spürbar.

Immerhin gibt es ein gewisses Happy End. Denn Leyla und Moe finden zueinander, weil der sich durchaus körperlich mit dem Großen angelegt hat. Und Leyla hat zumindest begonnen, sich von ihm zu lösen und sich Moe zuzuwenden. Und sie hat auch wieder Kontakt zu ihrer Mutter gefunden. Das muss noch nicht viel heißen, denn ob der Große so schnell aufgibt? Und der Vater ist auch noch nicht zurückgekommen. Aber immerhin. Trotzdem fragt man sich, ob Darja Stocker mit diesem verhältnismäßig versöhnlichen Schluss nicht ein bisschen ihrer Schweizer Bürgerlichkeit aufgesessen ist. Denn man kann schon diskutieren, ob am Ende die Befreiung der Frau ein Stück weitergekommen ist. Die Antwort ist eindeutig: ja und nein.

Wenn Schule - aber nicht nur sie - gesellschaftliches Bewusstsein bilden will, dann liefert dieses Stück erschreckend plastisches Material. Es ist kein schönes Thema, das da verhandelt wird, aber ein enorm wichtiges. Vielleicht nicht unbedingt für die Abc-Schützen (empfohlen ab 13 Jahre), denen derartige direkte oder indirekte Gewalterfahrungen hoffentlich noch fehlen - obwohl die heutigen Computerspiele die Grenzen ziemlich verwischt und die Gewalt kulinarisiert haben. Aber hier geht es nicht um Virtuelles, sondern um die analoge, die konkrete Gewalt gegenüber konkreten Menschen im konkreten Leben. Und da stellen sich Fragen, die sich mit der Escape-Taste nicht beantworten lassen.

Pädagogisches Material lässt sich wie immer problemlos von der Homepage des Theaters herunterladen oder kann per Post angefordert werden. Schulklassen können Vormittagstermine vereinbaren, aber es gibt auch ein paar Freiverkaufsvorstellungen: am 11. Mai, am 18. Mai (mit Nachgespräch) und am 7. Juni, jeweils um 19 Uhr. Es könnte ja sein, dass auch ein paar Eltern wissen möchten, was ihre Kinder so sehen.

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