Münnerstadt
else2

Tanz der Lokomotiven

Der bekannte holländische Dampflok-Filmer Ton Pruissen zeigte in Münnerstadt einige seiner historischen Filme in der Alten Aula.
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Der Holländer Ton Pruissen (rechts) zeigte in der alten Aula hervorragende  historische Eisenbahnfilme. In der Bildmitte Mia Hochrein, die Initiatorin  des else2-Kulturporjektes. Links Ekkehard Martin, der Vizepräsident der  Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte. Er hatte Pruissen nach  Münnerstadt geholt. Foto: Dieter Britz
Der Holländer Ton Pruissen (rechts) zeigte in der alten Aula hervorragende historische Eisenbahnfilme. In der Bildmitte Mia Hochrein, die Initiatorin des else2-Kulturporjektes. Links Ekkehard Martin, der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte. Er hatte Pruissen nach Münnerstadt geholt. Foto: Dieter Britz
Zwei Stunden jede Menge feuchter weißer Dampf und ölig schwarzer Qualm in der alten Aula, untermalt von Musik und mehr noch von Fauchen und Zischen. Die Töne kamen natürlich aus den Lautsprechern des Saales. Qualm und Dampf, die aus den Schornsteinen und Dampfloks drangen, waren zum Glück nur optisch präsent und wurden an die Wand projiziert. Sonst wäre der Saal schlichtweg hinüber. Der bekannte holländische Dampflok-Filmer Ton Pruissen zeigte ein halbes Dutzend seiner historischen Eisenbahn- und Dampflok-Filme. Dieses Thema fasziniert noch immer viele ältere und jüngere Eisenbahnfans, denn else2-Initiatorin Mia Hochrein konnte zahlreiche Zuhörer in der alten Aula begrüßen.
Ton Pruissen, Jahrgang 1946, begann im Alter von 16 Jahren, Dampfloks und Eisenbahnen zu fotografieren. Doch er merkte schnell, dass er nur mit Filmaufnahmen auch die Bewegung einfangen kann, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung und "das Interesse an Dampfloks und das Filmen lassen sich sehr gut miteinander verbinden." Als Holländer hatte er es vor dem Fall des Eisernen Vorgangs leichter als Westdeutsche, auch in der DDR und in Polen Filme zu machen. In diesen Ländern waren die schwarzen stählernen Dampflok-Umgetüme noch im Einsatz, als sie im Westen schon durch Diesel- oder Elektroloks ersetzt waren und nur noch als Museumsstücke bestaunt wurden. "In Polen musste man zur Transportpolizei gehen, Schokolade und Nylonstrümpfe dabeihaben, dann bekam man die Dreherlaubnis" , erzählte Pruissen schmunzelnd. Einer der Filme hieß denn auch "Dampf über Polen 1969 bis 1975." Seinen Wehrdienst verbrachte er in der Bundesrepublik und hatte natürlich seine Filmkamera dabei. Sogar in der DDR war er damals. "Ich habe eine schöne Ausbeute mit nach Hause gebracht" , sagt er.
Bis 1990 drehte er nur nebenbei nostalgische Eisenbahn-Filme und verdiente seinen Lebensunterhalt als Computerexperte im Rathaus von Delft. Dann kam sein Kauf-Video "Dampf zu Ulbrichts Zeiten" über Dampfloks und Eisenbahnen in der DDR auf den Markt. "Den Erfolg dieses Videos hatte ich nicht erwartet und nicht erhofft" sagt er. Er gab seinen Computer-Job auf, der ihm sowieso wenig Spaß machte und machte sein Hobby zum Beruf.
Pruissen hat alle Filme und Szenen im Lauf von Jahrzehnten selbst gedreht, "mit Filmkameras aller Formate, außer 35 Millimeter." Museumsfahrten mit Dampfloks, wie sie heute angeboten werden, filmt er nicht, nur echte Fahrten." Für seine alten Filme fehlen ihm allerdings oft die Töne, da steht er dann mit dem Mikrophon auf Bahnhöfen oder an der Strecke und nimmt Dampflokgeräusche auf. Den höchst professionell gemachten neuen Streifen "Mussorgsky unter Dampf - Ballett für Mensch und Maschine" zeigte Pruissen zum Schluss als Höhepunkt seiner Vorführungen. Zur passenden Musik des russischen Komponisten präsentierte er, perfekt adaptiert, Filmszenen aus Indien, aus der DDR und aus anderen Ländern. Ballettartig tanzen hier die Loks über die Leinwand. Keine Szene war zu lang und jede passte perfekt. "Ich habe im Laufe meiner Arbeit überall in Europa, in Indien, Nepal, in Neuseeland, Indonesien, in Zimbabwe, in Amerika gefilmt", sagt er. Er hat schon neue Pläne: Entweder einen Film über alte Bahnen in Sachsen oder einen über eine Schmalspurbahn in Mecklenburg-Vorpommern. "Die hat eine Spurweite von nur 60 Zentimetern, aber sie ist kein Spielzeug" betont er dazu. Auffallend an den Filmen von Ton Pruissen ist, dass er nur wenige bis gar keine technischen Erläuterungen gibt. Dafür bringt er durch die ausgewählte, stets passende Musik die ebenso passende Atmosphäre dem Betrachter näher. Er ist eben kein Erbsenzähler, für den die Feinheiten von Loktypen oder technische Details im Vordergrund stehen.
Wie kam er überhaupt nach Münnerstadt? Der Kontakt kam über den Münnerstädter Ekkehard Martin zustande. Der ist nicht nur Rechtsanwalt in Schweinfurt, sondern auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (DGEG) in Witten (Ruhrgebiet), einem überregional tätigen Verein mit Mitgliedergruppen in ganz Deutschland. Als die DGEG im vorigen Jahr in Bochum ihr 50-jähriges Bestehen mit einer Serie von Vorträgen und Veranstaltungen feierte, zeigte auch Pruissen einige seiner Filme. Ekkehard Martin war begeistert davon und beschloss spontan, ihn nach Münnerstadt zu holen.
Unter den Gästen in der Alten Aula war übrigens auch Joachim Kraus. Er war extra aus Würzburg angereist, um die Dampflok-Filme von Ton Pruissen zu sehen. Dort gibt es eine Mitgliedergruppe der DGEG, der er natürlich angehört, denn er war vor Jahrzehnten selbst Lokführer - "natürlich auf einer Dampflok." In ihm weckten die Filme viele alte Erinnerungen und "sie zeigen viel Atmosphäre." Er kennt Ekkehard Martin sehr gut und erinnert sich gerne daran, dass er ihn zum Hobby-Dampflokheizer ausgebildet hat, "der hat sich ziemlich gut angestellt."
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