Maßbach
Theater

"Ronja Räubertochter"im Theater Maßbach

Mit "Ronja Räubertochter" inszeniert das Theater Maßbach ein beliebtes Werk der Kinderliteratur. Parallelen zu einem anderen Klassiker drängen sich auf.
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Anna Schindlbeck spielt die Ronja, Susanne Pfeiffer ihre Mutter. Foto: Sebastian Worch
Anna Schindlbeck spielt die Ronja, Susanne Pfeiffer ihre Mutter. Foto: Sebastian Worch
Sommerzeit in Maßbach heißt nicht nur Freilichtbühnenzeit, sondern auch Kindertheaterzeit im Freilichttheater - und die hat jetzt wieder begonnen, und zwar mit einem echten Klassiker: mit "Ronja Räubertochter", dem letzten Stück der schwedischen Nobelpreisträgerin Astrid Lindgren.

Es ist ja, wenn man es genau betrachtet, eine Verpflanzung von Shakespeares "Romeo und Julia" aus Verona in die schwedischen Gebirgswälder hinter Bullerbü. Die Parallelen sind erstaunlich. Bei "Ronja Räubertochter" sind es zwei Räuberfamilien - die Mattisbande und die Borkabande, die total verfeindet sind und - wenn man einmal von der Marktkonkurrenz absieht, denn Überfallopfer wachsen in den schwedischen Wäldern nicht auf den Bäumen - die überhaupt nicht wissen, warum sie so verfeindet sind.

Denn konkrete Gründe gibt es nicht. Ein echtes Problem wird das aber erst, als ein gewaltiger Blitz die Mattisburg spaltet und im südlichen Teil die Borkabande einzieht, weil sie ihr Stammquartier verloren hat - natürlich, und das ist das Schlimmste, ohne zu fragen.

Jetzt trennt die beiden Banden nur noch ein tiefer Riss, den man aber überspringen kann - wenn man will. Das wollen, wenn zunächst auch nur widerwillig, Ronja und Birk, die Kinder der beiden Oberräuber.

Sie wissen von ihren Eltern, dass die anderen Menschen sind, denen man am besten aus dem Weg geht. Aber sie merken allmählich, eher zufällig, dass sie anders sind als die Räuber, dass sie die Räuberei nicht, aber sich mögen, und schließlich, dass sie zusammenbleiben wollen.

Und jetzt kommt der entscheidenden Unterschied zu Shakespeare: Am Ende sind nicht alle tot, sondern höchst lebendig (Kinder gehen schließlich nicht ins Theater, um Tote zu sehen). Dank eines mutigen Tricks von Ronja freuen sich die beiden Banden auf die gemeinsame Zukunft. Aber erst müssen sie in die Umschulung gehen, denn mit der Räuberei ist jetzt Schluss. Astrid Lindgren hat mit ihrem "Ronja Röversdotter" den Theatern eine Steilvorlage gegeben, und die Maßbacher haben sie verwandelt. Tina Geißinger hat eine Inszenierung erarbeitet, die in aller Klarheit wirklich alle Stärken des Textes nutzt - in Sachen Freundschaft oder Umgang mit der Natur.


Kreative Kostüme

Und nicht nur das. Sie hat das ganze Team zu einer Art kreativem Höhenflug animiert: Da sind die wunderbaren Kostüme von Jutta Reinhard, die nicht nur liebevoll und ein bisschen ironisch das Räuberleben illustrieren, sondern auch die Besonderheiten der Rumpelwichte, Wilddruden, Naturwesen, Wölfe und anderer Tiere.

Da ist das Bühnenbild von Johanna Deffner und Christian Lingg, das eigentlich mit wenigen Mitteln auskommt, aber zum Beispiel sehr gut die Undurchdringlichkeit und Gefahr des Waldes vermittelt. Und ein echter Knaller ist der Blitz, der nicht nur spektakulär den Turm der Mattisburg, sondern die ganze Bühne spaltet.

Das geht allerdings nur mit der ausgeklügelten Licht- und Tontechnik von Timo Kampenga und Stephan Schoder, die es spektakulär krachen lassen. Und - aber so etwas merken Kinder nun einmal: Die gewaltigen Fürze von Glatzen-Per kommen immer punktgenau.
Es tut immer wieder gut, dass die Maßbacher Truppe Kindertheater nicht als lästige Pflichtaufgabe versteht, sondern dass sie mit Herzblut bei der Sache ist. Herausgekommen ist eine Inszenierung ohne Längen und Schwachpunkte, mit hohem Tempo und perfektem Timing.

Anna Schindlbeck ist eine tolle Ronja Räubertochter, die mit großem, ansteckendem Schwung ihre Umgebung einfach mitreißt, die mit akrobatischem Einsatz über die Bühne tobt (das Herunterrutschen auf dem Treppengeländer gehört natürlich dazu), die mit Spontaneität und abnehmender Naivität die Wälder rund um die Burg erforscht und erkennbar macht, wie sich in ihrem Inneren langsam die Einstellung zu Birk (Räubersohn) ändert. Benjamin Jorns spielt ihn geschickt ein bisschen altklug als einen, der schon weiß, wie der Hase läuft, und der Ronja ein bisschen an die zielführende Hand nimmt.

Ansonsten teilen sich die vielen Rollen genau drei Leute durch ständig wechselnde Verkleidung. Susanne Pfeiffer ist Ronjas verständnisvolle, gütige Mutter, die ihre Tochter insgeheim in deren Bestreben unterstützt, aus der Räuberei auszusteigen. Aber sie ist auch einer der Rumpelwichte oder eines der Wesen und Tiere, die die Welt in den Wäldern zum Geheimnis machen oder zur Gefahr.

Zu denen gehört auch Jacob Loerbroks als Räuberhauptmann Mattis und Ronjas Vater, der sich eigentlich immer zwingen muss, den harten Mann zu spielen - genauso wie sein feindliches Gegenüber, Alexander Bräutigam, der Räuberhauptmann Borka. Wenn die beiden aneinandergeraten, wirken sie immer ausgesprochen hilflos in der Entwicklung von Feindseligkeiten. Und der furzende Glatzen-Per (alias Alexander Bräutigam) ist natürlich der brabbelnde Lieblingsopa der Kinder.

Die verfolgten absolut gebannt und mit großer Anteilnahme das Geschehen. Als der Beifall schließlich zur Ruhe kam, riefen einige: "Noch mal!" Das galt nicht der Verbeugungsrunde, sondern dem Stück. Was kann Theater Besseres passieren?

Übrigens: Theaterpädagogisches Material lässt sich problemlos von der Website des Maßbacher Theaters herunterladen. Und: Aber psst! Nicht verraten! Das Stück eignet sich auch bestens für Eltern und andere Erwachsene, in deren Kindheit es in den Wäldern hinter den Bergen noch Räuber gab.
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