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Robert Reuscher erlebt als Fußpilger auf dem Jakobsweg unvergessliche Wochen

Robert Reuscher aus Burghausen ist in 82 Tagen auf dem Jakobusweg vom Bodensee bis nach Santiago de Compostela gepilgert. Es war die Tour seines Lebens.
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Viele fotografische Erinnerungen hat Robert Reuscher von seiner Pilgertour auf dem Jakobsweg mit nach Hause gebracht.Robert Reuscher
Viele fotografische Erinnerungen hat Robert Reuscher von seiner Pilgertour auf dem Jakobsweg mit nach Hause gebracht.Robert Reuscher
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Seit einer Woche ist Robert Reuscher wieder daheim in Burghausen. Hinter ihm liegen 2543 Kilometer und 72055 Höhenmeter, die er in einem knappen Vierteljahr zu Fuß bewältigt hat. Reuscher war als Pilger auf dem Jakobusweg unterwegs. "Es war eine schöne Zeit, aber auch ein verdammt harter Weg", blickt er auf die vergangenen Monate zurück. Vor allem das stete Auf und Ab im französischen Zentralmassiv war körperlich sehr anstrengend, während die spanische Hochebene, die Meseta, dem Pilger viel Gleichmut abverlangte. Hitze, Staub und das Ziel am Horizont oft stundenlang vor Augen, aber immer noch in der Ferne, waren kein Vergnügen.

Mitgebracht hat er zahlreiche Erinnerungsstücke, seinen Pilgerpass, der auf eine stattliche Länge von drei Metern angewachsen ist, oder Urkunden, die ihn als Jakobspilger ausweisen. Die Sohlen seiner Wanderschuhe sind abgelaufen. Sein selbst geschnitzter Pilgerstab vom Michelsberg ist durch den Abrieb um 17 Zentimeter kürzer geworden.

Mit nach Hause genommen hat Reuscher aber auch Erfahrungen und Erkenntnisse. Der Weg, der Camino, wie er in Spanisch heißt, habe ihn ruhiger und gelassener werden lassen, erzählt Reuscher. Und die schweigsamen Etappen, in denen er nur das Knirschen der Erde unter seinen Wanderschuhen und das Klacken seines Pilgerstabes gehört hatte, haben den Blick geschärft - für schöne Landschaften ebenso wie für die weniger angenehmen Seiten - den Lärm der Städte beispielsweise. Auch wenn er viele neue Freundschaften während seiner Reise geschlossen hat, gelaufen ist er am liebsten alleine, in seinem ganz eigenen Tempo. Dieses Gehen war für Reuscher wie Meditation. Der Jakobusweg habe auch in seinem Glauben verändert - zum positiven, wie er betont.

Dankbar ist Reuscher, dass sein Arbeitgeber, der Landkreis Bad Kissingen, ihm diese Erfahrung ermöglicht hat. Reuscher konnte seinen Jahresurlaub an einem Stück nehmen und erhielt dazu noch unbezahlten Urlaub. Dankbarkeit dafür, dass er eine glückliche Familie und gesunde Kinder und Enkelkinder hat, waren seine Beweggründe für die Pilgerschaft. Während Reuscher unterwegs war, wurde er auch wieder Opa. Der Wunsch, die kleine Rosa endlich in den Armen wiegen zu können, hat seine Beine beflügelt. Leicht war es für den 59-jährigen insgesamt nicht, so lange von seiner Familie getrennt zu sein. Gerade die ersten 14 Tage spürte er das Heimweh besonders. Aber er hat sich durchgebissen und ist froh darüber.

Vom Bodensee aus ist Robert Reuscher gestartet, weil er die Strecke zwischen Burghausen und Konstanz in den letzten Jahren bereits in drei Etappen mit seiner Frau gewandert war. Mit Gottvertrauen hat sich Robert Reuscher dann ab Konstanz alleine auf den weiten Weg gemacht. Einfach war es nicht immer, beispielsweise dann, wenn es in den Herbergen keinen Platz mehr gab. Einmal, in einem französischen Dorf, habe er notgedrungen sein Nachtlager unter freiem Himmel aufschlagen müssen, zum Essen hatte er nur noch ein Döschen Ölsardinen im Gepäck. Wie ein Obdachloser habe er sich gefühlt, erzählt Reuscher.

Nicht missen möchte er die vielen Begegnungen mit Menschen auf dem Camino. Reuscher zeigt das Bild einer Geburtstagsfeier in Frankreich, die in einer ehemaligen Kirche stattfand. Der 59-jährige und ein weiterer Jakobspilger waren dort spontan eingeladen worden. Oder er erzählt von zwei Italienerinnen, die in historischen Kostümen und mit Esel den Weg begingen; wieder ein anderer Pilger hatte einen Stier als Begleiter. "Es sind auch diese kurzen Momente, die in Erinnerungen bleiben", sagt Reuscher.

Gewünscht hätte sich Reuscher, der sich beruflich um Rhöner Naturpark-Wanderwege kümmert und somit auch mit professionellen Blick unterwegs war, in Frankreich und Spanien mehr Rastplätze und Ruhebänke. Während die Schweiz damit bestens ausgestattet war, sei der restliche Weg zwar bestens beschildert gewesen, aber bot dem Wanderer kaum anderen Komfort.

Nach der langen Wanderschaft, in der er nicht eine Blase bekommen hatte, traf Robert Reuscher bei strömendem Regen ins Santiago de Compostela ein. Es war der einzige richtige Regentag seiner gesamten Tour. Das Ende seiner Pilgerreise war dies noch nicht, sondern erst das Kap Finisterre am Meer und anschließend Muxia; dort soll der heilige Jakobus das europäische Festland erreicht haben. Das erste Mal nach diesen Wochen den Atlantik zu sehen und später am Strand den Sand unter den Füßen zu spüren, waren für den Burghäuser besonders bewegende Momente.

Am Kap Finisterre gab es auch ein Wiedersehen mit Reuschers Ehefrau Marianne, die mit dem Flugzeug nachgereist war. Gemeinsam bestritten sie die letzte Etappe nach Muxia. Rechtzeitig zu seinem 60. Geburtstag Mitte November ist Robert Reuscher wieder gesund und zehn Kilometer leichter bei seiner Familie. Kaum angekommen, hat es ihn schon wieder zu Fuß auf den Kreuzberg gezogen. Pilgern will er weiter, solange es ihm die Gesundheit erlaubt, egal ob bei der Fußwallfahrt nach Vierzehnheiligen, die er schon weit über 20 Mal absolviert hat, oder vielleicht im nächsten Jahr auf dem oberfränkischen Jakobsweg.



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