Münnerstadt
Hunde

"Die will kein Mensch haben" - wenn Problemhunde in fränkische Tierheime müssen

Wenn "Tierliebhabern" die Vierbeiner lästig werden, landen sie in der Wannigsmühle. Manche sind so verhaltensgestört, dass sie nicht vermittelt werden können. Die Gründe weshalb Hundebesitzer ihre Tiere abgeben variieren stark, sind aber nicht immer glaubhaft.
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Ben sucht ein neues Zuhause. Der Deutsche Schäferhund kann in einen Haushalt mit Kindern und ist ein guter Anfängerhund. Aber bei weitem nicht alle Hunde können vermittelt werden. Foto: Thomas Malz
Ben sucht ein neues Zuhause. Der Deutsche Schäferhund kann in einen Haushalt mit Kindern und ist ein guter Anfängerhund. Aber bei weitem nicht alle Hunde können vermittelt werden. Foto: Thomas Malz

Ursula Boehm wird nachdenklich. "Tierliebe ist so eine Sache", sagt sie. "Wo fängt das an, und wo hört das auf?" Die Leiterin des Tierheims Wannigsmühle kennt das alles nur zu gut. "Viele Menschen vergessen, dass ein Welpe unheimlich viel Zeit fordert und intensiver Betreuung bedarf." Und nicht nur das. "Es wird oft vergessen, dass Hunde sich nicht allein erziehen können."

Falsche Gründe, sich einen Hund anzuschaffen gebe es viele. Manchmal müssen sie als Statussymbole herhalten, manchmal schaffen sich vermeintliche Tierliebhaber einen Hund an, weil sie mit Menschen nicht zurecht kommen, sagt Ursula Boehm. Aber dazu hat sie eine eindeutige Meinung: "Wer nicht mit Menschen klar kommt, kommt auch mit Hunden nicht klar."

Tierheim: Vergangenheit der Hunde teils unklar

Es sei ein breites Spektrum. Der Hund für Oma und Opa, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, weil für Besuche wenig Zeit ist oder der Vierbeiner für das Kind. Und irgendwann stehen die Eltern an der Wannigsmühle und geben das Tier ab, weil das Kind eine "Hundeallergie" bekommen hat. "Dabei hat der Hund schon fünf Jahre in der Familie gelebt. Ein Klassiker bei den Ausreden, über den Ursula Boehm nur müde lächeln kann. Wenn es nur das wäre.

Denn es gibt noch die etwas anderen Hunde. Ein Problem stellen die sozialen Netzwerke dar. "Da wird auf der Mitleidschiene gefahren." Auf bestimmten Plattformen angebotene Hunde haben oft erhebliche Verhaltensdefizite, meint sie. Ursula Boehm warnt auch davor, Tiere aufzunehmen, die angeblich getötet werden sollen, wenn sie keinen Halter finden. Wenn eine deutsche Organisation so etwas machen würde, wäre der Teufel los, ist sie überzeugt. Diese Tiere stammen aus dem Ausland und kein Mensch wisse, welche Vergangenheit sie haben. Dann gibt es die, die von den Behörden eingezogen wurden, weil der Halter bestimmte Auflagen nicht erfüllt hat. All diese Problemhunde haben oft schon gebissen. "Die will kein Mensch haben."

Auch im Tierheim stellen sie ein Problem dar. "Ich habe eine Fürsorgepflicht gegenüber meinen Mitarbeitern", sagt Ursula Boehm. Einige wurden schon "ins Krankenhaus gebissen" und auch sie selbst ist schon einmal von einem Hund angefallen und schwer verletzt worden. In der Regel kommen sie und ihr Mitarbeiter Stephan Reissenberger irgendwann an solche Problemhunde heran, vermittelbar sind sie aber nicht. Denn Ursula Boehm kann und will Interessenten nicht verschweigen, dass ihr Favorit schon einmal zugebissen hat. Also fristen sie ihr Dasein im Tierheim. "Wir sind aber keine Resozialisierungsstelle", betont sie. Die Verantwortung liege bei den Hundehaltern. "Es gibt Hunderte gute Hundeschulen, aber dafür wollen die Halter kein Geld in die Hand nehmen."

"Genauso schlimm ist es, Hunde zu vermenschlichen"

Erhebliche Verhaltensdefizite entwickeln auch Hunde, die bei ihrem Herrchen oder Frauchen einfach alles dürfen, erläutert die Tierheimleiterin. Bei einem neuen Halter wollen sie das natürlich auch. Das geht nicht gut. "Genauso schlimm ist es, Hunde zu vermenschlichen. Ein Hund ist ein Hund, der braucht Regeln."

Wahre Tierfreunde seien Menschen, die sich fachkundig machen und mit den Bedürfnissen eines Hundes auseinandersetzen. Ursula Boehm macht noch einmal ganz deutlich, dass die Anschaffung eines Tieres sehr genau überlegt sein will. Sonst ist es schnell aus mit der Tierliebe und die Vierbeiner landen in der Wannigsmühle. Von den mehr als 30 Hunden, die derzeit im Tierheim leben, sind mehr als die Hälfte nicht vermittelbar. "Wir verkommen zu einer Verwahranstalt", sagt sie.

Beim Rundgang durch das Hundehaus wird klar, was Ursula Boehm meint. Die Gitterstäbe die Tier und Mensch trennen, sind von beruhigender Stärke. Aber die Mitarbeiter müssen an alle heran, die Tiere brauchen Auslauf, müssen Gassi gehen. Die Leiterin und Stephan Reissenberger strecken die Hand in einen Käfig, um den Hund zu beruhigen. Das sollte ein Besucher tunlichst vermeiden. Sechs Wochen habe er in einem Fall gebraucht, bis er an den Hund heran konnte, erzählt Stephan Reissenberger.

Schäferhund Ben mit trauriger Geschichte

Jeder Hund hat eine Geschichte, meist eine traurige. "Dem Halter weggenommen, der hat gebissen und der auch", zählt Ursula Boehm auf. Aber das trifft natürlich nicht auf alle zu. Die Palette der vermittelbaren Hunde reicht "von klein und knuffig bis zu anspruchsvollen Hunden für erfahrene Halter."

Und dann kommt Ben ins Blickfeld. Auch er hat eine traurige Geschichte. Der Halter ist verstorben, von dessen zwei Hunden konnte einer schnell vermittelt werden. Der andere ist Ben. Der deutsche Schäferhund ist elf Jahre alt, kinderlieb, er hört gut und geht hervorragend an der Leine, erzählt die Leiterin. "Und er ist ein guter Hund für Anfänger." Ursula Boehm zählt all seine positive Eigenschaften auf, aber Ben hat auch ein kleines Problem: Arthrose. Das sei gar nicht schlimm, meint die Leiterin, Ben kann trotzdem laufen, das soll er sogar. Ursula Boehm und Stephan Reissenberger würden sich sehr freuen, wenn ein Tierliebhaber Ben noch einmal ein Zuhause gibt. Damit er seine verbleibende Zeit nicht im Tierheim verbringen muss. Davon gibt es viel zu viele.

Ende März wurde vier Hunde aus einer schrecklichen Lage befreit. In ihrem alten Zuhause hausten die Tiere im eigenen Kot und Urin. Das Tierheim Nürnberg sucht nach neuen Besitzern für die Vierbeiner.

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