Münnerstadt
Erzählcafé

Münnerstadt ist "deutsche Bestatter-Hauptstadt"

Verwaltungschefin Rosina Eckert berichtet über den Aufbau des Bundesausbildungszentrums, das internationale Interesse der Medien und den Humor der Auszubildenden. Dass sie das Zentrum leitet, war eher ein Zufall.
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Immer wieder führt Verwaltungschefin Rosina Eckert (Mitte) Besucher durch das Bundesausbildungszentrum, hier sind es Vertreter des Handwerks und des Bestatterverbandes. Beim jüngsten Erzählcafé im Seniorenzentrum St. Elisabeth berichtete sie von ihrer Arbeit. Foto: Archiv/Dieter Britz
Immer wieder führt Verwaltungschefin Rosina Eckert (Mitte) Besucher durch das Bundesausbildungszentrum, hier sind es Vertreter des Handwerks und des Bestatterverbandes. Beim jüngsten Erzählcafé im Seniorenzentrum St. Elisabeth berichtete sie von ihrer Arbeit. Foto: Archiv/Dieter Britz
Für einen kanadischen Fernsehsender zählt das Mürschter Bundesausbildungszentrum für Bestatter (BAZ) zu den außergewöhnlichsten Schulen der Welt, in einem Atemzug mit der internationalen Butler-Akademie in Frankreich, der Akademie für die Ausbildung der Reiter der spanischen Hofreitschule in Andalusien, einem Trainingscamp für Shaolin-Mönche oder der Gesangsakademie für die Künstler der Peking-Oper. Baldur Kolb begrüßte zum jüngsten Erzählcafé im Seniorenzentrum St. Elisabeth die Verwaltungschefin Rosina Eckert, die das Bestatterzentrum seit seiner Eröffnung vor gut zehn Jahren leitet.
Humorvoll und doch dem Thema "das BAZ - ein außergewöhnlicher Arbeitsplatz" angemessen, gab Rosina Eckert den Anwesenden, zumeist Senioren, Einblicke in die Arbeit im BAZ und auch in ihr Leben. Nach zwei Dingen werde sie immer wieder gefragt: zum einen, wie Münnerstadt zu dieser bundes- und sogar europaweit einmaligen Einrichtung und zum anderen wie sie selbst dazu kam.


Lehrfriedhof entstand 1994

Beides hängt zusammen: Gerhard Suckfüll, Seniorchef des gleichnamigen Bestattungsunternehmens in Niederlauer und Vorsitzender des Bestatterverbandes Bayern, sorgte dafür, dass 1994 in Münnerstadt ein Lehrfriedhof errichtet wurde. Ohne Widerstand im Stadtrat ging das nicht, denn die Frage "Bestatter und Tourismus - passt das zusammen?" wurde in dem Gremium diskutiert.
Zum Glück seien der damalige Bürgermeister Ferdinand Betzer und die Mehrheit der Stadträte weitsichtig genug gewesen, um darauf mit "ja" zu antworten. Der Lehrfriedhof sei nämlich knapp zehn Jahre später der Auslöser dafür gewesen, dass der Bundesverband Deutscher Bestatter auf dem Gelände des alten Kreiskrankenhauses in Münnerstadt sein Bundesausbildungszentrum errichtete - und nicht in Nordrhein-Westfalen, wo der Bundesverband eigentlich seinen Sitz hat.
Zu dieser Zeit war Rosina Eckert "nur" Hausfrau und Mutter mit einem kleinen Job in der Stadtbücherei, doch mit viel Erfahrung im Bestattungswesen. Sie war Standesbeamtin im Rathaus gewesen und hatte dabei viel Kontakt mit Bestattern, die Sterbefälle meldeten oder Friedhofsangelegenheiten regeln wollten, darunter auch mit Gerhard Suckfüll. Der rief im Spätherbst 2004 bei ihr an: "Du kannst Dich beim Bundesverband bewerben."


"Man wächst mit den Aufgaben"

Das tat sie sogleich, doch mit dem erhofften Halbtagsjob wurde es nichts, sie bekam stattdessen zwei Tage später zu hören "aus der Halbtagsstelle wird nichts. Wir rechnen voll mit Ihnen". Und so übernahm sie vor gut zehn Jahren den Posten im BAZ. "Nach den Jahren zuhause mit einem Minijob in der Stadtbücherei war es schon eine Riesenumstellung für mich, im Alleingang in einer 40-Stunden-Woche die Verwaltung dieser Schule zu übernehmen. Aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben", erinnert sie sich heute.


Vorliebe für den Fasching

"Von Anfang an haben mich die jungen Menschen fasziniert, die sich dafür entschieden haben, den Beruf des Bestatters zu erlernen. Bestatter sind ganz besondere Menschen. Sie sind lebensfroh und einfühlsam, die allermeisten haben ein hohes Berufsethos, in dem die Pietät als Selbstverständlichkeit gilt", betonte Rosina Eckert. Doch an Humor fehle es ihnen auch nicht, denn viele von ihnen machen aktiv beim Karneval mit - das gilt bekanntlich auch für Rosina Eckert selbst.
Was lernen die zukünftigen Bestatter? Handwerkliche Arbeiten am Friedhof oder in der Werkstatt beim Herrichten von Särgen, pietätvolle Versorgung der Verstorbenen, Gestaltung einer individuellen Trauerfeier als erster Schritt zur Trauerbewältigung. Wichtig seien auch Kenntnisse von Rechtsvorschriften, denn jedes Bundesland hat sein eigenes Bestattungsgesetz.


Mehrheit der Azubis weiblich

Auch Personenstandsgesetz, Erbrecht, Arbeitsschutzbestimmungen, Hygienevorschriften, internationale Überführungsrichtlinien und vieles mehr gehören dazu. Fast alle Azubis aus der Bundesrepublik, die das Bestatterhandwerk lernen, kommen während ihrer dreijährigen Lehrzeit für drei Lehrgänge nach Münnerstadt. Über die Hälfte aller Azubis sind weiblich. In Münnerstadt finden auch Fortbildungslehrgänge zum geprüften Bestatter, Lehrgänge für die Meisterprüfung und Kurzseminare zu unterschiedlichen Themen statt. Etwas ganz Besonderes sind die internationalen Lehrgänge zum Master of Business Administration (MBA) der Universität Barcelona. Die Ausbildung läuft per Internet. Zusätzlich gibt es Treffen der Dozenten mit den Teilnehmern in Barcelona, Paris, London Mailand - und Münnerstadt. "So gesehen ist unser Münnerstadt die Bestatter-Hauptstadt Deutschlands und vielleicht Europas", sagt Eckert.


Sogar im russischen Fernsehen

Selbst zehn Jahre nach der Eröffnung sei das Medieninteresse ungebrochen. Die Berichterstattung über das Bestatterzentrum trage viel zum Bekanntheitsgrad von Münnerstadt bei. Neben dem bereits erwähnten kanadischen Fernsehen war auch schon das russische da, berichtete sie.
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