Münnerstadt
Bausünden

Münnerstadt: Ein Opfer des Betonzeitalters

1967 wurde die Friedhofskapelle abgerissen. Sie war erst 1875 an der Stelle eines uralten Vorgängerbaus errichtet worden. Das Betonzeitalter ließ grüßen.
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Stadtarchivar Klaus Dieter Guhling zeigt ein Dokument aus der Kassette, die im Grundstein der 1875 entstandenen Friedhofskapelle eingelassen worden war. 1967 wurde die Kapelle wieder abgerissen. Thomas Malz
Stadtarchivar Klaus Dieter Guhling zeigt ein Dokument aus der Kassette, die im Grundstein der 1875 entstandenen Friedhofskapelle eingelassen worden war. 1967 wurde die Kapelle wieder abgerissen. Thomas Malz
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Mode wird im Kreuzworträtsel als Zeitgeschmack beschrieben. Zur Mode gehört auch, dass es gelegentlich gewisse Verirrungen gibt. Nun lässt sich über Geschmack bekanntlich trefflich streiten, die in den 1960er und 70er Jahren überall entstandenen Betonbauten gehören aber sicher nicht zur besonders erhaltenswerten Architektur. Manchmal wurden dafür Gebäude abgerissen, die man ein paar Jahre später schmerzlich vermisste. Inzwischen wäre es wohl kaum mehr möglich, aber gerade in den 1960er und 1970er Jahren sind etliche historische Häuser Opfer dieser Aufbruchstimmung geworden.

Vor 50 Jahren Neubau eingerichtet

Noch gar nicht so alt war die Friedhofskapelle, die im Vorfeld des Leichenhallenneubaus abgerissen wurde. Vor 50 Jahren wurde der Neubau eingeweiht (wir berichteten). Der Heimatforscher Josef Willmann beklagt in seinem Buch "Münnerstadt - wie es einst war" den Verlust der Friedhofskapelle mit folgenden Worten: "1967 wurde diese schöne und noch gut erhaltene Kapelle, wer weiß aus welchen Gründen, ohne Protest der Bevölkerung weggerissen." Er geht dann auch auf den Vorgängerbau der 1875 errichteten Kapelle ein, die dem Heiligen Georg geweiht war und bezieht sich auf einen im Jahr 1976 von Oberstudienrat Leonhard Rugel verfassten Artikel im Vinculum, den auch Pater Germanus Back in seinen Ausführungen über die Friedhofskapelle im Vinculum Heft 2/1998 mit einfließen lässt.

Demnach gab es in vorchristlicher Zeit zwei Kultstätten: den Michelsberg und die heilige Quelle des Wildbades (heute Hubertushof). Es sei üblich gewesen, Kirchen an heidnischen Kultstätten zu bauen, um diesen Glauben zu verdrängen. Die Drachentöter Michael und Georg seien als Heilige besonders beliebt gewesen. Michael regierte über die Fliehburg auf dem Michelsberg, die Kirche nahe der Quelle wurde dem Heiligen Georg geweiht. Diese diente als Treffpunkt der Menschen aus den umliegenden Streusiedlungen. Und um den Bau gab es bereits einen Friedhof. Als Münnerstadt Anfang des 13. Jahrhunderts infolge von Machtkämpfen befestigt wurde, begruben die Münnerstädter ihre Toten um die Kirche im Inneren des Mauerrings.

Friedhof zunächst verwildert

Leonhard Rugel geht davon aus, dass der alte Friedhof zunächst verwilderte, bald aber wieder gelegentlich genutzt wurde. Nach einer Seuche Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der alte Friedhof hergerichtet. Die Münnerstädter verwendeten die Steine des Reckenturmes für den Bau der Friedhofsmauer. Eine gleichzeitige Erneuerung des Kirchleins, das seit dem Bauernaufstand 1525 sehr beschädigt war, scheint nicht sehr nachhaltig gewesen zu sein, denn bereits 1593 wurde die Jörgenkapelle als baufällig beschrieben. Fürstbischof Julius Echter hatte offensichtlich daran erinnert. Die Deutschordens-Kommentur berichtete ihm, dass Wiederherstellung nicht dem Deutschen Orden zustehe, sondern der Stadt. Die restaurierte die Kapelle in den folgenden Jahren. Leonhard Rugel geht davon aus, dass in diesem Zusammenhang auch der Gottesacker erweitert wurde. Denn 1618 weihte Weihbischof Euchariuas Sang bei der St. Georgskapelle den neu angelegten Friedhof.

Erneut repariert

1769 wurde die Gottesackerkapelle erneut repariert, sie erhielt einen geplatteten Fußboden und fünf Kirchenstühle. "Dass in der Kapelle auch immer Gottesdienste stattgefunden haben, erfahren wir durch Notizen aus dem 14. und 15. Jahrhundert", schrieb Leonhard Rugel und verweist zudem auf einen Bericht von Nikolaus Reininger aus dem Jahr 1852, in dem es heißt: "In früheren Zeiten wurde am Fest des Hl. Georg und am Allerseelentage Predigt und das Opfer der Hl. Messe abgehalten, jetzt werden das Jahr über sechs Hl. Messen darin gelesen."

1875 wurde die alte Kapelle schließlich abgerissen und ein Neubau errichtet. In den Grundstein ließen die Münnerstädter eine Kassette ein, auf den enthaltenen Schriftstücken stehen die Namen der Stadträte der Pfarrgemeinderäte und der Kirchenverwaltung. Die Kassette ist beim Abriss dieser Kapelle 1967 wieder aufgetaucht und lagert im Stadtarchiv. Leonhard Rugel beschreibt die Ausmaße der alten und 1875 erbauten Kapelle und beklagt: "Die Kapelle von 1875 weder bautechnisch noch künstlerisch eine Glanzleistung, blieb mit 117 weit unter diesem Ausmaß", was sich auf den Vorgängerbau bezog (136,5 Quadratmeter). Der Artikel schließt mit den Worten: "Es wäre deshalb schade, wenn ein neuer Bau noch weiter dieses Maß unterschreiten würde."

Hohe Kosten

Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. Eigentlich war die neue Friedhofsanlage viel größer geplant, doch vor allem wegen der hohen Kosten fiel sie kleiner aus. Die neue Friedhofskapelle war bald wegen des Flachdachs so geschädigt, dass sie nicht mehr genutzt werde konnte. Pater Germanus Back, der in seinem Artikel aus dem Jahr 1998 auch das Entstehen des Lehrfriedhofes schildert und den Abriss der Friedhofskapelle mit anschließendem Neubau eines Schulungsraumes für die Bestatter, kommt zu dem Schluss: "Damit hat die Friedhofskapelle in Münnerstadt, eine uralte Stiftung und ein gern besuchter gottesdienstlicher Raum, ein (ruhmloses) Ende gefunden."



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