Münnerstadt

Münnerstadt: Der kleine Schatz vom Dachboden

Franz Heß alias "Böff" hat beim Aufräumen seines Dachbodens unter anderem eine uralte Zeitung gefunden. Die Funde gehen jetzt ans Stadtarchiv.
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Franz Heß schaut in die Zeitung vom 14. Oktober 1902, die er zusammen mit alten Bildern auf seinem Dachboden gefunden hat.Thomas Malz
Franz Heß schaut in die Zeitung vom 14. Oktober 1902, die er zusammen mit alten Bildern auf seinem Dachboden gefunden hat.Thomas Malz
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So ganz genau weiß er es nicht, aber das Haus in der Münnerstädter Jörgentorgasse müsste 1912 oder 1913 in den Besitz seiner Familie gekommen sein. "Ich bin hier geboren", sagt der Wirt der Gaststätte "Beim Böff". Hier ist er auch aufgewachsen. 14 Jahre seines Lebens verbrachte er später in Bad Neustadt, baute dann sein Elternhaus zur Gaststätte um und steht nun schon seit Jahrzehnten hinter der Theke und in der Küche.

Kürzlich fand er einmal die Zeit, seinen Dachboden zu entrümpeln. "Da ist die letzten 50 Jahre nichts verändert worden", sagt er. Dementsprechend sahen die Funde aus. Dazu zählten etliche Sterbebildchen aus den 1890er Jahren, es war ein altes Hochzeitsfoto darunter und letztendlich eine "Münnerstädter Volkszeitung" vom 14. Oktober 1902. Es war nur diese eine Ausgabe, die ein früherer Leser aufgehoben hat. Das könnte mit einem darin erschienen Artikel über den Münnerstädter Kirchbauverein zu tun haben, der damals erhebliche Summen für die Marktkapelle und die Pfarrkirche gespendet hat. "Ich habe sie gar nicht gelesen", sagt Franz Heß. Die Zeit reicht wieder nicht. Die altdeutsche Schrift könnte er natürlich lesen. Er hat auch noch in der Schule die alte Schreibschrift gelernt.

Ein Blick in die Zeitung zeigt, was die Menschen im Oktober 1902 bewegte. Unter der Rubrik "Deutsches Reich und Ausland" ist da unter anderem zu lesen: "Der Kaiser hat angeordnet, dass den Angehörigen des zu Besatzungszwecken in China verbliebenen verminderten Expeditionskorps die Dienstzeit bei der Pensionierung doppelt anzurechnen ist, sofern sie mindestens sechs Monate gedauert hat." In Paris kamen zwei Generäle des Burenkrieges (1899 bis 1902) am Nordbahnhof an. "Die Generäle, die sehr frisch und munter aussehen, bestiegen sofort die Wagen und fuhren durch einer nach Zehntausenden zählenden Menge besetzte Rue Maubeuge. Die Menge begrüßte die Generäle mit Hüteschwenken, Beifallklatschen und Hochrufen. Die Generäle dankten sehr gerührt und hielten ständig die Hüte in der Hand."

Weitere Nachrichten gab es aus Konstantinopel und New York. Unter "Unterfränkisches" finden sich gleich mehrere Meldungen aus Münnerstadt. So gab es eine Vorstandssitzung des Radfahrverbandes und auch die nächste Nachricht galt den Radfahrern. "Um Münnerstadts Mauern führt ein Promenadenweg, der in letzter Zeit von auswärtigen und hiesigen Radfahrern mit Vorliebe als Fahrweg benutzt wird. Im Interesse der Sicherheit promenierender Personen, namentlich der älteren Leute wäre es geboten, wenn durch angebrachte Warnungstafeln die Radler nochmals auf die Folgen des Befahrens ortspolizeilich verbotener Wege aufmerksam gemacht und Übertreter zur Anzeige gebracht würden."

Berichtet wurde auch über den Verkauf einer Gärtnerei in der Bad Kissinger Hemmerichstraße über einen Brand im Weiler Reinhardshausen (Stadtlauringen) und über einen erfolgreichen Geflügelzüchter in Neustadt. Interessant ist auch der Umgang mit Nachrichten. Wird heute in der Regel über Suizid nicht berichtet, so sah das damals anders aus. Und nicht nur das. Der Schreiber der Nachrichten vom 14. Oktober 1902 war nicht zimperlich. Unter der Spitzmarke Bischofsheim stand folgendes: "Auf der Osterburg hat sich nach vorausgehendem Zwiste mit seinen Angehörigen ein in Haselbach wohnender Mann erhängt. Dessen Leichnam wurde von einer Holz sammelnden Bahnarbeiterin bereits von Raben angefressen gefunden."

Unter "Vermischte Nachrichten" stand geschrieben, dass ein Redakteur der "Staatsbürger-Zeitung" (Berlin) wegen Beleidigung von Beamten und Juden zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, sein Verleger erhielt sechs Monate Haft. Der 1893 gegründete Kirchenbau-Verein von Münnerstadt beschloss, 2100 Mark für die Restauration der Marktkapelle und 2000 Mark für die Pfarrkirche zu verwenden, hinzu kamen 500 Mark für die Glocken der Pfarrkirche. Interessant auch die Bekanntmachungen und Anzeigen. So wurde das Elektrizitätswerk Münnerstadt in Fränkische Elektrizitätswerke umbenannt. Gymnasiallehrer Friedrich Herzinger sagte in einer Anzeige "Lebewohl", bei A. Görtler gab es "Neues Sauerkraut" und Franz Krais gab "Grabkreuze zu bedeutend herabgesetzten Preisen" ab. Die Zeitung ist inzwischen im Stadtarchiv.

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