Münnerstadt
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Münnerstadt: Auch in der Kirche regierte der Zeitgeschmack

Heute gilt der Münnerstädter Altar mit seinen Riemenschneiderfiguren als Kunstwerk. Doch diese Wertschätzung hatte er nicht immer.
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Lothar Bühner schuf die Kopie der Maria Magdalena, die im Zentrum des Münnerstädter Riemenschneider-Altars steht. Die Originalfigur befindet sich im Bayerischen Nationalmuseum München.Heike Beudert
Lothar Bühner schuf die Kopie der Maria Magdalena, die im Zentrum des Münnerstädter Riemenschneider-Altars steht. Die Originalfigur befindet sich im Bayerischen Nationalmuseum München.Heike Beudert
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Seit mehr als 250 Jahren ist das berühmte Original der Maria Magdalena aus der Münnerstädter Stadtpfarrkirche nicht mehr an ihrem angestammten Platz. Heute steht in der Stadtpfarrkirche eine - anerkannt meisterliche - Kopie des Bad Neustädter Bildschnitzers Lothar Bühner. Die Maria Magdalena ist ein typischer Fall, wie der Zeitgeist auch in der sakralen Kunst den Blick auf die künstlerische Arbeit beeinflusst hat. Die Originalfigur ist seit 1901 in Besitz des bayerischen Nationalmuseums in München. Bemühungen, die Figur wie auch die vier Evangelisten aus dem Dahlem Museum Berlin zurück in den örtlichen Kirchenschatz und Altarraum zu holen, sind gescheitert.

"Ich bedauere, dass wir nicht das Original in der Kirche haben", betont Stadtpfarrer P. Markus Reis. Der schmerzliche Verlust sei ihm umso bewusster, seitdem er die "echte" Maria Magdalena aus Münnerstadt in München im Museum betrachtet hat. Es wäre schön gewesen, wenn alle Riemenschneiderfiguren des Altars wieder an ihren Ursprungsort gekommen wären, findet der Geistliche.

Heute wissen die Münnerstädter, welchen Schatz ihre Vorfahren einst aus den Händen gegeben haben. Ungewöhnlich ist das nicht. Denn jede Zeit hatte ihre Mode-Erscheinungen bzw. Ausdrucksformen, auch in der sakralen Kunst.

Im örtlichen Pfarrarchiv gibt es bis heute die Auftragsurkunde des städtischen Rates, mit der Tilman Riemenschneider am 26. Juni 1490 den Auftrag erhielt, einen Altar für die Stadtpfarrkirche zu schnitzen, erklärt Pfarrarchivar Bernd Eckert. Die Stadtherren hatten genaue Anweisung gegeben. Magdalena solle in einem "rawen gewant" mit sieben Engeln gemalt sein. Aus dem "rawen" (wohl: rohen, rauen) Gewant" machte Tilman Riemenschneider eine fellähnliche Behaarung, die den ganzen Körper der Heiligen bedeckt; Gesicht, Brüste, Füße und Knie sind frei davon. Ob die Darstellung eine ganz persönliche Interpretation des Künstlers war oder ob er sich am sogenannten Magdalenenfenster der Stadtpfarrkirche orientiert hat, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Aber P. Markus verweist auf die Magdalenen-Darstellung im Glasfenster; dort ist der Körper mit einem Pelz bedeckt. Und das Glasfenster ist rund 50 Jahre älter als das Kunstwerk Tilman Riemenschneiders.

Die Maria Magdalena sei wohl als Kirchenpatronin gewählt worden, weil der Deutsche Orden - er war damals in Münnerstadt ansässig - die Heilige besonders verehrt habe, erklärt Bruno Eckert, der sich intensiv mit der Orts- und Kirchengeschichte Münnerstadts befasst hat. In einer Zeit, in der die Menschen vor allem an einen harten Gott glaubten, sei die Maria Magdalena ein Idealbild dafür gewesen, wie der Mensch trotz seiner Fehlerhaftigkeit Gnade bei Gott findet, wenn er wie Maria Magdalena den weltlichen Dingen entsagt und sich ganz dem Gebet hinwendet.

Eine bunt-farbige Fassung hatten bei der Weihe 1492 weder das Gesprenge des Altars noch die Figuren. Doch die Münnerstädter fanden diese Natürlichkeit wohl zu dezent. Schon 1497 ließen sie sich einen Haßfurter Maler empfehlen, der den Altar samt Figuren farbig fasste.

Mitte des 18. Jahrhunderts war die Gotik aus der Mode gekommen, auch in Münnerstadt. Die Kirche erhielt einen barocken Altar. Bruno Eckert weiß, dass es aus dieser Zeit ein Schreiben der bischöflichen Regierung gibt, die die Stadt aufforderte, die Magdalenenfigur aus dem Altar herauszunehmen. Was danach mit ihr geschehen ist, liegt im Dunkel der Geschichte. In Münnerstadt ist nirgends festgehalten, wann die Münnerstädter diese und weitere Riemenschneiderfiguren des abgebauten Altars aus den Händen gegeben haben. Weder P. Markus Reis, noch Bruno Eckert kennen die Gründe, weshalb ihre Patronatsfigur nicht mehr in die Kirche passte. War es die Moral der Zeit oder war es einfach nur der Zeit-Geschmack, der zum Verschwinden der Riemenschneider´schen Kirchenpatronin führte? Beide gehen aber davon aus, dass die Bildhauerarbeit einfach nicht mehr zum üppigen barocken Stil passte. Es wird aber auch manchmal erzählt, dass es den Frauen der Stadt nicht gefallen habe, dass ihre Männer wegen des Anblicks der Heiligen im Haarkleid gerne in die Kirche gegangen sind, weiß P. Markus. Das gehört aber wohl eher in den Bereich der Mythen. Belegt sei dies nicht, so der Stadtpfarrer.

Renaissance der Gotik

Zu dieser Zeit waren der Künstler Tilman Riemenschneider und sein Werk teilweise in Vergessenheit geraten, erklärt Bruno Eckert. Erst mit Auffinden seiner Grabplatte um 1830 und mit Beginn der Neogotik, der "Steckelesgotik", wie sie Bruno Eckert wegen ihrer spitz nach oben zulaufenden Bauweise fränkisch-scherzhaft nennt, wurden Künstler und Werk wieder entdeckt und auch systematisch erforscht.

Dies ist auch die Zeit, in der die Magdalenenfigur aus Münnerstadt wieder erwähnt wird.In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaufte der Schweinfurter Kunstsammler Wilhelm Sattler die Riemenschneiderfigur im Kunsthandel. 80 Jahre war sie Teil der Sammlung und wurde in dieser Zeit abgelaugt. Im Jahr 1901 erwarb das bayerische Nationalmuseum die Maria Magdalena aus dem Sattler´schen Familiennachlass. Heute hat sie einen festen Platz im Münchner Museum.

Die in Münnerstadt verbliebenen Großfiguren des Riemenschneideraltars waren noch bis 1954 farbig. Spuren dieser Fassung waren wohl auch noch später zu erkennen, wie P. Markus Reis einmal von einem Mitbruder erfahren hatte. Dieser hatte ihm erzählt, wie er als Gymnasiast unter Anleitung seines Kunstlehrers P. Emeran Höcht Riemenschneiderfiguren gereinigt habe.

Längst sind sich die Münnerstädter ihres kulturellen Erbes bewusst. Ab 1979 wurde der Altar rekonstruiert, der neben den vor Ort verbliebenen acht Original-Arbeiten Riemenschneiders auch die Kopie der Maria Magdalena umfasst, die wieder im Zentrum des Altars ihren Platz gefunden hat.

Aber auch die biblische Figur der Heiligen hat in der Kirchengeschichte Wandlungen erlebt. Lange Zeit hauptsächlich als bekehrte Sünderin erwähnt, hat sie zwischenzeitlich eine deutliche Aufwertung in der katholischen Kirche gefunden. Ihr Namenstag wurde zum kirchlichen Festtag aufgestuft. Die Heilige trägt heute den Namen Apostelin der Apostel, erläutert P. Markus Reis.

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