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Münnerstadt
Entlassung

Aus für Remog in Franken: Mitarbeiter stehen vor dem Nichts - "Wir fühlen uns allein gelassen"

64 Mitarbeiter der Firma Remog wissen derzeit nur eins mit Sicherheit: Ab spätestens 1. Februar ist ihr Arbeitsplatz weg. Nicht einmal die Höhe der Abfindung ist bisher geregelt.
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Arthur Zimmermann, Bernhard Bocklet Rainer Wachtel, Frank Dümling und Georg Wilm haben nichts mehr zu verlieren. Sie sind fünf der 64 verbliebenen Arbeiter bei Remog. Spätestens am 1. Februar sind ihre Arbeitsplätze weg. Thomas Malz
Arthur Zimmermann, Bernhard Bocklet Rainer Wachtel, Frank Dümling und Georg Wilm haben nichts mehr zu verlieren. Sie sind fünf der 64 verbliebenen Arbeiter bei Remog. Spätestens am 1. Februar sind ihre Arbeitsplätze weg. Thomas Malz

In den Hallen ist es ruhig geworden, der Krankenstand ist hoch. Die, die noch da sind, müssen teilweise die Maschinen abbauen, die nach Polen gehen. Bei Remog Polska wird schließlich weiter produziert. Nicht aber in Münnerstadt. Da ist Feierabend. Für immer. Wie gehen die Arbeiter mit ihrer Kündigung um? "Wir warten auf den 31. Januar und auf die fette Abfindung, die wir bekommen", sagt Reiner Wachtel. Ihren Humor haben sie noch nicht ganz verloren, aber eigentlich ist es der blanke Galgenhumor.

Am Tisch sitzen Jahrzehnte, viele Jahrzehnte. Arthur Zimmermann ist seit 25 Jahren bei Remog, Bernhard Bocklet seit 1973 (mit Unterbrechung). Rainer Wachtel hat 1974 angefangen. "Ich habe quasi lebenslänglich", scherzt er. 25 Jahre ist Frank Dümling im Betrieb, feiert wie Arthur Zimmermann heuer eigentlich Jubiläum. "Na Glückwunsch", kommentiert Reiner Wachtel. Sie müssen lachen. Dann kommt noch Georg Wilm dazu. Der gelernte Schreiner ist seit 31 Jahren da, hat sich auf die Metallverarbeitung spezialisiert. In seinem alten Beruf kann er nach so vielen Jahren nicht mehr arbeiten. Die Aussichten sind eher schlecht. Für alle.

Als die Kündigung kam, waren sie noch 80. Ein paar von ihnen haben einen neuen Arbeitsplatz gefunden, darunter auch fünf der sieben Azubis. 28 Prozent der Belegschaft ist älter als 60 Jahre, 56 Prozent älter als 55. "Ab einem gewissen Alter ist es schwierig", sagt Bernhard Bocklet. "Es gibt hier keine Großindustrie." Schon wenn die 40 überschritten ist, sei es schwer, einen Arbeitsplatz zu bekommen, erst recht wenn es eine fünf vorne steht, sagen sie. Alle, die irgendetwas in Aussicht haben, werden Lohneinbußen hinnehmen müssen. "Ein Drittel und mehr", sagt Georg Wilm. Und dabei verdienen sie schon hier weit unter Tarif. Auch, wenn sie früher in Rente oder gar in die Arbeitslosigkeit gehen: Sie bekommen weniger Geld.

"Viele von uns haben nicht mehr lange bis zur Rente", sagt Rainer Wachtel. Auch er gehört dazu. "Noch drei, vier Jahre - und wir hätten sauber in Rente gehen können." Das wird aber nichts. "Diese Möglichkeit hat er uns genommen." Gemeint ist Wilfried Müller, Geschäftsführer von Remog Münnerstadt. Er hatte immer wieder betont, dass die Auftragslage schlecht sei, die Produktion in Münnerstadt zu teuer. Für den Abwärtstrend und die Schließung hat Wilfried Müller auch immer wieder den Betriebsrat verantwortlich gemacht, der nicht flexibel genug gewesen sei. "Dabei haben wir alles mitgemacht", betont Arthur Zimmermann, der Mitglied des Betriebsrats ist. Überstunden, Lohnverzicht, Kurzarbeit, Personalabbau - die Liste ist lang. Die Mitarbeiter haben das Gefühl, dass Wilfried Müller irgendwas gegen den Standort Münnerstadt hat. "Er hätte nicht schließen müssen, es ist gut gelaufen", sagt Arthur Zimmermann. Er weiß natürlich, dass der Geschäftsführer das Gegenteil behauptet.

Remog - der Name stammt von Rudolf Erich Müller, der den Betrieb gegründet hat. "Da hat es noch Spaß gemacht", sagt Rainer Wachtel, der sich noch gut an diese Zeiten erinnern kann. Zehn Prozent über Tarif habe ihnen Rudolf Erich Müller gezahlt, damit die Facharbeiter nicht zur Großindustrie nach Schweinfurt abwandern. 350 Arbeiter und Angestellte waren 1990 bei Remog beschäftigt, teilweise waren es noch mehr. Später kam Wilfried Müller. Die Namensgleichheit ist reiner Zufall, sei dem jetzigen Geschäftsführer aber öfter zugute gekommen, weil der Gründer einen guten Ruf hatte, meinen die verbliebenen Arbeiter. Ihr heutiger Geschäftsführer hat die Tarifbindung aufgegeben

aber im Arbeitgeberverband geblieben. Seither habe es fast nur individuelle Lohnerhöhungen

gegeben. Gute Worte über ihn fallen nicht. Im Gegenteil.

Die entlassenen Arbeiter würden gerne wissen, mit wie viel Abfindung sie rechnen können, damit sie

wenigstens ein bisschen für die Zukunft planen können. Eine Einging konnte bisher aber nicht erzielt

werden. "Die Verhandlungen sind gescheitert denn was er anbietet ist in keinster Weise auch nur

ansatzweise akzeptabel", sagt Arthur Zimmermann. Das Thema Abfindung liege jetzt bei der

Einigungsstelle.

Besonders ärgert es die gekündigten Arbeiter, dass mit Hilfe von EU-Fördermitteln in Polen weiter

gearbeitet wird, während der Betrieb in Münnerstadt geschlossen wird. Das sei eine Verlagerung ein

zu eins, hauptsächlich nach Polen, betont Frank Dümling. Wilfried Müller indes sagt, dass 90 Prozent

des Umsatzes von Remog Polska mit Produkten erzielt werden, die noch nie von Remog Münnerstadt

gefertigt wurden. Das glauben ihm die Münnerstädter Mitarbeiter nicht.

Sie gehen zuvorkommend mit ihren polnischen Kollegen um, die beim Maschinenabbau helfen.

Schließlich können sie nichts dafür. Aber Anlernen an seiner Maschine möchte keiner der

verbliebenen Arbeiter seinen polnischen Kollegen. Das ginge ihnen dann doch zu sehr an die Nieren.

Auch wenn es ein schwacher Trost ist, in einem sind sich die Münnerstädter Remog-Arbeiter sicher:

"Das Know-how bleibt hier, 90 Prozent bei uns waren Facharbeiter teils mit Jahrzehntelanger

Erfahrung."

Seit die Kündigung raus ist, ist es auch in anderen Dingen still geworden. "Wir fühlen uns allein

gelassen", sagt Frank Dümling. "Wo war die ganze Öffentlichkeit, wo ist die Regierung, wo ist die

Union, die sich christlich-sozial nennt?", fragen sie. Es habe durchaus Bemühungen, beispielsweise

von Bürgermeister Helmut Blank gegeben. Aber am Ende stehen sie allein. Auf ihren Betriebsrat

lassen sie nichts kommen. Der habe alles Mögliche probiert. Leider ohne Erfolg.

Am 31, Januar fällt der Hammer. Das Licht ausmachen müssen die Remog-Mitarbeiter nicht. Das

erledigen Fremdarbeiter später. Denn die letzten Maschinen müssen ja noch weg. Unter anderem

nach Polen.

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