Münnerstadt
Kultur

"Mitten ins Herz" in Münnerstadt

Schon die Titel der ausgewählten Lieder beim Konzert von Barbara Moritz und Matthias Klink signalisierten, dass alles nicht allzu ernst werden würde.
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Barbara Moritz und Matthias Klink beim  mittlerweile  schon 30 Jahre alte "Herzilein" der Wildecker Herzbuben.  Gerhild Ahnert
Barbara Moritz und Matthias Klink beim mittlerweile schon 30 Jahre alte "Herzilein" der Wildecker Herzbuben. Gerhild Ahnert

Natürlich war es ein Heimspiel: Von Münnerstädtern für Münnerstädter in Münnerstadt: Nach dem großen Erfolg ihrer musikalischen Reise "Mitten ins Herz" hatten die Pianistin Barbara Moritz und der Geiger und Sänger Matthias Klink zur zweiten Etappe in die Alte Aula eingeladen und trafen dabei wieder mitten ins Herz: Die Mürschter strömtem herbei: zwischen Podium und Saalrückwand war kein einziger freier Stuhl mehr zu finden.

Das lag zum einen sicher am Programm. Herz reimt sich auf Schmerz, aber nicht immer - und das mobilisiert. Zumal schon die Titel der ausgewählten Lieder signalisierten, dass alles nicht allzu ernst werden würde. Aber es lag natürlich auch daran, dass man sich kennt, dass es wieder um ein Konzert gehen würde, in dem nicht Starkult gefragt und gefeiert wird, sondern eine hausmusikalische Atmosphäre, in der nicht immer alles akkurat, sondern vor allem stimmungsvoll sein muss, in dem es auch nicht stört, wenn der eine oder die andere aus Begeisterung leise dazu summt oder singt. Denn die Auswahl konnte durchaus dazu verleiten.

Obwohl der Einstieg schon sehr würde- und weihevoll war. Denn Matthias Klink spielte im Hochzeitsmarsch von Felix-Mendelssohn-Bartholdy über der akkordischen Grundlage des Klaviers seine Stimme ein bisschen zackig, militärisch und dadurch distanziert - was vielleicht nicht unbedingt die Gemütslage bei einer Hochzeit in einem "Sommernachtstraum" spiegelte, aber andererseits klar machte, warum das Ding Marsch heißt. Aber dann folgten 14 Kompositionen, die durch Gefühl, Witz, Melancholie oder Schnoddrigkeit ins Herz trafen - mindestens eins aber auch in die Leber. Wobei der häufige, mitunter auch unerwartete Wechsel von Matthias Klink zwischen Geige und Gesang natürlich schon reizvoll war. Und weil sich der Gesang mitunter auch zur Zweistimmigkeit erweiterte.

Es waren pfiffige Lieder wie "Junggesellen muss man Fallen stellen" von Erich Becht und Kurt Felz oder "Heinz, ich steh auf die wie eine Einz(s?), das Angèle Durand kurz nach der Schellackzeit populär gemacht hat. Oder Hanns Freiherr von Gumppenbergs Parodie "Ich ritzt es gern in alle Rüben ein" auf das berühmte "Ich schnitt es gern in alle Rinden ein" aus Franz Schuberts "Schöner Müllerin", wobei sich Matthias Klink so in seinen Jubelrausch hineinsteigerte, dass die Stimme sich zu überschlagen drohte. Oder "Egon", eine Vollsuff-Liebeserklärung, ein Schlager, den Friedel Hensch und die Cyprys 1952 schon geschmettert haben, der auf Herz und Leber zielte - ein gefundenes Fressen für Komödianten, zumal er eigentlich für eine Frau komponiert ist.

Aber es gab auch Kabarettistisches wie Georg Kreislers schelmisches "Mädchen mit den drei blauen Augen" oder Romantisches wie "La vie en rose", das Edith Piaf berühmt gemacht hat (da summten die Ersten im Publikum mit). Und eine starke Sinnlichkeit strahlte Astor Piazzollas berühmtes "Adios Noniño" aus, eine Hommage des Komponisten an seinen Vater, die agogisch sehr schön gestaltet war, und die auch die nötige Zeit bekam, ihre Sinnlichkeit zu entwickeln.

Dazwischen gab es immer wieder launige Zitate, Aphorismen und Gedichte über die Liebe. Dazu gehörte etwa der Satz von Hermann Bahr, dass, wenn zwei nach der Scheidung sagen, dass sie doch Freunde bleiben können, das nicht anderes ist als wenn einer sagt: "Der Hund ist tot; du kannst ihn behalten." Da gab's die Anekdote von dem Schweinfurter, der eine Paris-Reise gewinnt, dort von einer reichen Dame in ihre Wohnung eingeladen wird und am Ende nur feststellen kann, dass die praktische Liebe in Paris auch nicht anders ist als in Schweinfurt. Da gab's Gedichte wie Heinz Erhardts "Hero und Leander", in dem Leander bei seinem Unterfangen, durch den Hellespont zu Hero zu schwimmen, letztlich deshalb absäuft, weil die Post seine Besuchsankündigung zu spät zugestellt und sie deshalb keine Kerze in ihr Fenster gestellt hat. Und anderes, auch Nachdenkliches, über das man am Ende aber doch lachen konnte.

Die Folge der Zugaben eröffnete eine "absolute Weltpremiere", wie Barbara Moritz ankündigte: Ein Besuch der wohl in die Jahre gekommenen amerikanischen Opernsängerin Cynthia Dingsbums-Irgendwie (halt einer der unvermeidlichen Doppelnamen) in der alten Aula - für Matthias Klink die Gelegenheit, einmal mit brüchigem Falsett und theatralischer Gestik "I Feel Pretty" aus Leonard Bernsteins "West Side Story" zu schmettern. Fehlte zur Perfektion nur noch der Flokati-Pudel in der rechten Armbeuge. Dann saßen er und Barbara Moritz in der hintersten Ecke der Bühne wie Philemon und Baucis, noch hinter dem Flügel - die Klavierbegleitung kam jetzt aus der Konserve - und sangen das mittlerweile auch schon 30 Jahre alte "Herzilein" der Wildecker Herzbuben.

Und dann ging ein wohliges, erkennendes Raunen durch die Alte Aula: "Mürschter Land - Heimatland". Da sangen die beiden von den Schönheiten im Lauertal und im Städtchen und von dem besten Mittel gegen Heimweh: Zurückkommen oder gar nicht erst wegfahren, in Lauerstellung verharren. Da sang das Publikum begeistert mit, klatschte radetzkymäßig im Refrain den Rhythmus mit. Da war man als Mürschter nach dieser Reise durch die Herzen der anderen wieder ganz bei sich. Und man trat hinaus, der untergehenden Sonne entgegen.

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