Kleinwenkheim
Mut

Kleinwenkheim: Von der Ruine zum Traumhaus

Carlie Friedel hat für seine Familie das abbruchreife Pfarrhaus gekauft und ein Schmuckstück daraus gemacht. Es war zwar extrem anstrengend, aber es hat sich gelohnt.
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Charlie Friedel sitzt zusammen mit Ehefrau Anja Heide auf seinem Lieblingsplatz. Er hat das alte Pfarrhaus in Kleinwenkheim wieder hergerichtet. Thomas Malz
Charlie Friedel sitzt zusammen mit Ehefrau Anja Heide auf seinem Lieblingsplatz. Er hat das alte Pfarrhaus in Kleinwenkheim wieder hergerichtet. Thomas Malz
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Die Sonne hat die alten Sandsteinstufen aufgewärmt. Charlie Friedel setzt sich auf die oberste Stufe. "Das ist mein Lieblingsplatz", sagt er. Von dort aus hat er einen fantastischen Blick auf den Hügel gegenüber, auf dem die Kirche thront. Das Gotteshaus, das Alte Schulhaus und das Pfarrhaus bilden den Mittelpunkt des alten Ortskerns von Kleinwenkheim. Um ein Haar wäre dieses historische Ensemble verloren gegangen, denn das Pfarrhaus war noch vor wenigen Jahren unbewohnbar. Durch Charlie Friedels Engagement ist wieder zu einem Schmuckstück geworden. Und dafür hat er viel Mut gebraucht.

Seit 1994 wohnt Charlie Friedel mit Ehefrau Anja Heide in Kleinwenkheim. In dem Haus ein paar Meter weiter haben sie ihre fünf Kinder groß gezogen. Die jüngste Tochter Klara ist sogar dort geboren. "Jetzt wird sie 18", sagt er. Von Anfang an hat sich die Familie wohl gefühlt. Charlie Friedel spricht von guten Kontakten zu den Nachbarn und der Hilfsbereitschaft, eine richtige Nachbarfreundschaft hat sich entwickelt. Es war fast perfekt. Nur leider ist das Haus komplett Richtung Norden ausgerichtet. "Meine Frau und ich sind Sonnenmenschen." Das alte Pfarrhaus, auf das sie blickten, steht in er vollen Sonne.

Bis 2010 lebte der Ortspfarrer in dem Gebäude, dann zog er aus, weil das Haus unbewohnbar war. Dann stand es erst einmal zwei Jahre leer. Die Stadt wollte es verkaufen. Das war die Zeit sehr ernsthafter Gespräche zwischen dem Paar. "Wir haben diskutiert, ob wir uns das Wagnis antun." Schließlich war Charlie Friedel auch schon 55. "Ich habe ja schon viele Sachen gebaut, aber da war ich wesentlich jünger." Es gebe zwei Gründe dafür, dass er doch die Beherztheit aufgebracht habe, das Projekt ernsthaft in Erwägung zu ziehen. "An erster Stelle stand mein Wunsch, meiner Frau einen Traum zu erfüllen. Und ich finde es schrecklich, wenn es in solch schönen Orten wie hier Leerstand gibt." Denn Leerstand bedeute schließlich Verfall. "Ich bin mit Leib und Seele Franke", sagt er. Er fühlt sich als Kleinwenkheimer und als solcher sei es ihm ein Anliegen, das Haus im alten Ortskern zu erhalten.

Dazu gehört natürlich Mut, und Charlie Friedel hat sich so seine Gedanken darüber gemacht. "Mut bedeutet, sich engagiert dafür einzusetzen, das zu bewahren, was bewahrenswert ist." Und nicht nur das: "Man muss Mut aufbringen, gegen Missstände vorzugehen. Leerstand ist für mich ein Missstand."

Gut erinnert sich Charlie Friedel an die erste Begehung des Hauses. Das Gebäude war verwahrlost, ganze Wände verschimmelt. Mit dabei war ein befreundete Bauhandwerker, der sehr viel Erfahrung mit Restaurierungen hat. "Der war auch schockiert." Als die beiden Männer wieder draußen waren, verspürten sie das dringende Bedürfnis, sich zu desinfizieren. "Wir sind keine Spirituosentrinker, aber da haben wir erst einmal einen Zwetschgenschnaps gebraucht." Dann kam die bange Frage an den Freund, ob es denn Sinn macht: "Es geht", lautete die Antwort.

Anfang 2013 hat Charlie Friedel das Gebäude komplett entkernt. "90 Tonnen Material habe ich in Eimern herausgetragen." Bis spät in die Nacht hat er gearbeitet, Sohn Johannes hat ihm geholfen. Dann kam eine sehr kritische Bauphase, weil die Ostwand, die total marode war, komplett neu aufgebaut werden musste. Wichtig war Charlie Friedel, dass nur ökologische Baustoffe verwendet werden. Ausschließlich Ziegel baute er ein, die Dämmung besteht aus einer Hanf-Lehm-Mischung, die Holzdielen schliff er manuell ab. Charlie hat Grund dafür, das Haus so sorgsam zu behandeln: "Für mich ist das eine stattliche alte Dame mit einer ganz besonderen Form von Würde." Und: "Sie hat mich viel gelehrt, vor allem Demut."

Er sei jemand, der sehr schnell arbeitet, der schnell Ergebnisse sehen will, sagt Charlie Friedel. "Übermut ist in dem Haus der falsche Ansatz, dem Haus sollte man mit Demut begegnen." 2016 schließlich konnte die Familie einziehen. "Ich habe lange gebraucht, bis ich stolz drauf war", erinnert er sich. Es habe ihn sehr viel Energie gekostet. "In der Endphase des Baus kam Mattigkeit und Erschöpfung. Ich habe eine Erholungsphase gebraucht, um wieder Kräfte zu sammeln. Aber wenn ich erlebe, wie wohl sich meine Frau und meine Kinder fühlen, das hat sehr viel Energie zurückfließen lassen."

Sehr schön sei es auch zu erleben, wie das Dorf reagiert. Er habe diesem Haus seine Würde zurückgegeben, wird erzählt. "Diese Beherztheit, die wir hier aufgebracht haben, hat sich gelohnt", ist er überzeugt. Man spüre wieder den Herzschlag im alten Ortskern. "Mittlerweile bin ich richtig stolz drauf."

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