Maßbach
Amüsement

Französischer Humor legt sich aufs deutsche Zwerchfell

Theater Maßbach zeigt im Intimen Theater "Venedig im Schnee". Jede Bewegung, jede Miene, jeder Handgriff bekommt da geistreiche und humorvolle Bedeutung.
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Die Komödie "Venedig im Schnee” des Theaters Maßbach hatte am Freitag Premiere. Die Darsteller Anna Schindlbeck (von links),  Benjamin Jorns,  Georg Schmiechen und Silvia Steger  sorgten für eine sehr amüsante Vorstellung. Foto: Sebastian Worch
Die Komödie "Venedig im Schnee” des Theaters Maßbach hatte am Freitag Premiere. Die Darsteller Anna Schindlbeck (von links), Benjamin Jorns, Georg Schmiechen und Silvia Steger sorgten für eine sehr amüsante Vorstellung. Foto: Sebastian Worch
Selten so gelacht! Nein, wirklich: Selten so gelacht. Schließlich sind nicht alle Komödien zwangsläufig lustig. Und schon gar nicht so lustig wie "Venise sous la neige" des Pariser Schauspielers, Regisseurs und Autors Gilles Dyrek, das 2003 am Théâtre de la Pépinière-Opéra in seiner Heimatstadt seine Uraufführung erlebte, und das auf Anhieb mit 400 Vorstellungen in Folge zu einem Kassenschlager wurde.

Man muss das so betonen, weil französischer Humor nicht immer eine große Bereitschaft zeigt, sich aufs deutsche Zwerchfell zu legen. Dass er das sogar sehr gut kann, zeigen jetzt die Maßbacher im Intimen Theater mit "Venedig im Schnee" in der Regie von Susanne Pfeiffer.

Der Beginn ist nicht überraschend für eine Komödie, aber vielversprechend: Da begegnen wir zwei Paaren, die Erwartungen wecken: das "glückliche Paar" mit Nathalie (Silvia Steger) und Jean-Luc (Georg Schmiechen) und das "Paar in der Krise" mit Patricia (Anna Schindlbeck) und Christophe (Benjamin Jorns). Man merkt gleich, dass es bei dieser Kategorisierung nicht bleiben kann, sonst wär's ja eine Tragödie. Was passiert, wird nicht verraten, nur: Zu einem Partnertausch kommt es am Ende nicht. So plump ist Gilles Dyrek nicht.


Kosenamen und keine Kosenamen

Aber man merkt schnell, dass das Glück des einen Paares eine etwas wackelige Fassade ist. Sie sind die frisch Verliebten, die mit ihrem ständigen Rumgeturtel immer mehr nerven, die sich nicht mit Namen, sondern mit Chouchou und anderen Kosenamen anreden. Sie sind natürlich aufgeregt, weil sie in wenigen Tagen heiraten wollen, und die Hochzeit ist noch nicht fertig durchgestylt. Aber sie passen nicht wirklich zusammen. Nathalie ist die Elegante, geistig Regere, Spontanere, auch wenn sie nicht immer weiß, worauf sie hinauswill. Lean-Luc mit seinem selbstgestrickten Pullover und einem Loch in der Socke (ist das Kostüm oder allgemein menschlich?) ist bedächtig, ein bisschen naiv und hängt wie eine Klette an Nathalie, folgt ihr mit Helfersyndrom überall hin, auch wenn sie nur einen Korkenzieher aus der Küche der noch ziemlich unfertigen Wohnung holen will.

Patricia und Christophe haben keine Kosenamen. Sie kennen sich schon zu lange und sind gerade dabei, ein wenig auseinanderzudriften. Er sieht vor allem seine Arbeit, sie fühlt sich von ihm zu wenig beachtet und macht ihm deshalb giftige Vorwürfe, die ihn hilflos machen. Da war die Einladung von Jean-Luc an Christophe - die beiden hatten vor zehn Jahren gemeinsam studiert und sich dann aus den Augen verloren - genau das Falsche. Denn Patricia weiß überhaupt nicht, was sie da soll und zieht die stärkste Waffe: Sie schweigt, sobald die Gastgeber in der Nähe sind, ansonsten hagelt es Vorwürfe und Drohungen gegen Christophe. Mit der Methode reißt sie das Gesetz des Handelns an sich.


Themen beginnen sich zu überschlagen


Und sie gibt ihr Schweigen auf, als Nathalie und Jean-Luc zu der Erkenntnis kommen, dass sie nichts sagt, weil sie nichts versteht, also weil sie Ausländerin ist. Auf den Zug springt sie mit Elan auf, macht klar, dass sie aus Chouvenien kommt, einem Staat im ehemaligen Jugoslawien, den es in Jean-Lucs altem Diercke-Weltatlas natürlich noch nicht gibt. Und sie radebrecht in einem Kauderwelsch, in dem jeder etwas anderes zu verstehen glaubt, bringt damit aber auch Christophe in eine enorme Zwangslage. Die Themen beginnen sich zu überschlagen, von Problemen der Verständigung über Kinderwünsche bis zu Spenden von Hilfsgütern für die notleidende Choveische Bevölkerung: geistreich, komisch, entwaffnend, entlarvend.

Ein solches auf Dialogen und eiligen Missverständnissen aufgebautes Stück ist eigentlich ziemlich schwer zu inszenieren. Gilles Dyrek hat eine sehr komprimierte, aber auch glänzend gebaute Vorlage geliefert, und Susanne Pfeiffer hat mit einer akribischen Personenregie dem Spiel nicht nur Tempo und ein hervorragendes Timing verpasst, sondern dabei auch die Pointen deutlich ausgestellt. Jede Bewegung, jede Miene, jeder Handgriff bekommt da geistreiche und humorvolle Bedeutung, und man hat als Zuschauer keine Chance, mit seinen Gedanken auch nur kurz abzuschweifen.


Hohes Tempo und psychische Tiefe

Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr Mimenquartett selbst großen Spaß am Tempo und am Dialog hat, allen voran Anna Schindlbeck, die nicht nur die kalte Schulter zu Beginn, sondern auch ihr chovenisches Palaver mit slawischem Akzent, mit dem sie ihre Partner immer wieder in die Verzweiflung treibt, sichtlich genießt. Kampflos ergeben sich die drei anderen aber nicht mit ihren Volten und Versuchen zu problemlösendem Denken. Und es ist erstaunlich, wie sie alle trotz des hohen Tempos auch psychische Tiefe erreichen.

Wirklich: Selten so gelacht! Übrigens: "Venedig im Schnee" heißt eine Schneekugel auf dem Kaminsims, ein Geschenk, das Jean-Luc für Nathalie im Monoprix gekauft hat und das für bitterernste Momente sorgt.
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