Münnerstadt

Elf Mürschter Leidenschaften

Roland Brandt hat elf Stadtpersönlichkeiten gefilmt und fotografiert. Sie zeigen die Personen einmal von einer anderen Seite. Ausschnitte stellte er im Erzählcafe vor.
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Roland Brandt hat "Mürschter Leidenschaften" und die Menschen, die  dahinterstecken, gefilmt und fotografiert. Im Erzählcafé von Sankt  Elisabeth begeisterte er mit seinem Videoprojekt die Senioren. Im  Hintergrund der Mürschter Marktplatz zu einer Zeit, als dort noch VW-Käfer  das Bild bestimmten. Foto: Dieter Britz
Roland Brandt hat "Mürschter Leidenschaften" und die Menschen, die dahinterstecken, gefilmt und fotografiert. Im Erzählcafé von Sankt Elisabeth begeisterte er mit seinem Videoprojekt die Senioren. Im Hintergrund der Mürschter Marktplatz zu einer Zeit, als dort noch VW-Käfer das Bild bestimmten. Foto: Dieter Britz

Das immer wieder eingeblendete Bild vom Marktplatz aus einer Zeit, als ein VW-Käfer noch das allernormalste auf der Welt war, hat zwar mit "elf Mürschter Leidenschaften" nicht direkt zu tun - aber es war eindrucksvoll. Baldur Kolb, Organisator des Erzählcafés im Seniorenzentrum St. Elisabeth, konnte Roland Brandt als Erzähler gewinnen. Der Drehbuchautor hat elf Münnerstädter und Mürschter (nur letztere sind in der Stadt geboren) gefilmt und fotografiert und, zum Teil mit Originaltönen, daraus sehr eindringliche Portraits geformt. Sie zeigen die Personen von ganz anderen Seiten, als man sie normalerweise wahrnimmt. Karl Beudert als Bergsteiger im Hochgebirge, Ingrid Nott als leidenschaftliche Hüterin eines Museums mit Stoff- oder Porzellankatzen, Ethnologe Leo Pfennig - Roland Brandt, der aus Aura stammt und seit 30 Jahren in Münnerstadt lebt, hat sie alle aus einem der Öffentlichkeit unbekannten Blickwinkel gezeigt.

Zimmermann Paul Früh war Messner und sehr engagiert im kirchlichen Bereich. Ihn porträtierte Roland Brandt sehr einfühlsam. Zumindest gefühlt. Hunderte oder gar Tausende von Plüsch- Porzellan-, Holz-, Stoff-, Glas- und sonstigen Katzen zwischen Kitsch und Kunst bietet das Katzenmuseum von Ingrid Nott. Als Dichterin aus Münnerstadt stellte sich Franka Frieß mit ihrem Herbstgedicht vor. Dass Michael Haub Ingenieur ist, wird spätestens nach dem Film über ihn jedem klar: er hortet in seinem Keller eine große Sammlung von Oszillographen (Geräten zum Messen des Zeitverlaufs von elektrischen Spannungen) und von anderen elektrischen und elektronischen Geräten.

Anneliese Albert, bekannt unter anderem als Schul-Rektorin im Ruhestand oder zweite Vorsitzende der Kolpingfamilie, ist auch Biografin und schreibt die Geschichte ihrer Familienmitglieder nieder. "Die besten Ideen bekomme ich immer nachts, dann mache ich die Nachttischlampe an und schreibe es sofort nieder", verriet sie. Karl Beudert, in seiner Heimatstadt bekannt wie der sprichwörtliche "bunte Hund" und (zumindest gefühlt) Mitglied sämtlicher Vereine, entdeckte erst mit 79 Jahren seine große Liebe zum Klettern und sogar zu Hochgebirgstouren. Er hat auch den Montblanc bestiegen.

Gerhard Dünisch dagegen geht zum Ausleben seiner Leidenschaft lieber in den Keller. Dort steht seine riesige Modell-Eisenbahnanlage, ein Traum für jeden Eisenbahn-Fan.

Leo Pfennig macht immer wieder Schlagzeilen als Kommunalpolitiker. In Roland Brandts Videoprojekt wird er als Ethnologe vorgestellt. Er hat Interesse für fremde Kulturen, "denn damit lernt man die eigene Kultur besser kennen". Er sollte von Haus aus "was Anständiges studieren" und hat deshalb Jura studiert, "aber die Liebe zur Ethnologie ist geblieben". Mit dem verstorbenen Gymnasiallehrer Rainer Neumann hat Roland Brandt auf der fränkischen Saale Flusswanderungen unternommen, die die Saale von ihrer schönsten Seite und als einen "bedächtigen, einen faulen Fluss" zeigen. Elisabeth Mehler ist Sport-Kletterin. Sie schreckt vor kaum einer Mauer in der Rhön zurück. Die Boule-Spieler dagegen, die sich im Park beim Jörgentor treffen, pflegen eine ganz andere Leidenschaft.

Die Senioren beim Erzähl-Café bekamen nur Ausschnitte aus den einzelnen Porträts zu sehen. Wer sie in voller Länge sehen will, muss ins Rathaus gehen. Dort steht im Erdgeschoss eine Art Musikbox, aber eben mit den Videos in Langfassung statt Musik.

Roland Brandt erzählte, warum er diese Porträts erstellte: "Im Sommer 2013 wurde in Münnerstadt ein großes Loch gerissen, Kupsch wurde geschlossen". Er schlich sich hinein und schoss dort ein paar Fotos, die bei den Senioren Erinnerungen weckten. Maria Sattler startete damals die Initiative "Mürscht lebt" und forderte ihn auf "mach doch was". Deshalb baute er besagte Videobox. Nur wer schon einmal am Computer Videos und Fotos mit O-Ton, Musik und Titeln versehen und zu einem Film zusammengestellt hat, kann halbwegs ermessen, welch ungeheure Arbeit und wie viel Zeitaufwand dahintersteckt.

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