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Münnerstadt

Eine Stadt im Ausnahmezustand

1855 und 1860 fanden die ersten beiden Studiengenossenfeste in Münnerstadt statt. Wegen der Kriege 1866 und 1870/71 und der politischen Situation trafen sich die Männer erst wieder 1880. Aber da wurde richtig gefeiert.
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Das frühere königliche Gymnasium am Stenayer Platz dient schon Jahrzehnte nicht mehr als Schule. Im linken Teil sind einige Abteilungen der Stadtverwaltung und die Stadtbücherei untergebracht, rechts neben dem Eingang die Aula.  Dieter Britz
Das frühere königliche Gymnasium am Stenayer Platz dient schon Jahrzehnte nicht mehr als Schule. Im linken Teil sind einige Abteilungen der Stadtverwaltung und die Stadtbücherei untergebracht, rechts neben dem Eingang die Aula. Dieter Britz
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Die Vorbereitungen für das Studiengenossenfest der Ehemaligen des Schönborn-Gymnasiums im Juli laufen auf Hochtouren. Wieder wollen sich Hunderte von ehemaligen Schülerinnen und Schülern treffen und Erinnerungen austauschen und hoffen, dass das Corona-Virus keinen Strich durch die Rechnung macht.

Das erste Studiengenossenfest fand 1855 statt, weiter ging es 1860. Erst nach einer langen Pause trafen sich 189 Studiengenossen vom 9. bis zum 11. August 1880 wieder. Darüber wird im Programm der "königlichen Studienanstalt zu Münnerstadt" (so hieß die Schule früher) für das Schuljahr 1882/83, das 1883 gedruckt erschien, auf 49 Seiten ausführlich berichtet. Im Juli 1855 erschien unter anderem in der Neuen Münchener Zeitung und im Würzburger Anzeiger eine "Einladung zu einem Studiengenossenfeste in Münnerstadt".

Unterzeichnet ist die Anzeige von Spitalverwalter Buch, dem königlichen Advokaten Hippeli, dem Prior des Augustiner-Ordens und Studienlehrer Pater Pius Keller, Bürgermeister Mangold und fünf auswärtigen Mitgliedern des Fest-Comités. Damals wurde beschlossen, sich in fünf Jahren, also 1860, wieder zu treffen.

Fest im Jahr 1865 geplant

Die Einladung dazu erschien im Juli unter anderem im Würzburger Anzeiger. In der Anzeige heißt es, dass es 1860 gleichzeitig das 200-jährige Bestehen der Studienanstalt zu feiern gebe. Auch 1865 war ein Fest geplant. Doch am 12. August dieses Jahres erschien im Würzburger Abendblatt der Hinweis, "das diesjährige Studiengenossenfest muss wegen lokaler Hindernisse unterbleiben und soll dasselbe im Nachsommer des nächsten Jahres stattfinden, wozu die Einladungen rechtzeitig ergehen werden". Mit der Verschiebung nur um ein Jahr wurde es nichts. Auf den ersten Seiten des schon erwähnten Berichtes über das Studiengenossenfest 1880 wird ausführlich erklärt, warum es eine Pause gab bis 1880. Das politische Klima 1865/66, das im preußisch-österreichischen Krieg mündete, verhinderte in jenen Jahren ein Treffen. 1870 kam der deutsch-französische Krieg dazwischen, und "noch viel weniger aber schienen sich die folgenden Jahre für ein glückliches Gelingen des Festes zu eignen". Eine rege Beteiligung und ein gedeihliches Zusammengehen seien infrage gestellt.

Die Idee kehrt zurück

"Erst als die alles heilende Zeit ... ihren sänftigenden Einfluss zu üben begann, stieg da und dort der Gedanke auf, man solle nachholen, was der Verhältnisse Ungunst bisher nicht verstattet", schilderte der Autor des Berichts, der königliche Studienlehrer Martin Heid. Im Jahr 1880 trafen sich deshalb Honoratioren des Städtchens und bildeten wieder ein Fest-Comité. Unter ihnen waren wiederum Pater Pius Keller und Notar Zeißner, außerdem der Arzt Dr. Riegel und Rektor Seiz.

In zahlreichen Zeitungen erschien eine Einladung mit einem detaillierten Programm für ein Fest vom 9. bis 11. August.

Viele Bürger, die Teilnehmer aufnehmen wollten, putzten ihre Zimmer heraus, "auch manches Haus selber erneuerte zur Überraschung der Nachbarn sein verblasstes Gewand".

Die Stadtverwaltung strengte sich an: "Das Rathaus, dazu bestimmt, den Mittelpunkt der geselligen Unterhaltung zu bilden, erfuhr zu Festeszwecken im Innern durchgreifende Veränderungen und legte zugleich eine wesentlich gefälligere Hülle um." Die Unterbringung der Gäste war Chefsache, darum kümmerte sich Bürgermeister Bach zusammen mit Stadtschreiber Fromm. Besonders schwierig war es, jemand für den musikalischen Teil zu finden - "im Städtchen selbst pflegte ohnehin nur ein winziges Häuflein der edlen Kunst; dem aber schien es nicht recht geheuer, sich vor so manchem durch allerlei Kunstgenüsse verwöhnten Ohre zu produzieren".

Beim ersten und zweiten Studiengenossenfest waren die Teilnehmer noch "zu Fuß oder zu Wagen aus allen Richtungen der Windrose" gekommen. Da Münnerstadt ab 1874 per Eisenbahn Anschluss an die große weite Welt hatte, kamen die Gäste nun zum größten Teil mit dem Zug. Sie wurden vom Festausschuss, einer Deputation der Gemeindevertretung, den in Massen erschienenen Einwohnern und mit Böllern begrüßt.

Bummel durch die Stadt

Nachdem das Quartier bezogen war, ging es zum Stadtbummel. "Zweifelnd blickten da und dort zwei bemooste Häupter, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen, einander an, bis sie endlich in dem verwetterten Antlitz die Züge des trauten Jugendfreundes wieder erkannten. Wie dann das Auge freudig aufleuchtete, welcher Jubel losbrach ... Das musste man selbst sehen, beschreiben lässt sich's nicht", berichtet Martin Heid überschwänglich. Gefeiert wurde unter anderem in der Aula des Gymnasiums, über die wir erfahren "dem Eingang gegenüber erhob sich, von purpurrotem Baldachin überschattet, die Marmorbüste seiner Majestät des Königs".

Bei der Begrüßung betonte Studiendirektor Seiz, "das Gymnasium bildet eine große Familie. Hat es seine Söhne großgezogen, geistig geschärft und sittlich veredelt und gestählt, so entlässt es dieselben".

Keine Schülerinnen

Von Töchtern, das heißt von Schülerinnen war damals noch nicht die Rede. Junge Frauen hatten auf dem Gymnasium nichts zu suchen. Er berichtete auch, dass ein Mitschüler, "der einst die Zierde der Anstalt seiner Vaterstadt war und dessen Erscheinen den Feierlichkeiten besonderen Glanz verliehen hätte" nicht teilnehmen konnte, sich aber immerhin per Brief entschuldigte. Es war der königliche Staatsminister und Ministerpräsident Dr. Johann von Lutz, der 1826 in Münnerstadt geboren wurde und tatsächlich ein sehr guter Schüler war.

In vielen Berufen

52 der 186 Teilnehmer am dritten Studiengenossenfest, wie gesagt nur Männer, waren Pfarrer, Patres oder Theologiestudenten. Andere waren Rechtsanwälte, Notare, Ärzte oder Bürgermeister. Aber auch Herrenkleidermacher, Landwirte oder Forstamtsassistenten waren unter ihnen. Den weitesten Weg nach Münnerstadt hatte der kaiserlich russische Gymnasiallehrer Otto Bayer. Er kam aus Dorpat (damals zu Russland, heute Estland). Das Städtchen muss nach den Schilderungen von Martin Heid in den drei Tagen des dritten Studiengenossenfestes wirklich im Ausnahmezustand gewesen sein.