Münnerstadt
Geschichte

Eine Fundgrube für Münnerstädter Ortsgeschichte

Bernd Eckert sortiert seit fast fünf Jahren das Münnerstädter Pfarrarchiv. Was trocken und staubig klingt, ist manchmal richtig spannend.
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Seit Bernd Eckert pensioniert ist, kümmert er sich um das Pfarrarchiv. Es gibt viel zu tun, denn bis 2014 gab es keine einheitliche Archivierung.Heike Beudert
Seit Bernd Eckert pensioniert ist, kümmert er sich um das Pfarrarchiv. Es gibt viel zu tun, denn bis 2014 gab es keine einheitliche Archivierung.Heike Beudert
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Seit nun bald fünf Jahren geht Bernd Eckert zweimal wöchentlich an einem Vormittag in den Keller des Pfarramtes. Dort warten auf ihn ein Schreibtisch, ein Computer, eine Lupe, ein kalter Fußboden und gesammelte Akten aus sechs Jahrhunderten örtlicher Kirchengeschichte. Mittlerweile hat er die Geschichte der Münnerstädter Kirchenstiftung zu fast 90 Prozent sortiert und nach einem vorgegebenen System geordnet und katalogisiert. "Archiv ist keine tote Sache", hat er in diesen Jahren festgestellt. "Es lebt davon, dass immer etwas Neues nachkommt".

Die Pfarrei hatte einen ehrenamtlichen Archivar gesucht, nachdem die Kirchengemeinden von der Diözese angehalten wurden, ihre Pfarrarchive in Ordnung zu bringen. Auch Stadtpfarrer P. Markus Reis machte sich daraufhin auf die Suche und wurde fündig. Bernd Eckert übernahm die Aufgabe auch deshalb, weil der vorgegebene Einheitsaktenplan zur Archivierung für ihn als pensionierten städtischen Beamten kein Schreckgespenst war. "Mit dem Einheitsaktenplan habe ich bei der Stadt 47 Jahre lang gelebt".

Das Prinzip bei der Kirchenstiftung sei das Gleiche. Und auch die Themen sind manches Mal gar nicht so anders als in der Stadt, hat Bernd Eckert während der vielen Stunden, die er seit 2014 im Keller des Archivs zubringt, feststellen können. Denn das Pfarrarchiv erzählt auch immer wieder Stadt- und Zeitgeschichte. So ist Eckert beim Sortieren auf Originaldokumente aus dem dritten Reich gestoßen, in denen der NSDAP-Kreisleitung über Jahre hinweg ein Stimmungsbild von der politischen Lage in Münnerstadt geschildert wurde. "Die abgeschafften Feiertage werden in Münnerstadt weiterhin gehalten und geheiligt", ist darin nachzulesen. Die Landwirtschaft soll laut diesen Berichten der NSDAP nicht das gewünschte Interesse entgegengebracht haben und nicht alle Lehrer den Geist der Zeit ihren Schülern mit Vehemenz vermittelt haben. Wieder ein anderes Mal wird geschrieben, dass ein Fackelzug der Partei gut besucht war, dann aber wieder wird Münnerstadt als Hochburg des Katholizismus bezeichnet. Und manch Geschriebene Wort könnte auch von heute stammen: Von einer Aufwärtsbewegung könne in Münnerstadt nicht gesprochen werden, heißt es; die Finanzlage wird als katastrophal beschrieben. Es ist in diesen Dokumenten von Abwanderungstendenzen junger Familien zu lesen, weil es an vernünftigem Wohnraum mangelt. Wie diese Berichte im Original ins Pfarrarchiv gelangten, ist Eckert eher ein Rätsel. Denn für die Pfarrei seien sie sicherlich nicht bestimmt gewesen. Sie belegen dem Pfarrarchivar aber, wie sehr die Augen der NS-Machthaber bis in den privaten Bereich reichten.

Die meisten Dokumente, die Bernd Eckert sortiert, stammen aus der Neuzeit, also aus einer Zeit ab dem 20. Jahrhundert. "Auch in der Pfarrei merkt man, dass die Papierflut immer mehr zunimmt", hat Eckert registriert. Umso mehr hat ihn begeistert, als er auf die mit Hand geschriebene Kopie der Stiftungsurkunde für die Marienkapelle aus dem Jahr 1422 gestoßen ist. Und noch interessanter war, dass er bei seiner weiteren Arbeit Originalpläne aus dem Jahre 1947 für den Wiederaufbau dieser im 2. Weltkrieg zerstörten Kapelle gefunden hat. Eckert wusste bis dato nicht, dass die Kirchenstiftung nach dem Krieg erwägt hatte, die historische Kapelle und angrenzende Gebäude im alten Stil wieder aufzubauen. Woran die Pläne gescheitert sind, darüber hat er bislang keine Unterlagen entdeckt. Er hofft,die Gründe finden sich noch in Protokollen der Kirchenverwaltung. Eines ist sich der Archivar aber sicher: Der Wiederaufbau wäre eine Chance Münnerstadt und seine historische Altstadt gewesen. "Schade, dass sie nicht wieder aufgebaut wurde", meint Bernd Eckert.

Gewöhnt hat sich der Pfarrarchivar in den vergangenen Jahren an die mal leserlichen, mal unleserlichen Schriften der Pfarrer und Protokollanten. Für die ganz besonderen Fälle hat er eine Lupe am Schreibtisch liegen, um sich die Schwünge genauer zu studieren. Und wenn er im wahrsten Sinne des Wortes mit seinem Latein am Ende ist, steht ihm der Stadtpfarrer P. Markus zur Seite, um lateinische Texte zu entziffern. Der Seelsorger ist froh, dass die Pfarrei jetzt vor Ort in der Lage ist, ihr Archiv selbständig zu verwalten. Man hätte die Unterlagen auch zur Archivierung nach Würzburg geben können. Doch dann wären auch alle historischen Dokumente nicht mehr vor Ort. Das konnte man dank Eckerts Engagement vermeiden.

Die Schränke im Keller des Pfarramtes sind mittlerweile leerer geworden. Dafür sind die Regale mit den nummerierten Aktenkisten voller geworden. Doch am Ende seiner Arbeit ist Bernd Eckert noch lange nicht. Er zeigt auf ein Bündel alter handschriftlicher Unterlagen und auf die Bücher des ehemaligen Burschenheims, die noch gesichtet werden müssen. Und wenn er sich dann endlich durch die Münnerstädter Unterlagen geackert hat, geht es weiter: Die Akten aus allen Pfarreifilialen Althausen, Brünn, Burghausen und Reichenbach stehen schon zur Archivierung bereit.

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