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Münnerstadt
Rennen

Ein Foto aus Münnerstadt erzählt seine Geschichte

Die GTI-Treffen sind nicht die ersten Veranstaltungen mit schnellen Fahrzeugen in Münnerstadt. Schon vor knapp 100 Jahren organisierte der ADAC Zuverlässigkeitsprüfungen.
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Dieses Foto entstand im Jahr 1928 am Münnerstädter Schindberg. Bei der Bergprüfung dabei war ein Bugatti 35, einer der besten und teuersten Rennwagen jener Zeit. Archiv/Ferdinand Kirmeier
Dieses Foto entstand im Jahr 1928 am Münnerstädter Schindberg. Bei der Bergprüfung dabei war ein Bugatti 35, einer der besten und teuersten Rennwagen jener Zeit. Archiv/Ferdinand Kirmeier
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Für Oliver Schikora ist die Sache klar: "Wir hatten viele ganz tolle Fotos, aber das ist das beste", sagt der Vorsitzende des Altstadtvereins. Seit vielen Jahren gestaltet der Verein den Altstadtkalender mit historischen Bildern von Münnerstadt. Im Kalender des Jubiläumsjahres 2020, in dem die Stadt 1250 Jahre der ersten urkundlichen Erwähnung feiert, sind sechs Motive zu finden, die der gebürtige Münnerstädter Ferdinand Kirmeier zur Verfügung gestellt hat. Darunter ein Foto, von einem Rennwagen, der den Schindberg hinauf rast. Es stammt aus dem Jahr 1928.

Oliver Schikora outet sich als totaler Motorsportfan. "Ich habe so etwas noch nie gesehen", sagt er zu dem Foto. "Das Bild ist scharf." Man dürfe nicht vergessen, dass im Jahr 1928 den Fotografen eine ganz andere Technik als heute zur Verfügung stand. Es sei selbst mit modernen Kameras nicht einfach, so schnelle Auto zu fotografieren. "Ein tolles Foto", sagt er.

Den Bericht über den Altstadtkalender und das Foto vom Rennwagen hat auch Thomas Pfarr gelesen. "Ich habe sofort gesehen, dass es ein Bugatti ist", sagt der Oldtimerliebhaber und Anhänger des historischen Motorsports. Ein Bugatti 35, sie werden heute zwischen 700 000 Euro und mehreren Millionen Euro gehandelt, je nachdem wie viel vom Original noch in ihnen steckt. "Für mich war es unglaublich, dass zu dieser Zeit in Münnerstadt ein Bergrennen stattfand, an dem einer der schnellsten und teuersten Rennwagen jener Zeit teilgenommen hat", sagt er. Als bekennender Freund Münnerstadts wollte der Galerist das Foto unbedingt erwerben. Der Altstadtverein hat es ihm gerne überlassen, sagt Oliver Schikora. Heute hängt es eingerahmt an einem Ehrenplatz in Thomas Pfarrs Wohnung.

Dass Thomas Pfarr nicht übertreibt, zeigt ein Blick in einschlägige Fachliteratur. Der Wagen sei eine technische Meisterleistung gewesen, heißt es da unter anderem. Ettore Bugatti setzte erstmal zwei Vergaser ein, wodurch die Leistung erhöht werden konnte. Aber er erkannte auch, dass es nicht nur auf die PS ankommt und reduzierte das Gewicht des Rennwagens. Zudem galt der Bugatti 35 auch noch als schönster Rennwagen seiner Epoche.

Gerne hätte Thomas Pfarr noch gewusst, um welche Art von Rennen es sich 1928 gehandelt hat. Ein klarer Fall für Stadtarchivar Klaus Dieter Guhling. Er sucht den Zeitungsordner des Jahrgang heraus und wird nach wenigen Minuten fündig: Unter dem Vermerk "Nordbayerische Zuverlässigkeitsfahrt für Kraftfahrzeuge" war am 4. Juni 1928 folgendes in der Münnerstädter Volkszeitung zu lesen: "Gestern Vormittag fand dahier an der neuen Schindbergstraße die Bergprüfung der ADAC-Ortsgruppe Schweinfurt statt. Bereits am frühen Morgen setzte ein ohrenbetäubendes Hupen und Gurren der Motore ein, waren doch von überall her Interessenten mit Kraftfahrzeugen erschienen. Die Abhänge des Schindbergs waren mit Menschenmassen dicht belagerten und boten ein buntfarbenes Bild. Die Zuschauermenge mochte wohl nach Tausenden gezählt haben. Zu Absperrmaßnahmen waren außer der hiesigen Gendarmerie, Landespolizei und Berufsfeuerwehr von Schweinfurt hierher stationiert. Um 9 Uhr begann das interessante Schauspiel. Die Teilnehmer an der Bergprüfung fuhren durchweg mit staunenswerter Geschwindigkeit, wie nachstehende Übersicht beweist."

Es folgte die Auflistung der Bestplatzierten, in den verschiedenen Motorradkategorien von 175 Kubikzentimeter Hubraum bis über 600 Kubikzentimeter. Dann kamen die Namen derer, die aufgeben mussten. Auch die Gründe verschwieg die Zeitung nicht. Sie reichten von Vergaserdefekt bis Benzinbruch, womit wohl die Benzinleitung gemeint sein dürfte. Und in der Auflistung gab es da noch einen interessanten Hinweis: "...Frau Dr.Schmidt, Lindenfels, wegen Maschinenschaden (letztere fuhr einen Sportwagen)."

Mehrere Sport- und Rennwagen sind neben den Motorrädern gestartet. "Die Strecke, die zurückgelegt werden musste, betrug acht Kilometer mit teils 9,7 Prozent Steigung und insgesamt 255 Meter Höhenüberwindung", stand in der Zeitung. Und die Veranstaltung sei "bis ins Kleinste wunderbar organisiert " gewesen. Die erfolgreichsten Teilnehmer kamen aus München, Nürnberg, Suhl und Stuttgart. "Wenn man das Starterfeld betrachtet, war das ein ganz elitäres Rennen mit den besten Rennsportmotorrädern und Autos, die es auf dem Markt gab", sagt Thomas Pfarr. Und die Starter seien die absolute Elite gewesen. Hans Hecker war darunter, der eigene Motorräder baute und viele bekannte Namen mehr. "Das ist eine kleine Sensation, dass sie alle in Münnerstadt gestartet sind."

Ob es so etwas mehrfach in Münnerstadt gegeben hat, ist schwer zu sagen. Die Zeitung schrieb 1928 nur, dass es diesmal bei der Bergprüfung keinen Unfall gegeben hat. Die anderen Rennen können durchaus an anderen Orten stattgefunden haben. Aber das wird sich sicher auch noch herausfinden lassen.