Maßbach
Theater

Die Pointen treffen messerscharf

Ein mitreißendes Sommervergnügen ist das Stück "Wir sind die Neuen" im Theater Schloss Maßbach über Absurditäten von Jung und Alt.
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Generationenkonflikt zwischen zwei Wohngemeinschaften, den Alten, die als die "Neuen" im Haus der Jungen einziehen (links: Marc Marchand, Susanne Pfeiffer, Ingo Pfeiffer), und den heutigen Jungen, die sich in ihrer Strebsamkeit belästigt fühlen von den chaotischen Altachtundsechzigern (rechts: Lukas Redemann, Anna Schindlbeck, Alena von Aufschnaiter), der auf der Maßbacher Freilichtbühne dann doch glimpflich endet. Foto: Sebastian Worch
Generationenkonflikt zwischen zwei Wohngemeinschaften, den Alten, die als die "Neuen" im Haus der Jungen einziehen (links: Marc Marchand, Susanne Pfeiffer, Ingo Pfeiffer), und den heutigen Jungen, die sich in ihrer Strebsamkeit belästigt fühlen von den chaotischen Altachtundsechzigern (rechts: Lukas Redemann, Anna Schindlbeck, Alena von Aufschnaiter), der auf der Maßbacher Freilichtbühne dann doch glimpflich endet. Foto: Sebastian Worch

Die Fetzen fliegen im Theater Schloss Maßbach, wo sich zurzeit zwei Generationen Wortgefechte liefern, die dem richtigen Leben bedenklich nahekommen. Die Pointen treffen messerscharf, sodass sich kaum einer entziehen kann, gehört er nun zu den "Alten" oder zu den "Jungen".

Wie ein Schlachtfeld ist die breite Maßbacher Freilichtbühne in zwei feindliche Lager aufgeteilt: Links ziehen die "Neuen" ein, die eigentlich die Alten sind, Alt-Achtundsechziger, die in ihrer Rentner-WG noch mal ihre glorreiche Studentenzeit aufleben lassen wollen, rechts wohnen drei adrette, leistungs- und zielbewusste Studenten unserer Tage. Mit denen erleben die feierlustigen Alten das, was ihnen einst von der älteren Generation widerfahren ist, als sie laut, rücksichtslos, nachtaktiv neben den ruhebedürftigen älteren Hausbewohnern einzogen. Denn die neuen Jungen sind "seltsam erwachsen", haben "Verlobte" statt wildem Sex jeder mit jedem und leben kurz vor dem Examen in "einer total sensiblen Zeit", in der sie Ruhe brauchen und "keine Kapazitäten frei haben", um sich mit den Alten von nebenan zu beschäftigen oder ihnen gar zu helfen. Sie machen ihnen von Anfang an klar, dass sie ihre "Armen-Alters-WG" samt Bewohnern verachten, weil die nichts gemacht haben aus ihrem Leben.

Filmregisseur und Drehbuchautor Ralf Westhoff brachte mit "Wir sind die Neuen" 2014 eine Geschichte ins Kino, die die besten Eigenschaften der angelsächsischen Boulevardkomödien - treffsichere Dialoge und eine spannungsreiche Handlung - einbringt in eine typisch deutsche Generationengeschichte: die flippigen Achtundsechziger und ihre stromlinienförmig angepassten Sprösslinge.

Das Maßbacher Produktionsteam hatte offensichtlich viel Freude am Ausgestalten von deren zwei Lebenswelten. Bühnenbildner Robert Pflanz und Requisiteurin Kathrin Hartmann haben so viele Details zusammengetragen, dass man schmunzeln muss über die "Pril"-Blumenaufkleber auf den Küchenschränken, die zusammengestoppelte Sitzgruppe, ständig leere Weinflaschen und was sich sonst so noch an Devotionalien der 68er ansammelt auf der linken Seite der Bühne in Orange-Braun zum Wiedererkennen.

Rechts herrscht dagegen rationale Kühle in Weiß und Blau - und Ordnung: Die Schuhschachteln im Regal tragen Fotos der in ihnen verstauten Schuhe, Mikrowelle und bunter Menüzettel des Asia-Caterers sorgen für das leibliche Wohl und der Hausordnungsplan ist genauso unabdingbar wie Mülltrennung, Müsli und Joghurt. Die ersten Treffen der so diameträr unterschiedlichen Welten enden in Feindseligkeiten, Vorschläge zu Kontakten laufen ins Leere. Das Stück ist perfekt gebaut, steuert auf einen Höhepunkt des Unverständnisses und der Arroganz zu, auf dem die gefühligen Alten den Jungen zunächst jegliches menschliche Mitgefühl verweigern, als die durch Examensangst, Liebeskummer und Hexenschuss plötzlich gar nicht mehr so cool und überlegen sind, und die die Alten rüde beschimpfen.

Doch müssen die romantischen Alt-Linken auch feststellen, dass ihr Jugend-Revival in die Langeweile und Einsamkeit führt. Und dieser Höhepunkt des Gefechts birgt auch die Möglichkeit eines unsentimentalen, ganz und gar schönen Happy Ends für die Beteiligten in sich, bei dem man nicht mehr über die vielen komischen, absurden Konfliktsituationen lacht, sondern darüber, wie albern es doch ist, solche Konflikte aufzubauen und wie natürlich, sich einfach einzulassen auf das Anderssein der Anderen.

Regisseur Rolf Heiermann hat mit minutiöser Personenregie, geschickter Vermeidung von Stereotypen, stattdessen liebevollem Eingehen auf die Befindlichkeiten der beiden Kontrahentengruppen deren Eigenliebe und Fähigkeit zur Gemeinheit genauso glaubhaft herausgearbeitet wie die Wandlung zum Positiven glaubhaft gemacht. Mit flotter und mitreißender Taktung der Abläufe nimmt er das Publikum mit, lässt es die klugen Pointen auskosten und keine Längen aufkommen.

Die sechs Schauspieler schwingen sich großartig ein in das Geschehen, das auch mal turbulent wird, aber immer übersichtlich bleibt. Die Alt-68er-WG ist mit Susanne Pfeiffer als Anne, Marc Marchand als Johannes und Ingo Pfeiffer als Eddi prominent besetzt. Marchand spielt den freundlichen Arme-Leute-Anwalt, der auch bei den Wohnungsnachbarn deren eigentliche Unsicherheit erkennt und einfach hilft, mit viel Glaub- und Liebenswürdigkeit. Ingo Pfeiffer schafft es zu zeigen, dass Eddie, der sich sein ganzes Leben lang nicht lösen konnte aus den Illusionen seiner Studentenzeit, auf dem Weg zu einer ehrlicheren Einschätzung seiner selbst ist. Anne wird von Susanne Pfeiffer als die typische unsichere WG-Frau gegeben, die ständig rastlos und auf der Suche nach einem Glück ist, dem ihre Rastlosigkeit schon so lange entgegensteht. Bei den "Jungen" spielte Anna Schindlbeck gewohnt souverän die Jurastudentin Katharina, die an ihren Ansprüchen an sich selbst beinahe zugrunde geht, aber sich schwertut, Hilfe anzunehmen. Lukas Redemann gab den mit fast noch kindlich naiver Ernsthaftigkeit studierenden Thorsten, der alles richtig machen will, doch erst im Zusammentreffen mit den "Alten" seinen Weg findet. Fast-Debütantin Alena von Aufschnaiter überraschte durch ihre sehr präzise Gestaltung der Rolle der Kunststudentin Barbara, die mit allen generationstypischen Übertreibungen ihren Liebeskummer austobt, aber auch mit Eiseskälte ihre Position in der Paarbeziehung zu ihrem Freund austariert.

Es war ein wunderbar humorvoller, spannender, vom Wortwitz des Autors, Einfallsreichtum des Regisseurs und der Spielfreude des Ensembles zu einem mitreißenden Sommervergnügen gewordener Abend im Park des Schlosses Maßbach. Unbedingt zu empfehlen, wenn man über die Absurditäten von Jung und Alt, also die der meisten Zeitgenossen, mal richtig und herzlich lachen will.

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