Leubach
Tradition

Die letzten Rhöner Schlittenbauer in Leubach

Andreas Weber und sein Neffe Alexander Hergenhan stellen in Leubach bis zu 150 Schlitten im Jahr her. Der Betrieb besteht schon seit 1924, und die kleine, aber feine Werkstatt soll noch lange fortbestehen.
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Andreas Weber mit Neffe Alexander Hergenhan vor den Schlitten in der Werkstatt.  Fotos: Julia Raab
Andreas Weber mit Neffe Alexander Hergenhan vor den Schlitten in der Werkstatt. Fotos: Julia Raab
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Es ist winterlich draußen, endlich hat es geschneit. Schlitten raus und los geht's. Den Davos-Schlitten hat die Autorin vererbt bekommen. Er ist mindestens 30 Jahre alt, aus Holz, unzerstörbar und - wer hätte das gedacht - gleich um die Ecke in einer kleinen Werkstatt der Familie Weber aus Leubach an der Grenze zu Thüringen gefertigt. Die Region ist ideal zum Schlittenfahren.

Hinter jeder Ecke verbirgt sich eine tolle Abfahrtsmöglichkeit und verspricht Spaß nicht nur für die Kleinen. Doch was heute ausschließlich Freizeitvergnügen bedeutet, stammt aus einer Zeit, in der die Schlitten in erster Linie zum Transport von Lebensmitteln zwischen den Dörfern im Winter verwendet wurden. Der Beruf des Wagners - er existiert heute nicht mehr, denn er hat ausgedient. Früher gab es ihn in jedem Ort, um Fuhrwerke herzustellen und in Stand zu halten. Zum Glück aber gibt es noch wenige, die die Tradition des alten Berufes weiterführen, und heute vor allem Kinderaugen zum Leuchten bringen.


Individuelle Schlitten

Individuell angefertigt und nicht vom Fließband im Ausland hergestellt, und nicht schon nach zwei Wintern kaputt, das verspricht seit 1924 der kleine Wagnerbetrieb in einer alten Werkstatt der Familie Weber, der heute ausschließlich Rodelschlitten herstellt.


Vom Vater übernommen

Andreas Weber, 54 Jahre alt und Zimmermeister, übernahm den Betrieb und alle Techniken und Feinheiten des Wagner-Berufs von seinem Vater Hellmut Weber. Dessen Vater Josef gründete den Betrieb. In erster Linie entstanden vor Kriegsbeginn in den Händen des Großvaters Fuhrwerke für die Ernte, vor die Ochsen oder Pferde gespannt wurden. Da das Holz auch sehr anfällig war, galt es, die Räder in Stand zu halten. Zudem wurden für die rauen und schneereichen, Rhöner-Winter Schlitten und Skier gebaut, um den Transport zu erleichtern. Mit der Errichtung mehrerer Reichsarbeitsdienste in der Umgebung wuchs in den 1930er Jahren der Bedarf an Wintersportgeräten wie Skier und Rodelschlitten aus Holz.

Den Höhepunkt der Produktion erlebte der Betrieb - bereits in den Händen von Vater Hellmut - in den 1970er Jahren. In dieser Zeit wurden 6000 Schlitten jährlich produziert und verkauft. Doch dann kam der Einbruch: Die Kunststoffproduktion übernahm den Markt und die unverwüstlichen, aber aus der Mode geratenen Holzschlitten wurden weniger nachgefragt. Hellmut Weber und sein Sohn Andreas betrieben die Werkstatt von nun an nebenberuflich, aber an ein Ende der Produktion haben sie nie gedacht, die letzten Schlittenbauer der Rhön.


Qualität immer wichtiger

"Es kamen auch Anfragen von großen Supermarktketten, aber dort wurde so am Preis gedrückt, dass die Qualität auf der Strecke geblieben wäre", erzählt Andreas Weber mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Das wolle er auf keinen Fall, denn das ist es, was den Weber-Davos-Schlitten ausmache. Möglichkeiten für eine Expansion des Betriebs gab es mehrere, aber Qualität war immer wichtiger als alles andere. Frischen Wind brachte 2013 sein Neffe und Schreinermeister Alexander Hergenhan in die Werkstatt.

Auch er war von Kindesfüßen an in der Werkstatt mit dabei und verfolgt die selbe Linie wie sein Onkel Andreas. "Bis vor wenigen Jahren wurden die Schlitten aus Buchenholz gefertigt. Heute nehmen wir Eschenholz", erklärt Hergenhan. Dieses Holz habe eine längere Faser, sei elastischer und verleihe dem Schlitten ein edleres Aussehen. Sie seien dadurch qualitativ hochwertiger als zuvor. Neu sei auch, dass der Schlitten auf Kundenwunsch einen farbigen Anstrich bekommen kann, "und wir gehen ganz individuell auf die Wünsche ein, zum Beispiel, dass wir die Namen des Kindes eingravieren", meint der Schreinermeister.


Rohmaterial aus der Region

Die Kundschaft komme - dank Internet - aus ganz Deutschland und natürlich aus der Umgebung. Denn hier sei der Name vielen einen Begriff, man unterstütze die heimische Produktion gerne. Regionale Vermarktung, Besuche auf Weihnachtsmärkten und handwerkliche Vorführungen - darauf legen sie Wert, in der Tradition des Wagner-Berufs. Auch das Rohmaterial für die Schlitten werde ausschließlich von Zulieferern aus der näheren Umgebung bezogen, sagt Hergenhan. Der Davos-Schlitten ist kein geschützter Begriff. Er steht lediglich für die Form des Schlittens, weshalb auch viele billig hergestellte Davos-Schlitten im Verkauf sind.


Keine Serienanfertigung

Dazu meint Weber: "Unsere Schlitten kann man nicht vergleichen. Sie sind keine Serienanfertigung, und man muss sie auch vorbestellen, wir produzieren nur in unserer Freizeit." Bis zu 150 Schlitten erstellen Onkel und Neffe jährlich, das möchten sie auch so beibehalten. Alles andere könnten sie nicht vertreten.



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