Münnerstadt
Kultur

Die Knef gehört zu Münnerstadt

Eine besondere Lesung gab es im Projekt else!²: Die Münnerstädter Litera(n)ten Bärbel Fürst, Bernt Sieg und Jens Müller-Rastede traten mit Milli Genth auf.
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Die Münnerstädter Litera(n)ten haben wieder ein Stück örtliche Kultur-Geschichte geschrieben: Im Bild Bernt Sieg und Jens Müller-Rastede. Hartmut Hessel
Die Münnerstädter Litera(n)ten haben wieder ein Stück örtliche Kultur-Geschichte geschrieben: Im Bild Bernt Sieg und Jens Müller-Rastede. Hartmut Hessel
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" In dieser Stadt..., " Meint sie uns? Für die vielen Gäste im vollen Bärensaal klang das sehr heimisch. Doch Hildegard Knef ( 1925 - 2002) sang zeitlebens von "dieser Stadt, da war ich mal zuhaus..." Das war Berlin und dort wird sie, die Schauspielerin, Sängerin und Buchautorin von all jenen verortet, die sich mit der Geschichte dieser einmaligen Künstlerpersönlichkeit beschäftigen. Den Münnerstädter Litera(n)ten Bärbel Fürst, Bernt Sieg und Jens Müller-Rastede konnte nichts Besseres passieren, ihrem fünfjährigen Bestehen als Ensemble die schonungslose Offenbarung einer leidenschaftlichen Frau inmitten einer brutalen bis zynischen Zeit in Deutschland ihrem Publikum zu präsentieren.

Mit der wohl ironisch gemeinten Bemerkung, sie könnten lesen aber nicht singen, hatte Bärbel Fürst Milli Genth in die Mitte des Programms gehoben. Die wollte wohl auch ein wenig "die Knef" sein, so ungewohnt aufgebrezelt erschien sie auf der Bühne. Am Ende dieses aufwühlenden musikalischen Gewitters wussten alle " in dieser Stadt", bleibe ich Milli Genth. Die überzeugte Münnerstädterin kann textlich fremdgehen. Sie übernahm auch melodisch mit ihrem Instrument, der Gitarre die Betonungen des Knef'schen Ausdrucks, blieb jedoch nach anfänglicher Ehrerbietung vor der großen Sängerin bei ihrer eigenen starken musikalischen Wirkung. Stehender Applaus nach " Ich möchte am Montag mal Sonntag haben..." in der Zugabe, war besonders ihr gewidmet.

"Leere bunte Zigarettenschachteln und zerknülltes Butterbrotpapier.." In dieser Stadt, die wir so gut kennen, lassen sich Überbleibsel jeden Tag finden. Nicht nur "... der Schulweg, den wir täglich machten..." hinterlässt Spuren von Unrat. Um in der Zeit zu bleiben, wäre es für Hildegard Knef wohl ein Leichtes, in einem aktuellen Chanson über den geistigen Unrat von heute zu singen. "Die größte Sängerin ohne Stimme", wie die amerikanische Jazzsängerin Ella Fitzgerald einmal über ihre deutsche Kollegin wohlmeinend urteilte, hatte in ihrem Leben eine Maxime, den Tabubruch.

Innerlich, das zeigen die über 200 Lieder und Gedichte, die sie verfasste, suchte "Die Knef" Ausgeglichenheit durch Vertrauen. Nach Außen drangen enttäuschte Sehnsüchte und missbrauchtes Vertrauen. Sie ließ ihren Gefühlen immer freien Lauf." Zwischen zwei verdunkelten Laternen, stand ne Bank, mein erster der hieß Fritz ... " Schöne Münnerstädter Stadtmauerromantik könnte man meinen. Doch nach "Fritz" waren es Ehemänner, gute Freunde, Zufallsbekannte. Männer, denen sich die gebürtige Ulmerin hingezogen fühlte, die sie aber fast durchwegs enttäuschten. Sie nahmen ihre Millionen mit und ließen sie mit den alltäglichen Schwierigkeiten alleine.

Jens-Müller Rastede hatte den biografischen Teil der Lesung übernommen. Er zeichnete sprachlich ein Leben nach, dessen Höhepunkte auch gleich mit dem freien Fall verbunden waren. Als Kind wurde sie Berlinerin, hatte bald "die Schnauze" der Stadt drauf, scherte sich nicht um Konventionen. Die 40er Jahre in der später zweigeteilten Hauptstadt waren von Überlebensstrategien geprägt. Der Schrei nach Liebe und der Wunsch, sich auf die Welt des Theaters und des Films einzulassen, brachte die junge Hildegard Knef zur UFA-Filmfabrik. Erst zeichnen und malen, dann ein wenig schauspielern und zum Kriegsende eine Affäre, "Hilde" wie sie vielfach genannt wurde, nutzte die Chance, auch wenn sie keine mehr hatte. Zwischen 1947 und 2002 war sie dreimal verheiratet und hatte eine Tochter aus zweiter Ehe. Ihr Leben war Teil des Boulvards, fast immer begleitet von einer Journalistenmeute.

Bärbel Fürst und Bernt Sieg übernahmen in der Lesung Teile aus Gesprächen, in denen Hildegard Knef tabulos ihr Leben interpretierte. Sie hatte viel zu berichten, leider auch sehr viel richtig zu stellen. Diplomatie war nicht ihre Sache, Politik auch nicht und trotzdem beschäftigte diese sich immer wieder mit den Tabubrüchen der Berliner Göre. Es war vor allem die "gelbe" Presse, die sich an den Geschichten über Hildegard Knef nicht satt genug schreiben konnte.

Wenn Milli Genth " Ich brauch´ Tapetenwechsel!" interpretiert, kommt gleich wieder der Bahnhof in den Sinn. Vor dem "else!² 2018 Projektort kann man mit Fantasie "auf dem Beet ein Geburtstagsstrauß für Mutter klauen" , aber auch Hilde am Bahnsteig stehen sehen "am Schienenstrang zur großen Welt" und sie wieder mal flüchtet. Aus dieser Stadt. Ihre, meist spektakulären, Wechsel von Berlin nach Hollywood und zurück beschreibt sie in Liedern und Gedichten. Sie spricht offen über ihre Schwächen. Gerade in den Momenten, wenn sie wieder mal sprichwörtlich mit Nichts einen neuen Anfang startete, spürt man in ihren Worten die größte Lebensleistung - Hoffnung!

Milli Genth ließ mehrfach "rote Rosen regnen" über ein Publikum, das von der ersten Silbe an die Lippen bewegte, die feuchten Augen pflegte und sich im tosenden Applaus erging. Ob gepfiffen, gesummt oder gesungen, ob "rote Rosen" Münnerstadt erretten wird, ist bisher nicht ausgemacht. Sicher ist, die Litera(n)ten haben wieder ein Stück örtliche Kultur-Geschichte geschrieben.

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