Münnerstadt
Kultur

Deftige Kost mit "Tafelspitzen"

Die Litera(n)ten begeisterten im übervollen Deutschherrnkeller mit Ungeheuerlichkeiten und Banalitäten aus dem Reich der Esskultur. Die Musik setzte das Sahnehäubchen auf.
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Milli Genth, Detlev Beck, Sabine Häring, Bernt Sieg, Bärbel Fürst und Jens Müller-Rastede bei ihrem Auftritt im Deutschherrnkeller. Hartmut Hessel
Milli Genth, Detlev Beck, Sabine Häring, Bernt Sieg, Bärbel Fürst und Jens Müller-Rastede bei ihrem Auftritt im Deutschherrnkeller. Hartmut Hessel
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Es ist angerichtet. Der Tafelspitz des Deutschherrnkellers, auch als Hochzeitsessen bekannt, ist wie viele Jahre lang gewohnt, einfach genial. Für die Spitzen selbst sorgten wieder die Münnerstädter Litera(n)ten, inzwischen ein Kultensemble in den Kellern der Stadt. Die Würze zum Kulinarischen stammt allerdings nicht von Bärbel Fürst, Bernt Sieg und Jens-Müller Rastede, sondern die Drei sind die Transporteure von Ungeheuerlichkeiten oder auch Banalitäten, die von Kaiser und Königen, Despoten oder Aufschneidern, aber selbst von fehlerhaften Normalbürgen in die Welt gesetzt werden.

Und Geschichten zum Essen und Trinken, zu den Gewohnheiten und Übelkeiten gibt seit Jahrhunderten genug zu erzählen.

Die Litera(n)ten hatten eine Auswahl davon in das übervoll besetzte Kellerlokal in Münnerstadt mitgebracht und schlugen mit Witz und komödiantischer Wut ihre Verbal-Menüs ins Publikum. Ein Glück, dass die meisten bereits den faktischen Teller leergeräumt hatten, denn angesichts dessen, was das so auch der literarischen Küche von der Bühne kam, konnte man sich heftig verschlucken.

Da gab es einen Kaiser, der "König der Könige", der 1971 ein Jubiläum feierte, der den Protz der 2500 Jahre alten persischen Monarchie mit viel Pomp zelebrierte. Ein Party, wie sie auch dieser Erde so noch nie geboten wurde. Alleine die Vorbereitung, in der Folge die Darbietung und später eine vernichtende Analyse der verbrauchten Ressourcen, die Litera(n)ten machten aus der Partylaune von damals eine schockierende Nachbetrachtung und die blieb nicht die einzige an diesem Abend.

Einfacher gestrickt ist da die Geschichte vom Suppenkaspar, dessen Verweigerung in wenigen Tagen zum Ende seines Daseins führte oder andersherum Salvador Dali, der von sich sagte: "Alles Essbare begeistert mich" und der sinnlich den Weg der Begeisterung in den - seinen - Körper beschrieb. Da findet sich das Publikum wieder, so wie vielleicht bei dem Obelix, dessen Stärke viel Wildschwein verbraucht, aber auch bei der Geschichte der Suppenterrine, die es immer weniger auf den Esstisch schafft, weil Anglizismen, wie "Bowl" heute mehr in sind und auch der Inhalt der Behälter- "food" - mehr Achtsamkeit, aber vor allem Stil und Gesundheit suggerieren sollen. Dass das alles "to go" zu bekommen ist, drückten die Musikanten des Abends spontan mit dem alten Werbeschnitzel "die fünf Minuten-Terrine" aus.

Überhaupt die Musik. Im siebten Jahr ihres Bestehens ist bei den Litera(n)ten zusammengekommen, was in Münnerstadt zusammengehört. Milli Genth, deren Soloprogramme bereits eine vielschichtige Mischung aus Text- und Klangfolgen mit tiefsinnigen Aussagen aus mitunter banalen Geschichten aufweisen, findet, zusammen mit Sabine Häring und Detlev Beck kongeniale Musikstücke, die der szenischen Lesung im wahrsten Sinne des Wortes das "Sahnehäubchen" aufsetzen. Dazwischen werfen sie mit "Apfelmus" um sich oder wollen "noch´n Toast mit Ei". Da passt Grönemeyers "Currywurst" garantiert noch auf den Teller. Während wir den Italienurlaub durch dieselbige Küche zu Hause verlängern wollen, singt Milli Genth ein enthusiastisches "O Sole Mio" - natürlich mit Sonnenbrille - oder als es ums Essen und Trinken in den sogenannten besseren Kreisen geht, findet die kleine Band mit dem "Champus-Lied" den richtigen Verschlucker.

Die besseren Kreise glauben an das bekömmlichere Essen. Dabei sind es nicht unbedingt die Zutaten, sondern die Umstände, die entweder den Appetit verstärken oder ihn vergehen lassen. Als Politiker in der Vergangenheit galt Helmut Kohl mit seinem Lieblingsgericht, dem "Pfälzer Saumagen" als Garant für manche Anekdote. Ebenso das Zusammentreffen mit russischen Staatenlenkern, wie Michail Gorbatschow oder Boris Jelzin, sowie Leonid Breschnew verlangte gerade bei der Trinkfreudigkeit besondere Vorkehrungen. Die Litera(n)ten zeigten schonungslos die taktische Finesse, wie politische Ereignisse durch kluge Essen- und Getränkeauswahl gesteuert werden konnten. Dem Schah von Persien hat seine Super-Party nicht viel geholfen. Sein Volk hat den Verschwender verjagt.

Die Geschichte der Esskultur wurde immer mal wieder aufgezeichnet. Der Buchdruck hat jedes Rezeptgeheimnis offenbart. So ist ein gewisser Tannhäuser - ja der, dem Richard Wagner ein Denkmal gesetzt hatte - im 13. Jahrhundert daran gegangen, Tischsitten vorzugeben und vorzuleben. Ein anderer, Erasmus von Rotterdam, hat im 16. Jahrhundert das noch in seiner Direktheit verstärkt. Das Publikum 2019 nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass Esskultur auch heute noch sehr unterschiedlich gelebt wird.

Die Büchse ist eine Erfindung unserer Zeit. Die industriell gefüllte jedenfalls. Die Sardinenbüchse wiederum hat es in sich, wenn es um das Öffnen derselben geht. Schon mal probiert? Wenn nicht, die Litera(n)ten hatten eine genaue Vorgangsanleitung dabei, die bei gefühlten 10 Minuten jede Sauerei beschreiben, derer man sich dann nicht mehr rühmen muss. Köstlich. Es war wieder ein dichtes Programm, ein aufmerksames Publikum, ein auf Wachstum ausgerichtetes Unterhaltungsangebot, abseits der Kommunalpolitik in Mürscht. Für die Litera(n)ten könnten die heimischen Keller zu klein werden, angesichts derer, "die bestraft werden, weil sie zu spät kommen". Gibt es dazu Alternativen?

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