Münnerstadt
Geschichte

Das jähe Ende eines Gotteshauses

Die Marienkapelle gehörte zu den Schätzen der Münnerstädter Altstadt, die unwiederbringlich verloren gegangen sind. In einer kleinen Serie erinnern wir an die historischen Gebäude.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Marienkapelle (links) ist im April 1945 den Bombenangriffen der US-Amerikaner zum Opfer gefallen. Stadtarchiv Münnerstadt
Die Marienkapelle (links) ist im April 1945 den Bombenangriffen der US-Amerikaner zum Opfer gefallen. Stadtarchiv Münnerstadt
+3 Bilder

Dass Münnerstadt über eine einzigartige Altstadt verfügt ist unbestritten. Leider sind im Laufe der Zeit wertvolle Gebäude verschwunden und auch für Münnerstadt gilt, dass nach dem Krieg mehr historische Bausubstanz vernichtet wurde als im Krieg selbst. Die uralte Marienkapelle in der oberen Hauptstraße (heute Veit-Stoß-Straße) wurde bei den Bombenangriffen der US-Amerikaner Anfang April 1945 zerstört. Der Name Kapellengasse zwischen Hauptstraße und Anger erinnert noch heute an das Kirchlein, das auch Marktkapelle oder Frauenkapelle genannt wurde.

Im Münnerstädter Stadtarchiv finden sich eine Vielzahl historischer Belege zur Marienkapelle. So meldete die Münnerstädter Volkszeitung am 14. Oktober 1902, dass der Kirchenbau-Verein Münnerstadt 2100 Mark für die Restauration der Marktkapelle verwendet hat. Knapp 30 Jahre später gab es wieder Restaurierungsarbeiten. Diese nahm Augustinerpater Josef Eckstein zum Anlass, die Geschichte des Kirchleins ausführlich zu erzählen. Am 30. Juli 1931 erschien der erste Teil in der Zeitung.

Auch er konnte das Rätsel um den Ursprung der Kapelle nicht lösen. Denn der halbkreisförmige gewölbte Chor war im romanischen Stil gebaut, was auf die Zeit um 1250 verweisen würde. Die erste Bauinschrift trug allerdings die Jahreszahl 1410. Zu den Ursprüngen gab es verschiedene Vermutungen. So brachte Nikolaus Reiniger (1852) die Marktkapelle mit einem Frauenkloster jn Zusammenhang. Dr. Engelhardt (1925) vermutete eine jüdische Synagoge als Ursprung. Pater Josef Eckstein nahm diese Theorien auf und fügte noch eine weitere Möglichkeit hinzu. So könnte es durchaus sein, dass die Apsis - der halbkreisförmige Raum - der Überrest einer romanischen Kapelle sein, die 1410 ein neues Schiff bekam. Leonhard Rugel ging in einem Artikel im Vinculum im Jahr 1968 davon aus, dass sich an dieser Stelle vor 1410 ein normales Gebäude befand.

Verbürgt ist, dass der Würzburger Amtsmann Peter von Brünn vom Deutschen Orden die Erlaubnis bekam "Ein Capellen zu bauen Zu der Ehr der Königlichen Jungfrau Marien..." Begonnen wurde mit dem Bau am Markustag (25. April) 1410. 1418 vermachte Peter von Brünn ihr ein ewiges Messbeneficium. Der Deutsche Orden stellte fortan den Vikar, der auch für die Pfarrei Burglauer zuständig war.

Mehrfach wurden die Kapelle zweckentfremdet. So diente sie während des Bauernaufstandes 1525 als Lagerhaus für Plündergut. 1588 ging sie zusammen mit der Burgläurer Kirche in den Besitz des Deutschen Ordens über. Die Augustiner hatten 1565 Münnerstadt verlassen. Ab 1605 diente das Kirchlein weltlichen Zwecken, davon ausgenommen war allerdings der Altarraum. Er wurde durch ein hölzernes Gitte vom Hauptraum getrennt.

Mit der Rückkehr der Augustiner 1650 brachen für die Marktkapelle wieder bessere Zeiten an. Da das Kloster während der langen Abwesenheit der Augustiner unbewohnt war, wurde ihnen das Gattenhofsche Haus zugewiesen und als Hauskapelle das benachbarte Kirchlein, die Marienkapelle. Es wurde ihnen erlaubt, Messen zu halten, Beichten abzunehmen und die Kommunion auszuteilen. Die Augustiner richteten die Kapelle zunächst her, bauten 1651 eine hölzerne Empore ein. 1652 kehren die Patres und Brüder in das wiedererrichtete Kloster zurück, kümmerten sich aber weiter um die Marienkapelle, die in den Jahrhunderten immer wieder restauriert werden musste.

Ausführlich wird in der Unterlagen im Stadtarchiv die Inneneinrichtung beschrieben. An der Ostseite befand sich der Chor mit dem Altar. Pater Josef Eckstein ging davon aus, dass es früher noch zwei Seitenaltäre gegeben hat. Über dem Westportal thronte eine überlebensgroße Muttergottesstatue.

Pater Josef ließ seine ausführlichen Aufzeichnungen mit folgenden Worten enden: "In kurzen Strichen ist die Geschichte der Marienkapelle gezeichnet. Manches Fragezeichen bleibt bestehen. Wenn auch nicht alle Rätsel der geschichtlichen Vergangenheit gelöst werden können, so freuen wir uns doch, dass das Kirchlein noch besteht, dass es wieder in guten Zustand gesetzt ist, freuen uns, dass das interessante Baudenkmal einer ferneren Generation hinübergerettet werden kann."

Der Pater konnte 1931 nicht ahnen, dass die Jahrhunderte alte Kirche nur 14 Jahre später in Schutt und Asche fallen sollte, Das ganze Areal wurde bei einem Bombenangriff Anfang April 1945 zerstört. Obwohl die Unterlagen vorhanden waren, wurde die Marienkapelle nicht wieder aufgebaut. In einem Zeitungsbericht vom 14. November 1966 über die Marktkapelle kam der Autor zu dem Schluss: "Gerade der Verlust eines so bedeutenden Gotteshauses soll der Stadt Verpflichtung sein, ihre restlichen Gotteshäuser zu pflegen und zu erhalten." Das dürfte eine Anspielung gewesen sein, weil die Stadt damals den Abriss der Friedhofskapelle plante. Diese wurde ein Jahr später tatsächlich abgerissen, ihre Geschichte hatten wir im ersten Teil der Serie "Verlorene Schätze" aufgezeichnet.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren