Poppenlauer
Brauchtum

Mit dem Schwein im Schlepptau

Die "Cocksinnung" zelebriert den Brauch, nach der Kirchweih ein Schwein feierlich zum Schlachter zu bringen - und es natürlich später zu verspeisen.
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Mit ernster Miene ziehen die Männer der Cocksinnung den Karren mit dem Schwein durch den Ort. Fotos: Björn Hein
Mit ernster Miene ziehen die Männer der Cocksinnung den Karren mit dem Schwein durch den Ort. Fotos: Björn Hein
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In Poppenlauer geht es am Dienstag nach Kirchweih schon am Morgen recht lustig zu. Zahlreiche Männer haben sich hier vor dem Gasthaus "Zum Goldenen Löwen" gegen 8 Uhr versammelt, alle tragen eine schwarze, rundliche Kopfbedeckung. Ein kleiner Wagen mit Getränken wird herbeigebracht, der den Zug begleiten soll. "Was, mit dem Wägelchen wollt ihr das Schwein holen? Da passt höchstens ein Spanferkel hinein", lacht einer. "Es wird immer schlimmer bei uns. Nur noch Spezi und kleine Biere", feixt ein anderer. Als Unbeteiligter ist man ob diesen Treibens etwas ratlos. Ist man natürlich Poppenläurer, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat: die Cocksinnung "in Blüten" 1919 Poppenlauer ist gerade auf dem Weg, ihren "höchsten Feiertag" - wie es die Mitglieder ausdrücken - zu begehen. Doch der Reihe nach.


Hüte aus England

Gegründet wurde der Verein im Jahr 1919, dem Jahr, in dem zahlreiche Poppenläurer Männer aus der Kriegsgefangenschaft aus England zurückkamen. Von dort aus brachten sie auch ihre sie bezeichnende Kopfbedeckung mit, einen original englischen steifen "Cocks". "Bis vor kurzem wurden unsere Hüte noch extra aus England importiert, heute bekomme man den Cocks auch von einheimischen Hutmachern", weiß der Vorsitzende der Cocksinnung, Roland Seufert, zu berichten. Schwer müssen die Zeiten damals gewesen sein: nach einem entbehrungsreichen Krieg, der Hölle von Verdun entronnen, ging es damals für viele deutsche Soldaten in englische Kriegsgefangenschaft.


Ein neues Leben

Glücklich, dem Tod auf dem Schlachtfeld entronnen und von der Gefangenschaft endlich wieder nach Hause zurückgekehrt zu sein, muss es sich damals für die Männer so angefühlt haben, als beginne für sie ein neues Leben. "Für sie war es so etwas wie ein zweiter Geburtstag", erklärt Stefan Sluzar von der Cocksinnung. Und da kann man die Freude und gute Laune verstehen, mit der auch heute noch dieses Fest begangen wird.
Doch es ist nicht alles nur Spaß, für die Mitglieder der Cocksinnung ist es eine große Ehre, in dieser tätig sein zu dürfen. Dies merkt man, wenn sich der Zug vom Gasthaus "Zum Goldenen Löwen" in Gang setzt. Jedes Mitglied trägt neben dem Cocks eine schwarze Hose und ein weißes Hemd - was genau in den Statuten geregelt ist. Ernst setzt man sich unter Musikbegleitung in Marsch und zieht die Hauptstraße hinauf. Was auffällt ist, dass nur Männer zu sehen sind. Frauen können nämlich nicht Mitglied werden. Dies hat wohl auch mit der Gründungsgeschichte des Vereins zu tun - bestanden die ersten Mitglieder doch nur aus Kriegsveteranen, und unter diesen waren eben keine Frauen.


Mit ernstem Schritt

Jedenfalls begibt man sich ernsten Schrittes zum ehemaligen "Roten Ochsen", wo auf einem fahrbaren Hänger bereits ein Schwein wartet, das ob des großen feierlichen Empfangs fröhlich grunzt. Dass dies sein letzter Tag auf dieser Welt sein wird, ahnt es natürlich noch nicht - schließlich soll es bald geschlachtet werden, denn es gibt an diesem Tag Kesselfleisch. Auch dies ist ein Brauch, der von früher kommt. Sollte doch auch den armen Cocksern an diesem Tag die Möglichkeit gegeben werden, dass sie sich einmal richtig satt essen können.
Mit dem Schwein im Schlepptau macht man sich wieder auf "Zum Goldenen Löwen", natürlich nicht, ohne zuvor an verschiedenen Stellen ausgiebig Rast zu machen und die Kehle zu ölen. Auf dem Weg sieht man vereinzelt Zuschauer, die den Cockser winken, und in der Nähe des Kindergartens schauen sich auch viele Kinder mit ihren Eltern das Spektakel an. Das Schwein ist in seinem fahrbaren Transportkäfig natürlich mit dabei. Und dass die Cockser ein weiches Herz haben, zeigt die Tatsache, dass in scheinbar unbeobachteten Momenten der eine oder andere das Tier traurig-ernst anblickt und ihm verstohlen über den Kopf streichelt.
Doch es hilft alles nichts: Das Schwein wird an diesem Tag sein Leben lassen. Dass es schnell und ohne Schmerzen geht, dafür sorgen die Metzger aus den eigenen Reihen, die das Tier sofort fachgerecht zerlegen und verarbeiten. Unter Begleitung der Kapelle wird das "Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod" aus der Feder von Wilhelm Hauff gesungen, ein Lied, das auch heute noch die Cockser ergriffen macht.


Fröhlich wird dann gefeiert

Nach diesem ernsten Moment begibt man sich mit viel Hallo in den Gastraum des "Goldenen Löwen", wo gemütliches Beisammensein ist. Fröhlich und ausgelassen geht es hier zu, es wird ausgiebig gefeiert. Um Punkt 12 Uhr gibt es dann Leberknödelsuppe, anschließend das traditionelle Kesselfleischessen. Natürlich muss auch keiner verdursten.
Aber trotz allen Spaßes: Die Pflege des Anstands und die Wahrung der guten Sitten stehen nicht nur in den Statuten als ein Zweck und Ziel des Vereins, sondern sie werden auch eingehalten. Ohne natürlich das Pflegen der Geselligkeit, ein weiterer Punkt in den Statuten, zu kurz kommen zu lassen. Sind beim Mittagessen die Männer noch unter sich, so dürfen am Abend auch die Frauen dazustoßen und mitfeiern. Der Verein kann auf eine durchgehende Tradition zurückblicken. Zwar wurde er von den Machthabern im Dritten Reich verboten, aber unter der Hand machte man trotzdem weiter, wie Gerhard Lauerbach, langjähriger Vereinsvorsitzender, erzählt.


Geselligkeit wird gepflegt

Wie es in dieser Zeit genau zugegangen ist, weiß man natürlich nicht mehr. Aber dass die Cocksbrüder es sich auch in dieser dunklen Zeit nicht nehmen ließen, ein Schwein schwarz zu schlachten - was bei Entdeckung empfindliche Strafen nach sich gezogen hätte - zeigt, dass man eisern an den Traditionen festhält und auch gegenüber der Obrigkeit keine Kompromisse macht. Dabei hat man natürlich sehr viel Spaß.
Und auch die Geselligkeit pflegt man das ganze Jahr über. Die ehernen Gesetze, die zu Anfangszeiten galten, haben sich allerdings gelockert. Durften 1919 nur Katholiken dem Verein beitreten, so ist man heute konfessionell offen. Und auch die Regelung, dass nur der Erstgeborene eines Cocksbruders wieder Cockser werden kann, ist aufgehoben. Eines ist aber immer noch in der Satzung festgehalten: Nur in Poppenlauer wohnhafte Männer dürfen der Cocksinnung beitreten.
Bei der Veranstaltung am Dienstag nach der Kirchweih zeigte sich, dass auch nach fast 100 Jahren immer noch die Tradition hochgehalten wird. Und auch eines ist wie zu Anfangszeiten geblieben: Man ist immer noch sehr stolz darauf, Mitglied der Cocksinnung zu sein.
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