Münnerstadt
Jubiläum

Geschäftsfrau vom alten Schlag

Hedwig Reuscher kennt keinen geregelten Acht-Stunden-Tag, keinen Freizeit-und Urlaubsanspruch. Trotzdem denkt sie nach 60 Jahren noch nicht an Ruhestand.
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Hedwig Reuscher heute an der modernen Scannerkasse. Foto: Heike Beudert
Hedwig Reuscher heute an der modernen Scannerkasse. Foto: Heike Beudert
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Hedwig Reuscher macht nicht viel Aufsehen um ihr Jubiläum. Im Mittelpunkt stehen ist nicht ihre Sache, große Worte auch nicht. Seit 60 Jahren steht die Seniorchefin von Eisen Krais mittlerweile im Laden. Das ist ihr Leben. In Rente zu gehen, kann sie sich auch mit 76 Jahren nicht vorstellen. Sie wüsste ja gar nicht, was sie machen solle, meint sie. Die Firma ist Teil ihres Alltags, seit sechs Jahrzehnten.
Am 1. August 1956 begann für Hedwig Reuscher das Berufsleben. Sie hatte gerade erst ihr Abschlusszeugnis der mittleren Reife in der Tasche, als sie ihre kaufmännische Lehre im Betrieb ihres Vaters antrat. Urlaub oder Ferien vor Antritt einer Ausbildung - das war vor 60 Jahren noch nicht üblich, erinnert sich Hedwig Reuscher zurück.


Vom Topf bis zur Kohle

Eisen Krais war immer schon der Laden, in dem man viele Dinge des täglichen Gebrauchs erwerben konnte: Haushaltwaren ebenso wie Eisenwaren. "Die Nägel wurden damals noch abgewogen", erinnert sich Hedwig Krais. Der Kohlehandel war zu dieser Zeit ein weiteres Standbein des Betriebs. Hedwig Krais weiß noch, wie mühselig es war, wenn ein Waggon Kohle am Bahnhof entladen werden und in die Firma gebracht werden musste und dort eingelagert wurde. Einmal hat sie selbst einen Zentner Kohle für einen Kunden schaufeln müssen, weil gerade keiner der Männer zur Hand war. Hedwig Krais sagt, "dass es sehr lange gedauert hat".


Steter Wandel

Der Wandel war eine der Konstanten im langen Berufsleben von Hedwig Reuscher. Immer wieder musste der Betrieb sich den Kundenwünschen und dem wachsenden Sortiment anpassen. 1956 spielten Design und Auswahl noch nicht die große Rolle. Viel kleiner waren deshalb auch die Geschäftsräume. Es gab eine Theke, um die herum die wichtigsten Sortimente gelagert waren. Viele Artikel waren aber nur im Lager vorrätig. Wurden sie verlangt, musste man in die Scheune und meist auch noch auf die Leiter steigen, um das zu holen, was gebraucht wurde.
Als Hedwig Reuscher 1963 heiratete und in den Jahren zwischen 1965 und 1969 vier Kinder zur Welt kamen, war von Mutterschutz und Erziehungszeiten noch keine Rede. Hedwig Reuscher stand weiterhin im Geschäft. Zwischen Büro und Küche gab es ein kleines Zimmerchen. "Da war der Laufstall". "Ich bin jetzt seit 50 Jahren im Laden", meint deshalb ihr Sohn Arno Reuscher lachend. Beruf und Familie habe sie deshalb miteinander vereinbaren können, weil ihr eine "tüchtige Haushaltshilfe" zur Seite stand.


Chefin in dritter Generation

1973 hat Hedwig Reuscher den Betrieb vom Vater übernommen und führte ihn dritter Generation das Geschäft mit ihrem Mann weiter. Die folgenden Jahrzehnte waren geprägt von verschiedenen Umbauten. Das Geschäft musste den neuen Anforderungen angepasst werden. Hinten liegende Scheunen wurden abgerissen, die Verkaufsfläche Stück für Stück erweitert. "Beim Umbau haben wir alles selbst gemacht", erzählt Hedwig Reuscher.


Den Wandel mitgetragen

Mit der Verkaufsfläche stieg auch das Sortiment. Hedwig Reuscher kennt es in- und auswendig. Nur bei den Drogeriewaren halte sie sich zurück und überlasse die Beratung den Angestellten, erzählt Hedwig Reuscher. Keine Probleme dagegen hat sie mit dem technischen Wandel. Die modernen Scannerkassen sind ihr lieber als die alten Registrierkassen von früher. "Es ist schön, dass man nicht mehr alles schreiben muss", stellt die Seniorchefin von Eisen Krais fest.
2002 hat Hedwig Reuscher das Geschäft an ihren Sohn Arno übergeben. Hedwig Reuscher und ihr Mann unterstützen ihren Sohn, wo sie können. Denn sie wissen, dass es in einem Städtchen wie Münnerstadt heute schwierig ist, ein Geschäft zu führen. Hedwig Reuscher hat manchmal das Gefühl, dass Auswärtige das Geschäft oft mehr schätzen als die Einheimischen. "Fremde freuen sich, wenn sie kommen, weil es so einen Laden bei ihnen nicht mehr gibt", meint Hedwig Reuscher.


Kaum Freizeit

Viel Zeit für die persönliche Freizeit hat es in den vergangenen 60 Jahren nie gegeben. Sie sei in vielen Vereinen, erklärt Hedwig Reuscher. Aber überall sei sie eigentlich nur zahlendes Mitglied. Jeden Früh geht Hedwig Reuscher mit dem Hund spazieren, ehe der Laden öffnet. Da komme sie an die frische Luft. Ans Aufhören hat sie bislang nie gedacht. "Man ist es einfach so gewohnt."
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