Münnerstadt
Kindertheater

Ein komischer Wicht stiftet in Maßbach Chaos

Zum 80. von Paul Maar haben die Maßbacher auf der Freilichtbühne sein "Eine Woche voller Samstage" inszeniert - zur großen Freude nicht nur der Kinder.
Artikel drucken Artikel einbetten
Herr Taschenbier (Benjamin Wilke) und das Sams (Philipp Locher) haben sich endlich angefreundet - und sie werden dabei durchs Fenster beobachtet von den drei Erzählern (von oben nach unten) Iris Faber, Franz-Xaver Zeller und Franziska Theiner).  Foto: Sebastian Worch
Herr Taschenbier (Benjamin Wilke) und das Sams (Philipp Locher) haben sich endlich angefreundet - und sie werden dabei durchs Fenster beobachtet von den drei Erzählern (von oben nach unten) Iris Faber, Franz-Xaver Zeller und Franziska Theiner). Foto: Sebastian Worch
Eine Wunschmaschine, das wär's doch! Sich etwas wünschen können - und der Wunsch geht in Erfüllung: ein Glas Limonade ... und es steht auf dem Tisch: ein Fahrrad ... und es lehnt am Gartenzaun. Die Erledigung der Hausaufgaben ... und die Schulhefte rascheln zufrieden. Aber man muss auch verdammt vorsichtig sein, lieber erst mal nachdenken. Denn wenn man seinen besten Freund in einem Wutanfall dahin wünscht, wo der Pfeffer wächst, ist er plötzlich nicht mehr da, sondern auf Cayenne. Man könnte ihn sich vielleicht zurückwünschen, wenn man es merkt. Aber blöd ist das schon.

Herr Taschenbier hat keine Wunschmaschine. Aber er könnte eine gebrauchen. Denn sein Leben als Büroangestellter ist so grau und eintönig wie sein Anzug. Es läuft immer nach demselben Schema: Am Sonntag scheint die Sonne, am Montag der Mond, Dienstag ist Dienst, Mittwoch ist die Mitte der Woche, am Donnerstag donnert's, am Freitag hat er frei. Und am Samstag? Das ist das Problem.

Aber jetzt gibt's die Lösung. Denn Paul Maar wird 80 dieses Jahr am 13. Dezember. Was der mit Herrn Taschenbier zu tun hat? Ganz einfach: Er hat ihn erfunden. Und mit ihm das berühmte Sams, diese merkwürdige Kreuzung aus Schwein, Igel und Pumuckl, das Herrn Taschenbier jede Menge Probleme ins Haus bringt, sie aber am Ende - womit man eigentlich gar nicht rechnet - auch zur Zufriedenheit aller löst.


Bereits sieben Bände

Die Maßbacher haben den runden Geburtstag zum Anlass genommen, sein Stück "Eine Woche voller Samstage" wieder einmal für die Kinder auf die Freilichtbühne zu bringen. Wieder, weil das Stück 1986 in der Bühnenfassung seine Uraufführung in Maßbach erlebte. 1973 erschien das Buch "Eine Woche voller Samstage" in Hamburg. Mittlerweile gibt es, neben mehreren Verfilmungen und weiteren Bühnenbearbeitungen, bereits sieben Bände über das ungleiche Paar - also für jeden Wochentag einen.

Die Geschichte ist eigentlich kompliziert, aber von bezaubernder Logik und damit schlüssig. In einer Pappkiste neben seinem Haus findet Herr Taschenbier - in der Inszenierung ist das ein bisschen anders - ein ganz merkwürdiges Wesen, mit dem er am liebsten nichts zu tun haben will. Aber es nennt ihn Papa, und er wird es nicht mehr los. Wobei ihm weniger Sorgen bereitet, dass das Sams ein Allesfresser ist, das sich auch an Möbel heranmacht. Das kann er in den Griff bekommen. Aber Frau Rotkohl, seine bigotte Zimmerwirtin, vor der hat er echt Angst, die kündigt ihm mit Sicherheit, wenn sie das Sams entdeckt. Natürlich passieren jede Menge Katastrophen und Grotesken. Und irgendwann begreift Taschenbier, dass die blauen Punkte im Gesicht des Sams Wunschpunkte sind, von denen mit jedem Wunsch einer verschwindet.


Selbstbewusst

Am Ende sind sie aufgebraucht, das Sams muss weiterziehen. Aber es verspricht, mit neuen Punkten wiederzukommen. Vor allem aber: Taschenbier ist ein selbstbewusster Mensch geworden, weil er zum ersten Mal in seinem Leben seine Wünsche nicht nur entdeckt, sondern auch geäußert hat.

Sandra Lava hat mit ihrer Truppe eine köstliche, gemütliche, witzige, spielfreudige Inszenierung erarbeitet, die die Kinder und ihr Verständnis von der Welt ernst nimmt. Es ist kein Kasperltheater geworden ("Seid ihr alle da?"), es rennt kein Clown mit blöden Sprüchen durch die Reihen, sondern sie vertraut auf die wissende Neugier der Kinder. Die geben ihr Recht, denn sie sind bis zum Schluss bei der Sache. Sie merken selber, dass sie etwas verpassen, wenn sie Blödsinn machen. Was nicht heißt, dass es nicht hoch hergeht auf der Tribüne.

Aber es sind so viele witzige Details und kindlich-lebenslustige Weisheiten umgesetzt, dass man einfach dabei bleiben muss. "Der Anfang war cool", meinte ein junger Zuschauer zu seinem Nachbarn. Da lief das Stück erst zehn Minuten.

Aber auch der Truppe bereitet das Spiel sichtliches Vergnügen. Benjamin Wilke ist zu Beginn ein herrlich schreckhaft-verklemmter Herr Taschenbier, der plötzlich merkt, was er mit ein bisschen Selbstbewusstsein erreichen kann, der nicht nur Frau Rotkohl in den Griff bekommt, sondern auch seine Chefin.


Idealbesetzung

Philipp Locher ist für das Sams in seinem Taucheranzug die Idealbesetzung: höchst wendig, rotzfrech, penetrant, gefräßig. Aber je mehr Wunschpunkte aus seinem Gesicht verschwinden, desto mehr wird er zu einem Hausgenossen, der mit seinem naiven Optimismus geradezu liebenswerte Qualitäten entwickelt.

Und man kann die Trauer von Taschenbier bei seinem Weiterziehen ebenso verstehen wie dessen Freude über das Versprechen wiederzukommen. Und Silvia Steger ist eine humorlose und kontrollbesessene Zimmerwirtin Frau Rotkohl, die immer - ob mit Absicht oder nicht - "Herr Flaschenbier" sagt und die ziemlich aus der Fassung gerät, als sie ihrem Mieter gegenüber plötzlich freundlich wird. Sie kann ja nicht wissen, dass der sich das gewünscht hat.


Zehn Nebenrollen

Und dann gibt es noch das Trio mit Iris Faber, Franziska Theiner und Franz-Xaver Zeller. Sie sind die Kümmerer, die Erzähler, die verraten, wie es weitergeht oder das Geschehen kommentieren. Sie schlüpfen in die zehn Nebenrollen von Abteilungsleiter im Kaufhaus über Eisbär bis Frau Z. Und sie schieben die liebevoll gestalteten Wohn- und Hauswände der kleinen Taschenbierschen Welt über die Bühne, die Melanie Als Dorf gestaltet hat. Sie hat mit Daniela Schüller auch die Kostüme entworfen.

"Eine Woche voller Samstage" ist ein ganz großer Spaß für Kinder jeden Alters geworden. Und wer nach der Aufführung nach Hause kommt, kann auch mal im Keller bei den alten Kartons nachschauen, ob da nicht zufällig ein Sams schläft. Er sollte es wecken.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren